Überteuerter Glamour

Am Sonntag werden beim Festival Cannes die Trophäen vergeben. Zum Ende hin noch der Polit-Aufreger: ein Film zum Algerienkrieg
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Machten Furore in Cannes: Regisseur Rachid Bouchareb, Autor Jamel Debbouze, Schauspieler Roschdy Zem (von links).
AP Machten Furore in Cannes: Regisseur Rachid Bouchareb, Autor Jamel Debbouze, Schauspieler Roschdy Zem (von links).

Am Sonntag werden beim Festival Cannes die Trophäen vergeben. Zum Ende hin noch der Polit-Aufreger: ein Film zum Algerienkrieg

Nun ist das Festival umstellt: Polizeischutz mit Schild und Schlagknüppeln für „Außerhalb des Gesetzes“ von Regisseur Rachid Bouchareb über den Freiheitskampf Algeriens gegen die Franzosen. Der Film löst nationale Reflexe aus und Drohungen gegen den Regisseur als Netzbeschmutzer. Dabei hatte ihn noch niemand gesehen. Nach der Premiere ist klar: Er ist gerecht, zeigt brutale Verfehlungen der Kollonialmacht wie auch die blutige Seite des Freiheitskampfes mit terroristischen Mitteln. Cannes hat seinen politischen Aufreger am Ende.

Politiker können sich zum Deppen machen. So sah man gleich nach der Eröffnung den französischen Kulturminister Frédéric Mitterand auf der Croisette mit einer affigen Sonnenbrille herumlaufen, auf deren Gläsern „Yes, We Can-nes" stand. Am Ende ist klar: Diese alberne Optimismus-Botschaft hat das 63. Festival nicht erfüllt.

Nach einem völlig lauen Wettbewerb bei gemischtem, wenn auch frühsommerlichem Wetter, hat sich nur wenig herauskristallisiert. Hispano-Superstar Javier Bardém wird wohl am Sonntagabend den Darstellerpreis erhalten, weil er – nach dem Gelähmten in „Das Meer in mir", dem Killer des Coen-Films „No Country for Old Man", dem Latino-Lover in Allens „Vicky Christina Barcelona" – jetzt alles zusammenbringt: einen todkranken Ganoven mit Herz in Alejandro Inárritus hartem Drama „Biutiful".

Ja, die Kunst

Und da Cannes nicht Mainstream-Kino zeigen will, sondern Kunst, war ein weiterer „kleiner" Film bemerkenswert: „Poetry" des Koreaners Lee Chang-dong. Selten hat man einen derart dezenten, anrührenden, ehrlichen und natürlichen Film gesehen über das Altern, das Entfremden von Generationen, Kälte unserer Zivilisation – und dagegen gesetzt die Wärme der Poesie und der Natur.

Zusammengehalten wird dieser Film durch eine ältere Dame, eine alleinerziehende, liebenswürdige, nett-schicke Großmutter. Und Yun Junghee hat hier in Cannes auch auf dem Roten Teppich die wunderbare Eleganz des reiferen Alters gezeigt, wie es im europäischen Raum auch „Queen" Helen Mirren kann.

Wenn Cannes der Spiegel des Weltkinos sein soll, so müssten sich aus den 18 Wettbewerbsfilmen von Thailand bis Washington Zeitgeist-Themen herauslesen lassen. Und wirklich: In Zeiten, in denen global ganze Staaten geschwächt sind und keinen Schutz mehr bieten, muss der Mensch seine Sicherheit wieder im Privaten suchen.

Cannes ist krank

Da ist die Keimzelle immer noch die Familie: realistisch idealisiert porträtiert im prekär-italienischen Arbeiter-Milieu („La nostra Vita"), gestört im rasanten Umbruchsland China („Chongqin Blues") oder im Bürgerkriegsland Tschad („Ein weinender Mann") und auffallend konservativ gezeichnet selbst noch in eigentlich politischen US-Filmen wie Oliver Stones „Wall Street 2" oder dem Irakkriegs-CIA-Thriller „Fair Game" von Doug Liman.

An diesem Film lässt sich ein Krisen-Szenario, das Cannes heuer filmisch abgegeben hat, gut ablesen: Zwar wurden die wildesten Theorien aufgefahren, warum ein Cannes-Freund wie Sean Penn nicht erschienen ist: Charity-Verpflichtungen für Haiti oder doch richterlich verordnete Sozialarbeit wegen einer Prügelei mit einem Fotografen? Egal. Aber sein Fernbleiben ist ein Cannes-Krankheits-Symptom. Es fehlte hier am Roten Teppich die überwältigende internationale Stardichte, die immer noch von Hollywood dominiert wird.

Ein Hauch von Dekadenz

Da fällt auf: Egal, ob „Shrek 4" in diesen Wochen international startet oder „Sex and the City 2" – noch vor wenigen Jahren hätte sich Hollywood die Journalisten-Konzentration zur Festivalzeit nicht entgehen lassen. Aber Cannes ist zu teuer. Die Millionen, die hier für Werbung bezahlt werden müssen, steckt man lieber in nationale Marketing- und Internet-Events.

Das größte Filmfestival der Welt wird sich etwas einfallen lassen müssen. Sonst platzt bald schon die schillernde Seifenblase geldiger Leichtigkeit, die Cannes so anziehend dekadent erscheinen lässt – als Charme-Hintergrund eines Festivals, das bei allem Glamour auch noch einen intellektuellen Anspruch hat.

Den wird man hier Sonntagnacht bei der Verleihung der Goldenen Palmen unterstreichen. Und Regisseur Tim Burton hält als unberechenbar-exzentrischer Jurypräsident dieses wichtigste Filmereignis nach Hollywoods Oscarnacht ja auch spannend.

Adrian Prechtel

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