Weisheiten und Allgemeinplätze

Valery Gergiev setzt seine zyklische Aufführung aller Symphonien von Dmitri Schostakowitsch fort
| Volker Boser
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Der russische Dirgent Valery Gergiev.
Marco Borggreve Der russische Dirgent Valery Gergiev.

Valery Gergiev setzt seine Aufführung aller Symphonien von Dmitri Schostakowitsch fort

Kurz nach der Pause passierte es: Mikhail Petrenko hatte gerade die ersten Zeilen der für die 13. Symphonie („Babi Yar”) entstandenen Gedichte Jewgeni Jewtuschenkos hinter sich gebracht, als ihn eine plötzliche Indisposition befiel. Standhaft kämpfte sich der Bassist durch die verbleibenden 45 Minuten. Aber dass die in den Texten beschworene Scham über die Geschichte des Antisemitismus in Russland mehr Nachdruck – und wohl auch ein markanteres Stimmtimbre – erfordert hätte, war unüberhörbar.

So endete der erste der beiden Schostakowitsch-Abende des Mariinski-Orchesters in der Philharmonie weitaus unspektakulärer, als man es sich erhofft hatte. In sieben Konzerten präsentiert Dirigent Valery Gergiev abwechselnd mit den Münchner Philharmonikern und „seinen” Musikern aus St. Petersburg alle Symphonien des noch immer unterschätzten Russen.

Die Werke mit Chor waren, womöglich aus ökonomischen Gründen, um Reisespesen zu sparen, in ein Programm gezwängt worden. Verglichen mit der späten „Babi Yar”-Symphonie sind Nr. 2 („Dem Oktober gewidmet”) und Nr. 3 („Der 1. Mai”) allenfalls Fingerübungen. Zur Zeit der Entstehung mögen sie avantgardistisch gewirkt haben. Sie ziehen sich ziemlich in die Länge. Der ausgezeichnete Mariinski-Chor konnte nicht allzu viel retten. Und auch Valery Gergiev wirkte merkwürdig uninspiriert.

Auch der zweite Abend begann zwiespältig. Unabhängig von ihrem Programm, das die Ereignisse der Oktoberrevolution feiern soll, bietet die 12. Symphonie lediglich musikalische Allgemeinplätze. Kraft, Intensität und Emotionen fehlen. Bewunderungswürdig, wie das Orchester immer wieder versuchte, den leeren Klanghülsen mit grandiosen solistischen Einzelleistungen Paroli zu bieten.
Erneut irritierte die fahrige und reichlich müde Zeichengebung des Dirigenten: Valery Gergiev schien sich erst für die 8. Symphonie wirklich zu interessieren. Sie ist ein Meisterwerk, komponiert nach dem Sieg der Roten Armee in Stalingrad. Der Triumph wird bekenntnishaft in musikalischen Ausdruck umgesetzt, nicht allzu optimistisch, bisweilen geradezu sarkastisch (3. Satz). Es gelang eine überwältigende, bewegend authentische Aufführung. Am Ende blieb das Publikum fast eine Minute still, ehe riesiger Jubel einsetzte.

Der Zyklus wird am 5. und 6. Mai mit den Symphonien Nr. 6, 7, 9 und 10 fortgesetzt. Karten Tel. 93 60 93

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