"War das alles?": Wie man Krisen in der Lebensmitte als Chance begreift

Eine Trennung, eine berufliche oder andere persönliche Lebenskrise: Wie geht man damit um, wenn plötzlich alles ins Wanken gerät? Und wie kann man nach einem solchen Rückschlag womöglich Mut für etwas Neues fassen? Wer sich solche Fragen schon einmal selbst gestellt hat, kann sich im frisch erschienenen Roman von Stefanie Gregg wiederfinden.
Die AZ hat mit der Autorin über Herausforderungen in besonders kniffligen Phasen des Lebens gesprochen.

AZ: Frau Gregg, "Das geheimnisvolle Zeichen" erzählt die Geschichte einer Ehefrau und Mutter zweier Kinder, die sich von ihrem Mann nicht mehr gesehen fühlt. Es kommt zur Trennung. Welche Rolle spielt dabei das Alter?
STEFANIE GREGG: Wenn die Kinder das Nest verlassen, Partnerschaften manchmal ein wenig abgenutzt sind, dann ist dies für alle Menschen ein Alter, in dem man vor einem großen Umbruch steht. War das alles, fragt man sich. Was soll noch in den nächsten Jahrzehnten kommen? Manche stürzen dann in ein tiefes Loch, manche leben möglichst so weiter wie bisher; man kann diesen Umbruch aber auch als Chance begreifen: innehalten, sich auf sich selbst besinnen und herausfinden, was einen wirklich erfüllt.
Vom Leben enttäuscht: "Es ist der Moment zum Aufatmen"
Vom Leben enttäuscht begibt sich die 50-jährige Lia, die Hauptperson Ihres neuen Romans, auf eine Reise in Tunesien, wo sie schließlich ein Hamam besucht. Für sie ein Schlüsselmoment. Warum?
Lia versucht, mit ihrem Urlaub in Tunesien zunächst einfach zur Ruhe zu kommen, Sonne, Meer, Strand zu genießen. Als sie eher zufällig in der Medina in einen Hamam gerät, ist sie überwältigt von den lachenden und schwatzenden Frauen, die hier in den heißen Nebelschwaden zusammenkommen und eine vertrauensvolle, sich unterstützende Gemeinschaft bilden, wie Lia sie schon lange nicht mehr erfahren hat. Wie bei einer Reinigung, fast kathartisch, erlebt sie die Waschungen und Massagen. Als sie aus dem Hamam heraustritt, fühlt sie sich frei, lebenslustig, bereit, alles Neue aufzunehmen, das sich ihr bietet. Es ist der Moment zum Aufatmen und neu Einatmen.
Was passiert – wie im Roman beschrieben –, wenn man sich erlaubt, nicht nur zu funktionieren, sondern ganz man selbst zu sein?
Der erste Schritt ist, aus dem Funktionieren herauszutreten, aus den eingefahrenen Bahnen, den Wegen, die man schon immer gegangen ist. Wenn man sich dann auf neue Wege wagt, hat man die Chance, sich zu öffnen, Neues zu sehen, anders zu werten, sich selbst infrage zu stellen und nach dem zu suchen, was in einem ist, nach den eigenen Wünschen und den eigenen Möglichkeiten, nach dem, was die Welt so alles zu bieten hat. Mein Buch ist in sieben Erkenntnisse gegliedert, die Lia jeden Abend für sich aufschreibt. Die letzte Erkenntnis lautet: Das Leben ist leicht. Aber Lia muss all diese Schritte durchlaufen haben, um dies zu erkennen.
"Die 'Mitte des Lebens' ist ein sehr guter Anlass für einen Neuanfang"
Was meinen Sie: Muss einem Neuanfang eine Krise, bedingt zum Beispiel durch eine Trennung, vorausgehen? Oder gibt es auch andere Anlässe?
Es gibt sicher so viele Anlässe, wie es unterschiedliche Menschen gibt, sein Leben neu zu überdenken. Es gibt große und winzig kleine Anlässe, traurige und schöne. Es könnte auch ein Waldspaziergang sein oder eine Tasse, die einem zerbricht, ein zu lautes Wort, ein zu müder Tag, oder auch das Lachen eines Kindes. Die "Mitte des Lebens" ist jedenfalls ein sehr guter Anlass für einen Neuanfang.
Was hat Sie persönlich dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben?
Ich war tatsächlich gerade in Tunesien, als mich ein Anruf des Herder-Verlags erreichte. Man fragte mich, ob ich nicht einmal ein ganz anderes Genre ausprobieren wolle: eine sogenannte Inspirational Novel, also einen Roman, der zum Nachdenken anregt und zugleich Mut macht.
Die Idee hat mich sofort beschäftigt. Ich bin selbst in der Lebensmitte, und die Frage, was einen trägt und erfüllt, wenn sich das Leben verändert, ist mir nicht fremd. Zugleich reizte mich die Vorstellung, einmal leichter zu erzählen, ohne dabei auf die psychologische Tiefe zu verzichten, die auch meine anderen Bücher ausmacht. Drei Tage lang ging ich am Strand entlang und ließ meine Gedanken schweifen. Ich dachte über die Anfrage nach, über das Leben, über Neuanfänge. Und plötzlich war sie da, diese Geschichte. Und ich wusste, dass ich sie erzählen wollte.
"In solch einem Moment wird man auf sich selbst zurückgeworfen"
Wollen Sie mit Ihrem neuen Roman anderen Frauen Mut machen, sich selbst womöglich neu zu entdecken?
Unbedingt. Und zwar Männern wie Frauen, die in der Mitte des Lebens stecken oder feststecken oder die einfach Lust haben, nachzudenken, über die Welt und sich selbst. Falls das Buch jemanden dazu bewegen könnte, jeden Tag einen neuen Weg zu gehen – so macht es Lia –, jeden Tag bewusst seine Umwelt wahrzunehmen, die eigenen alten Werte zu überprüfen, anzunehmen oder loszulassen, sich selbst in die Welt zu bringen – und dann das Leben leicht zu finden: Das fände ich wunderschön. Und ich bin mir sicher, dass dies möglich ist.

Welche Rolle spielen dabei neue Entdeckungen oder andere Menschen, die plötzlich ins Leben treten?
Wenn unerwartete Ereignisse geschehen oder man Menschen trifft, die ganz anders fühlen und agieren, wenn man sich in fremden Kulturen bewegt, wird man mit einer anderen, neuen Welt konfrontiert. Man muss sich plötzlich Fragen stellen, warum man selbst andere Werte hat, anders lebt. In solch einem Moment wird man auf sich selbst zurückgeworfen, kann sich und sein Leben überprüfen. Und vielleicht neu aufbrechen.
"Geschichten erzählen Fragen"
Viele suchen sich auch nur ein neues Hobby. Sei es, dass Männer etwa eine Leidenschaft fürs Rennradeln entwickeln, obwohl sie vorher eher zu den Sportmuffeln gehörten. Manche belächeln so etwas und verbuchen es unter "Midlife-Crisis".
Die Rückbesinnung auf Sport und den eigenen Körper ist auch etwas Gutes, ebenso neue Hobbys, neue Interessen, neue Leidenschaften. Aber eine tiefere Zufriedenheit findet man wohl erst, wenn man sich auch auf den eigenen Geist besinnt, die eigenen Werte, Gefühle, Ziele; wenn man dabei auch die anderen bestehen lassen kann, und so vielleicht Tiefe, Sinn und Ruhe findet.
Sie haben keinen Ratgeber geschrieben, sondern Ihr Roman lässt bewusst auch Fragen offen und soll Leserinnen und Lesern genügend Raum zum Nachdenken geben. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Ich bin kein Mensch, der genau weiß, wie das Leben grundsätzlich zu leben ist, der anderen Menschen etwas rät oder vorschreibt. Ich bin eine Geschichtenerzählerin. Ratgeber wissen, wohin. Geschichten erzählen Fragen.