Unser Lehrer Doktor Precht

Richard David Precht spricht auf der Eon-Piazza über den Sinn des Lebens und will auch „Achmed und Kevin“ zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft schulen
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Größer als Safranski, schöner als Sloterdijk: Richard David Precht ist Deutschlands telegenster Philosoph und ein gefragter Redner.
Eon Größer als Safranski, schöner als Sloterdijk: Richard David Precht ist Deutschlands telegenster Philosoph und ein gefragter Redner.

Richard David Precht spricht auf der Eon-Piazza über den Sinn des Lebens und will auch „Achmed und Kevin“ zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft schulen

Kann das denn gutgehen? In einer Vortragsreihe, bei der schon Kurt Biedenkopf, Richard von Weizäcker und Margot Käßmann meist Staatstragende sprachen, eine Veranstaltung einzuflechten mit dem Titel „Der Sinn des Lebens“? Eine Rubrik, die wie eine Karikatur eines Bestseller-Titels von Richard David Precht klingt, fast in Analogie zum Lockruf der Mengen-Gastronomie statt „All you can eat“ sozusagen das düstere Versprechen „All you can think“. Wenn einem da nicht mal schlecht wird. Der Witz in diesem Fall ist noch ein ganz anderer: Dass nämlich der Vortragende Richard David Precht selbst ist.

Auf Einladung der Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Stiftung und von Eon Bayern sprach der Bestseller-Autor („Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“) auf der Piazza der Hauptverwaltung. Der 44 Jahre alte Precht ist einer der gefragtesten Redner des Landes und eine Art Pop-Star unter den Philosophen – entsprechend groß war der Andrang des geladenen Publikums.

Die öffentliche Person Precht – jung, gutaussehend, klug – ist so erfolgreich, dass längst eine mediale Gegenbewegung rollt. Jüngst wurde Precht in der FAS aus Anlass seines neuen Buches („Die Kunst, kein Egoist zu sein“, Goldmann) vorgeworfen, er sei die Bundeskanzlerin Angela Merkel unter den Denkern: „Ohne große Ideen, ohne klare Standpunkte, und immer schön deeskalieren.“ Und tatsächlich tritt da einer auf die Bühne, dessen Oberfläche provozieren muss, wenn es ums tiefe Denken gehen soll: unverschämt lässig, eine Hand in der Hosentasche, Günter-Netzer-Frisur, zwei Hemdknöpfe offen.

Precht presst den historischen Abriss zur Sinnfrage in ein paar Sätze: Ganz früher wurde sie einfach mit Gott beantwortet. Schopenhauer trat sie trotzdem in die Tonne, weil man eine mögliche Antwort eh nicht überprüfen könne. Mit Nietzsche war Gott denn tot, Was also dann? Von der Moral und der Vernunft führt uns Precht zum Guten, schließlich zur Unmöglichkeit, dieses allgemeinverbindlich zu definieren.

Die goldene Generation

Und schon war man Gefangener des Phänomens Precht. Wie macht der das, so frei und zugleich so sicher zu sprechen? Er scherzt, er inszeniert ein kleines (und wirklich lehrreiches!) Mitmachspiel, er fasst die Weltwirschaftsordnung und die Grundlagen des Abendlandes zusammen. Er ist ein begnadeter Entertainer. Was soll falsch daran sein?

Wahrscheinlich liegt der Sinn im Glück -, so ungefähr steuern wir aufs Finale zu, die Grundzüge der Psychologie und der Hirnforschung nebenbei mitnehmend.

Precht kommt über das Problem der Zuständigkeit in funktional abgeschlossenen Gesellschaften auf die Globalsierung: „Der globale Markt schafft eine neue moralische Bedrohung.“

Und recht plötzlich fordert er „Die goldene Generation der Bundesrepublik – ich sehe hier viele von Ihnen, die dazugehören! – sollten etwas zurückzahlen an jene, die dessen nicht teilhaftig geworden sind.“ Das gibt Applaus in den vorderen und Unruhe in den hinteren Reihen.

Precht empfiehlt uns allen ein Engagement bei dem Verein „Mentor – die Leselernhelfer“, für den er als Schirmherr agiert: „Machen wir aus Achmed und Kevin wertvolle Mitglieder der Gesellschaft. Das ist die Antwort auf die Sarrazin-Debatte!“ Manche im Raum halten das für sinnlos. Andere sind sehr beeindruckt. Und alle gehen zum Büffet.

Michael Grill

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