Weggeplumpst

Der Flaneur ärgert sich über die Vergesslichkeit und verrät nebenbei eine geniale Geschäftsidee
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Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur".
dpa Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur".

Der Flaneur ärgert sich über die Vergesslichkeit und verrät nebenbei eine geniale Geschäftsidee

Auf der Straße bewegen sich immer nur Menschen, die mehr oder weniger alle Tassen im Schrank und auch sonst alles beieinander haben. Sie sind vollständig bekleidet und machen einen gefassten Eindruck. Immer haben sie den Schlüssel zur Hand, mit sie schon von fern die Tür ihres parkenden Autos entriegeln. An den Kassen zahlen sie ohne Zucken ihren Einkauf. Erstaunlich selten kommt es vor, dass ein Kunde zunehmend nervös seine Taschen abklopft und dann, kurz bevor er vor Scham im Boden versinkt, leise stammelt, er müsse sein Portemonnaie vergessen haben.

Das Bild von Ruhe und Ordnung trügt. Man sieht bekanntlich nur die im Lichte. Die Dramen spielen sich im Dunkel der menschlichen Behausungen ab. Dass die wollig wärmeren Socken, vor fünf Minuten extra heraus- und bereitgelegt, schon wieder verschwunden sind, ist kein Wunder. Socken sind so. Schlimmer der verlegte Autoschlüssel, am schlimmsten das unauffindbare Portemonnaie mit frisch gezapftem Geld und sämtlichen Papieren und Karten.

Der arme Single kann sich und seine Zerstreutheit nur allein verwünschen. Je mehr Personen der Haushalt hat, desto wüster kann man andere beschuldigen und ihre unerträgliche Unordentlichkeit oder ihr ebenso unerträgliches Aufräumen verantwortlich machen. Ein nicht ins Kneipenklo geplumpstes, sondern zu Hause verlegtes Handy kann man anrufen, um das geortete Stück dann gerade rechtzeitig aus der schmutzigen Wäsche zu fischen.

Schwieriger ist die Suche nach den stummen Ladeteilen. Sie gehören zu den am verzweifelt gesuchtesten Gegenständen. Im Schnitt sucht jeder moderne Mensch drei Stunden in der Woche nach einem Ladekabel für eines seiner fünf von einem Akku gespeisten Geräte. Trost spendet allein die Tatsache: nicht nur die 80- bis 90-Jährigen suchen, auch die Jungen sind zerstreut und vergesslich.
Gut zweihundert Jahre nach Beethoven könnte mal wieder ein Musikstück über ein modernes Missgeschick komponiert werden. Statt der Wut über den verlorenen Groschen wäre ein munteres Rondo über das unauffindbare Ladegerät angesagt. Und mehr Unternehmergeist könnte auch nicht schaden: in den Fußgängerzonen Buden mit gebrannten Mandeln, in oder neben denen man das entleerte Mobiltelefon ein bisschen auffüllen kann, natürlich zünftig und ökologisch mit einer ladestromerzeugenden Handkurbel oder einer Art Brunnenpumpe. Wäre doch ein Geschäft und sehr viel lustiger als Suchen.

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