Wenige Noten, viel Gehalt

Er ringt um jeden fragilen, geheimnisvollen Ton: An Weihnachten wurde der Saxofonist Heinz Sauer 80, und eine neue CD zeigt: Der König der Entschleunigung ist auf der Höhe seines Schaffens
| Ssirus W. Pakzad
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Es dauerte eine Weile, bis sich Heinz Sauer von seinen Vorbildern befreit hatte. Aber dann ging’s mit dem Sax-Autodidakten steil bergauf.
Es dauerte eine Weile, bis sich Heinz Sauer von seinen Vorbildern befreit hatte. Aber dann ging’s mit dem Sax-Autodidakten steil bergauf.

Rund um den 80. Geburtstag, den der Saxofonist Heinz Sauer am ersten Weihnachtsfeiertag im heimatlichen Königstein im Taunus beging, hagelte es Würdigungen in den Feuilletons der Republik, strahlten alle öffentlich-rechtlichen Sender Sonderprogramme aus. Dieser ganze Trubel war dem Jazz-Musiker des Guten zu viel.

Zu seinem Wiegenfest erschien jetzt auch noch ein Album mit dem Pianisten Michael Wollny, das erst im September in einer Kirche aufgenommen wurde und Heinz Sauer auf der Höhe seines Schaffens zeigt („Don’t Explain”/ACT). Kaum einer spielt so wenige Töne, und bei fast niemandem sonst haben diese spärlichen Noten so viel Gehalt. Sein Partner Wollny sagt, es sei „ein echtes Ringen um jeden Ton, ein Verwerfen, Abwägen”. Sauers Spiel? Es klingt fragil, unergründlich, geheimnisvoll, suchend, lauernd und trifft den Zuhörer im Mark, wenn ein Aufschrei plötzlich dieses Zarte zerreißt, das auf deutlich vernehmbaren Luftsäulen im Raum stand.

Heinz Sauer hat sein ganz persönliches Tempo vor Dekaden gefunden. Er ist der König der Entschleunigung. „Gerade wenn man sehr virtuos spielen will, lässt sich nicht alles in Sekundenbruchteilen neu erfinden. Der Kopf ist nicht so schnell”, erzählt er am Rande des Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt. „Ich habe mich allmählich darauf konzentriert, langsamere Stücke zu spielen, um Gewalt über jede Note zu haben. In solchen Stücken bin ich nicht darauf angewiesen, irgendwelche angelernten Figuren zu spielen.”

Bis zur Selbstfindung hat es ein Weilchen gedauert. Anfangs, als sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt eine Jazz-Szene bildete, von der die wichtigsten Impulse im Lande ausgingen, „da haben wir die Amerikaner bewundert, da waren wir alle Epigonen”. Doch der Posaunist Albert Mangelsdorff, mit dem der studierte Physiker und Saxofon-Autodidakt Heinz Sauer ab 1960 fast zwei Jahrzehnte spielte, ermahnte seinen Holzbläser, sich frei zu machen von Vorbildern. Diese Forderung setzte Sauer dann auch bald um und wurde wie Mangelsdorff zu einer Leitfigur des deutschen Jazz.

Und wie hat sich der Tenorsaxofonist gewandelt, seit er seinen charismatischen Stil entwickelte? „Früher habe ich sehr aggressiv gespielt, wohl auch aus Protest gegen die ältere Generation, die noch voller Nazis war. In unserer Haltung steckte damals auch die Hoffnung, dass etwas besser wird. Und jetzt? Wogegen soll man noch groß protestieren? Es ändert sich doch nichts. Es ist eine depressive Zeit, in der wir leben. Die Aussichtslosigkeit ist ein bisschen größer geworden. Und das hört man der Musik an.”

Heinz Sauer & Michael Wollny, 9. Januar, Unterfahrt, 21 Uhr, Einsteinstraße 42, Eintritt: 18/9 Euro, Tel.448 27 94

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