Was der kleine Finger kann

Mit Bruckners vierter Symphonie gastieren die Münchner Philharmoniker bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden. Die Aufführung der Thielemann-Truppe geriet zu einem Triumph. Nur der „Fidelio“ missglückte im Festspielhaus.
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Christian Thielemann.
Deutsche Grammophon Christian Thielemann.

Mit Bruckners vierter Symphonie gastieren die Münchner Philharmoniker bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden. Die Aufführung der Thielemann-Truppe geriet zu einem Triumph. Nur der „Fidelio“ missglückte im Festspielhaus.

Wie der FC Bayern spielt auch die Mannschaft der Münchner Philharmoniker gelegentlich auswärts besser als zuhause. Mit Bruckners vierter Symphonie gastierte die Thielemann-Truppe jetzt bei den Pfingstfestspielen in Baden-Baden. Die Aufführung geriet zu einem Triumph. In der wunderbaren Akustik des Festspielhauses kamen die grandios inszenierten Klangmassen zu voller Geltung. Und selbst die eigenwilligen Tempo-Vorstellungen Christian Thielemanns (im Finale) erschlossen sich mit hinreißender Nachdrücklichkeit.

Längst hat es sich herumgesprochen: In Baden-Baden lassen sich die Arbeitsergebnisse von Musikern und Sängern optimal präsentieren. Es wäre wirklich dringend an der Zeit, dass man endlich darauf reagiert, warum so mancher Weltstar mittlerweile um München einen Bogen macht. Wie man hört, steht für Christian Thielemann die leidige Akustik des Gasteigs in den Verhandlungen mit der Stadt über eine Vertragsverlängerung an vorderster Stelle.

Im Konzert des Mahler Chamber Orchestra mit dem Pianisten Fazil Say gab es zwei Pausen. Das letzte Stück, Beethovens „Eroica“, war kurz nach elf zu Ende. Doch niemand rannte, wie in München üblich, danach hektisch aus dem Saal. Hätte der Dirigent Eivind Gullberg Jensen nicht das Orchester aufgefordert, das Podium zu verlassen, wäre eine Zugabe unumgänglich gewesen.

Schuld an der verspäteten Zieleinkunft hatte Fazil Say, der in Beethovens c-Moll-Konzert und Mozarts KV 467 eigens von ihm komponierte Kadenzen vorführte: beide witzig, virtuos und ein bißchen langatmig, mit allerlei Zutaten von Brahms und Liszt. Als Zugabe improvisierte er über Gershwins „Summertime“ im Stile der Jazzgiganten Art Tatum, Erroll Garner und Oscar Peterson. Publikum und Orchester trampelten sich begeistert den Jubel von der Seele. Als wollten sie kundtun, was man ohnehin schon ahnte: Dass nämlich der türkische Pianist im kleinen Finger mehr Musikalität hat als so mancher fernöstlicher Tastenzauberer.

Eivind Gullberg Jensen wurde die Ehre zuteil, in der verunglückten „Fidelio“-Inszenierung des Filmemachers Chris Kraus Altmeister Claudio Abbado nachzudirigieren. Das Mahler Chamber Orchestra folgte seinen straffen Tempi mit Hingabe und staunenswerter Präzision (Hörner!). Der norwegische Dirigent, der auch in München schon mächtigen Eindruck gemacht hat, gehört zu den Shooting Stars der Szene. Vorerst hat ihn sich der NDR für sein Rundfunkorchester in Hannover als Nachfolger von Eiji Oue geangelt.

„Fidelio“-Regisseur Chris Kraus misstraut nicht nur Beethovens Zuversicht in hehre Gattenliebe, sondern auch ganz allgemein der Oper als ernstzunehmender Kunstform. Er verlagerte das Geschehen von Sevilla nach Paris. Bösewicht Pizzaero wird noch vor dem abschließenden Jubelchor durch eine Guillotine ins Jenseits befördert. Doch die Freude darüber wird von den im Hintergrund der Bühne aufgestellten Exekutionsmaschinen empfindlich gestört. Happy End Fehlanzeige - leider auch bei den ziemlich gewöhnungsbedürftigen Sängern, darunter Gabriele Fontana, Clifton Forbis und Albert Dohmen.

Volker Boser

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