Warum wir hamstern

Aus der Geschichte des Hamsterns und Hortens.
| Josef Tutsch
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"Ihr Ziel muss es sein, 10 Tage ohne Einkaufen überstehen zu können", heißt es in der Empfehlung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die im Netz heruntergeladen werden können.
"Ihr Ziel muss es sein, 10 Tage ohne Einkaufen überstehen zu können", heißt es in der Empfehlung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die im Netz heruntergeladen werden können. © dpa

München - "Nagetiergattung aus der Familie der Mäuse", so klärte "Meyers Großes Konversations-Lexikon" von 1907 seine Leser auf, sind "plump gebaute Tiere" mit "sehr großen Backentaschen". Sie "leben in unterirdischen Bauten auf Getreidefeldern des gemäßigten Europa und Asien und speichern im Herbst bedeutende Nahrungsvorräte". "Alte Rammler graben mehrere Speicher und tragen bis zu 50 kg Getreide ein, auf einem Gang schleppt er in seinen Backentaschen gegen 50 g Getreide fort." Ähnlich heißt es im "Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon" von 1837: "Im Herbst wird er den Getreidefeldern sehr nachteilig, denn in seinen Backentaschen trägt er große Massen der besten Körner in seine Vorratskammern."

In der populären Naturkunde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatte der Hamster keinen guten Ruf. Der Hamster "dient häufig zu Vergleichen" mit menschlichem Verhalten, vermerkte 1877 Grimms "Deutsches Wörterbuch". Bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts war das Verb "hamstern" oder "einhamstern" aufgekommen, "in dem Sinne von ‚habsüchtig zusammenscharren'", wie der "Grimm" erläuterte. Kinder sollten keinesfalls der Habsucht und dem Geiz des Hamsters nacheifern, warnte 1837 das "Sonntags-Blatt" des Bayerischen Volksfreundes.

Der Hamster als Vorbild für den Bürger

Doch es gab auch die umgekehrte Wertung. In der nationalökonomischen Literatur, so hat der Historiker Uwe Spiekermann aufgezeigt, galt der Hamster wegen seiner Sammeltätigkeit als Vorbild des fleißigen, für seine Zukunft vorsorgenden Bürgers. 1961 griff die Bundesregierung diese Tradition auf, ersetzte den Hamster aber durch das Eichhörnchen, weil sie Erinnerungen an das "Hamstern" der Not nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg vermeiden wollte.

Mit der "Aktion Eichhörnchen" warb das Bundesernährungsministerium dafür, Notvorräte für etwa zwei Wochen anzulegen: "Denke dran, schaff Vorrat an!" Entsprechend der damals noch gängigen Rollenverteilung in der Familie wurden der Hausfrau Listen mit den Verfallsdaten verderblicher Produkte an die Hand gegeben, dem Mann als "Bastler im Haus" Hinweise zur Einrichtung und Pflege des Vorratslagers.

Mit dem Problem, dass die Nahrungsbeschaffung gegen den Winter hin schwieriger wird, müssen die Menschen sich bereits konfrontiert gesehen haben, als sie vor einigen hunderttausend Jahren die gemäßigten Klimazonen besiedelten. Nachdem die Landwirtschaft aufgekommen war, wurde auch der unregelmäßige Wechsel von reichen und mageren Ernten zum Problem.

Feldhamster sind eher scheue Tiere. Sie lassen sich beim Anlegen ihrer Vorräte offenbar nur ungern fotografieren. Dafür gibt es viele Bilder, die Eichhörnchen beim Hamstern zeigen.
Feldhamster sind eher scheue Tiere. Sie lassen sich beim Anlegen ihrer Vorräte offenbar nur ungern fotografieren. Dafür gibt es viele Bilder, die Eichhörnchen beim Hamstern zeigen. © dpa

Ein Fall von langfristiger Planung wird im Alten Testament geschildert: Der Patriarchensohn Joseph rät dem ägyptischen Pharao, aus der Ernte reicher Jahre Rücklagen für die folgende Notzeit zu bilden. Auch in Europa war es bis ins 19. Jahrhundert hinein eine Selbstverständlichkeit, dass im Winter Hunger drohen konnte.

"Hamsternatur des Menschen"

Es ist heute kaum noch nachzuvollziehen, wie sehr die industrielle Revolution unser Leben in diesem Punkt verändert hat. Vor allem in den Städten verlor das Einlagern von Lebensmittel an Bedeutung. Die Verbraucher gewöhnten sich daran, dass ein hinreichendes Angebot auf dem Markt zuverlässig vorhanden war. Jedenfalls in Normalzeiten.

"Man wird nicht mehr sagen", schrieb 1916 ein gewisser Josef Rieder nachdenklich, "man bekommt ja doch alles beim Kaufmann, sondern wird lieber vorbauen, also denken: man kann nie wissen, wie es kommt." Im Ersten Weltkrieg verschaffte sich die "Hamsternatur des Menschen" als Erbe vorindustrieller Mangelgesellschaften wieder Geltung. Rieder stellte fest, die Gesamtheit der Verbraucher würde durch dieses individuell verständliche Verhalten geschädigt: Die erhöhte Nachfrage müsste das Angebot verknappen, die Waren am Ende verteuern.

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Der Hamster wurde zur Symbolfigur der Kriegsjahre und der frühen Nachkriegszeit. Gehamstert wurde allerdings nicht, um Horte für drohende Notzeiten anlegen zu können. Die Notzeit war gegenwärtig, man hamsterte für den unmittelbaren Bedarf. In den Zügen aus den Großstädten aufs Land, so wird in der Zeitschrift "Hannoversche Hausfrau" geklagt, würden die Abteile "vollgepfropften Sardinenbüchsen gleichen". Ende Oktober 1923 kam es zum "Overather Kartoffelkrieg": Hunderte hungrige Kölner strömten mit der Eisenbahn ins Bergische Land. Zunächst versuchten sie, Wertsachen gegen Kartoffeln, Getreide oder Federvieh zu tauschen. Wenn das keinen Erfolg hatte, wurden Felder und Höfe geplündert. Die Bauern versuchten, sich mit Mistgabeln und Dreschflegeln zur Wehr zu setzen.

Die neue Welle des Hamsterns

Mit ihrer Propaganda gegen "Volksschädlinge" wollten die Machthaber des Dritten Reiches solchen Zuständen in einem neuen Krieg vorbauen. Dabei konnten sie sich auf eine jahrhundertealte Tradition beziehen. Das Zinsverbot, das die Kirche unter den Christen lange durchsetzen wollte, hatte dazu geführt, dass oft Juden als Geldverleiher auftraten. Spiekermann hat Belege aus dem frühen 19. Jahrhundert gefunden, dass die Worte "Pfandleiher", "Hamster" und "Jude" nahezu synonym gebraucht wurden.

Durch die Ausplünderung der besetzten Gebiete im Osten gelang es dem Hitler-Regime während des Zweiten Weltkriegs, den Mangel gegenüber der deutschen Bevölkerung zu verschleiern. So kam der große Hunger - und damit auch eine neue Welle des Hamsterns - erst in der Nachkriegszeit.

In Westdeutschland setzte die Währungsreform 1948 dem erst einmal ein Ende. Im Osten dauerte die drückende Not der ersten Nachkriegsjahre zwar nicht fort. Aber der Mangel an begehrten Waren begleitete die DDR-Wirtschaft bis zu ihrem Ende. Zum Beispiel das weiche Toilettenpapier, das die Leute aus der Werbung im Westfernsehen oder aus dem Intershop (gegen D-Mark) kannten. Sogar Gegenstände, von denen man wusste, dass man sie nie brauchen würde, waren es wert, gehamstert zu werden: Vielleicht konnte man sie ja gegen irgendetwas anderes eintauschen.

Und mit dem Mangel blieb die Schreckensfigur des Hamsters allgegenwärtig, nun freilich als Feind, der den Aufbau des Sozialismus zu behindern versuchte. Damit konnte die DDR an sozialdemokratische Traditionen aus dem 19. Jahrhundert anknüpfen. Das "Berliner Volksblatt" von 1886 zog zum Beispiel das Bild des Hamsters heran, um die Akkumulation von Kapital in all ihrer Menschenfeindlichkeit zu umschreiben: "Seht dort einen Hamster, seine Hoffnung und Harren und Trachten ist, Geld zusammenzuscharren. Trotz Menschenantlitz und fehlendem Schwanz, verhamstert ist seine Seele ganz."

"Aktion Eichhörnchen" ein totaler Misserfolg

In der Bundesrepublik kam es nur gelegentlich - etwa während des Koreakrieges 1953 - zu Panikkäufen. Als die Bundesregierung nach dem Vorbild der Schweiz 1961 ein System der privaten Vorratshaltung aufbauen wollte, wurde die "Aktion Eichhörnchen" zum totalen Misserfolg. Nach drei Jahren ergab eine Auswertung, dass weniger als drei Prozent der Bevölkerung dieser Aufforderung gefolgt waren. Da spielte sicherlich der begrenzte Platz in den kleinen Wohnungen eine Rolle, ebenso vermutlich ein gewisser Fatalismus: Unter der Voraussetzung, dass ein drohender Krieg in Europa mit Atomwaffen geführt würde, schien jede Überlebensvorsorge widersinnig.

Aufgegeben wurde das Projekt privater Vorsorge aber nicht. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt Privatleuten bis heute, Lebensmittel und Getränke für zehn Tage vorrätig zu halten, außerdem Hygiene- und Apothekenartikel sowie Batterien, um den Informationsfluss mit der Außenwelt aufrecht erhalten zu können. Eine offensive Werbung dafür gibt es aber nicht, während der Staat selbst umfangreiche Vorräte bereithält, um die Bevölkerung bei kurzfristigen Engpässen mit Lebensmitteln, Öl oder Benzin versorgen zu können. Manchmal werden Bestände auch aus aktuellem Anlass ausgegeben - so 1986, als nach der Katastrophe von Tschernobyl die frisch gemolkene Milch im Verdacht stand, nuklear verunreinigt zu sein.

Ausschlaggebend für den Misserfolg der "Aktion Eichhörnchen" war sicherlich die Gewöhnung an das zuverlässige Funktionieren der Lieferketten. Eine Zuversicht, der sich, jedenfalls in Normalzeiten, nur kleine Teile der Bevölkerung verweigern.

Prepper und Survivalism

Eine andere Strategie verfolgt der "Survivalism", der Anfang unseres Jahrhunderts aus den USA nach Europa kam, die sogenannte "Prepper"-Bewegung. Hier ist die Selbstversorgung nicht auf Dauer gedacht, sondern bloß vorübergehend, für eine Zeit der Not. Dabei wird die Katastrophe, auf die man vorbereitet sein sollte, sehr verschieden aufgefasst: als Krieg, als Zusammenbruch der Weltwirtschaft, als Umweltkrise, als Asteroideneinschlag. Entsprechend verschieden sind auch die "Prepper" selbst. Das Spektrum reicht von militanten Rechtsextremisten und "Reichsbürgern" über Verschwörungsideologen aller Art bis hin zu Menschen, die es bloß für sinnvoll halten, mehr Konservenbüchsen oder Mineralwasser oder Toilettenpapier im Keller zu horten als üblich. Im Einzelfall wurden bei Preppern auch schon ganze Waffensammlungen entdeckt.

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Werden wir in Corona-Zeiten alle zu "Preppern", wenigstens ein bisschen, soweit der verfügbare Raum und die Haushaltskasse es erlauben? Wenn man im Supermarkt beobachtet, wie sich die Regale mit Nudeln oder Toilettenpapier rapide leeren, könnte man auf den Gedanken kommen, ob es nicht besser wäre, sich ebenfalls rechtzeitig einzudecken, bevor nichts mehr da ist. Nun belehrt uns aber die kühle Ratio, dass das Hamstern in Form einer selbsterfüllenden Prophezeiung jene Knappheit, für die sie vorsorgen will, erst herbeiführt.

Allzeit bereit zu sein, erfordert neben viel Platz auch einiges an Organisation und Disziplin, sonst droht leicht so etwas wie das "Messie-Syndrom": Die Wohnung wird unbewohnbar, obwohl es sich bei den gehorteten Gegenständen keineswegs um Müll handelt - jedenfalls nicht, solange der Hüter des Hortes den Überblick über die Bestände und über mögliche Verfallsdaten bewahrt.

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