Weltpolitik als Hintergrundrauschen

Auf ihrem neuen Album erzählen U2 und Frontmann Bono von der Macht der Gefühle
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Bassist Adam Clayton, Gitarrist The Edge, Sänger Bono und Drummer Larry Mullen jr. (von links) vor der Kulisse der marokkanischen Stadt Fez.
Universal Bassist Adam Clayton, Gitarrist The Edge, Sänger Bono und Drummer Larry Mullen jr. (von links) vor der Kulisse der marokkanischen Stadt Fez.

Auf ihrem neuen Album erzählen U2 und Frontmann Bono von der Macht der Gefühle

"Ich will nicht über, den Krieg zwischen den Nationen sprechen. Nicht jetzt“, singt Bono auf der eben erschienenen U2-Single „Get On Your Boots“. Nächsten Freitag erscheint das neue Album „No Line On The Horizon“. Produziert hat das Werk ein bekanntes Trio aus Roxy-Musik-Avantgardist Brian Eno, Daniel Lanois und Steve Lillywhite. Lanois und Eno sind mit „The Unforgettable Fire“ (1984) und vor allem „The Joshua Tree“ (1987) und „Achtung Baby“ (1991) langjährig U2-erfahren.

Die Band setzt auch auf diesem Album darauf, emphatisches Erleben in Pop zu übersetzen. Die weltpolitische Lage ist aber als Hintergrundrauschen wahrnehmbar. Das beginnt schon bei der Wahl der Aufnahmeorte: das marokkanische Fez, New York und London. Klang-Ausreißer ist der rückwärtsgewandte Synthie-Ausflug in die 80er mit „Magnificent“. „Moment Of Surrender“ wärmt im Gegensatz zur Retro-Mode als Gospel, der sich die Zeit nimmt, über Orgel-Akkorde von der Liebes-Macht der ersten Begegnung zu erzählen. Immer dann, wenn auf dem Album das ganz Private in den Vordergrund tritt, spürt man die Wucht dieser Produktion. In „I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight“ und seinem Springsteen-Appeal kann man den Stadion-Song ahnen, der mit der ganzen Kraft einer lückenlos gebauten Soundwand zukünftige laue Sommernächte feiert.

Nicht alles ist eitel

Mit der zunehmenden politischen Präsenz Bonos stehen U2 nämlich vor einem ästhetischen Problem: In der Kultur der Diplomatie werden die unterschiedlichsten Interessen im Hinblick auf ein Ziel hin ausbalanciert. Und das Ergebnis war zwangsläufig irgendwann, dass man von George W. zu einem Dinner ins Weiße Haus eingeladen wurde. U2-Gitarrist The Edge versuchte das zu verhindern, während Rock-Kollegen, die sich gegen das Antichambrieren entschieden, sich die Freiheit bewahrten, den Bush ganz unpolitisch, aber korrekt zur Hölle zu wünschen.

Und so kann man, wenn der Sänger sich in „Cedars Of Lebanon“ telefonisch aus dem fernen Land mit der Geliebten daheim in Verbindung setzt, einen Bono sehen, der als Welterfahrener über Kinder, Soldaten, Minarette und die höheren Mächte reflektiert und, den Zwang zur Bedeutsamkeit spürend, „Choose your enemies carefully ’cos they will define you“, raunt. Wenn das Gefühl der eigenen Wichtigkeit die Herrschaft über die Kunst übernimmt, wird es eitel und flach.

Christian Jooß

U2: „No Line On The Horizon“ (Island/Universal), ab 27. 2.

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