Über allen schwebt Anna

Vor zwei Jahren musste die Netrebko wegen ihrer Schwangerschaft absagen. Nun holt sie ihre Auftritte in Gounods Shakespeare-Schmachter „Roméo et Juliette“ in der Felsenreitschule nach
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Konfettiparade für Juliette: Anna Netrebko im ersten Akt von Gounods Liebesdrama frei nach Shakespeare, uraufgeführt 1867 im Pariser Théâtre Lyrique.
dpa Konfettiparade für Juliette: Anna Netrebko im ersten Akt von Gounods Liebesdrama frei nach Shakespeare, uraufgeführt 1867 im Pariser Théâtre Lyrique.

Vor zwei Jahren musste die Netrebko wegen ihrer Schwangerschaft absagen. Nun holt sie ihre Auftritte in Gounods Shakespeare-Schmachter „Roméo et Juliette“ in der Felsenreitschule nach

Endlich haben die Salzburger Festspiele ihren absoluten Super-Star wieder, gefeiert, bejubelt, vor dem Hotel belagert und geradezu mystisch verehrt. Von allen, außer ein paar Unbelehrbaren, die es ohnehin immer besser wissen: dass die Stimme Anna Netrebkos zwar dunkel und samtiger geworden sei, es den Koloraturen aber da und dort schon ein wenig an schwereloser Leichtigkeit mangele. Und dass man sich die mädchenhafte Ausstrahlung dank nicht vorhandener Personenregie dazu denken müsse, vor allem in den ersten Szenen.

Man konnte sich aber auch verzaubern lassen. Schon vor zwei Jahren sollte die Netrebko, damals zusammen mit Rolando Villazón, in Gounods „Roméo et Juliette“ für viel Geld die aus aller Welt herbei gereisten Festspiel-Freaks zum Schwärmen bringen. Jetzt, nach ihrer Baby-Pause, zeigte sie, mal jugendlich verspielt, mal melancholisch dramatisch, wie sich mit Intensität auch ein derart fragwürdiges, frömmelndes Werk erobern lässt, das so mancher noch immer im guten Glauben als Salzburg-unwürdig empfindet.

Souveräner lässt sich die Juliette kaum singen, wohl aber darstellerisch gestalten. Ohne die ordnende Hand eines Regisseurs entging auch Anna Netrebko nicht immer der Gefahr, auch dort im Mittelpunkt zu stehen, wo Zurückhaltung gefordert wäre.

Schön gefochten

Das fiel umso mehr auf, als sich ihr Partner Piotr Beczala zwar als ein lyrischer Tenor der Extraklasse erwies und den Roméo stilistisch ungemein prägnant sang, dabei aber auch zeigte, wie viel Kraft das kostet. Im Spiel wirkte er ziemlich ungelenk. Die riesigen Ausmaße der Felsenreitschule nötigen zu theatralischen Operngesten. Intimität hat keine Chance.

Zwei Jahre nach der Premiere lässt sich über die Regie des Amerikaners Bartlett Sher kaum noch Gutes berichten. Es scheint, als habe man einigen Klimbim über den Haufen geworfen. Doch die üppigen Kostüme von Catherine Zuber verstärken den Verdacht, dass es dem Inszenierungsteam vor allem um altmodisch-prunkvolles Ausstattungstheater ging und einen opulenten Rahmen für zwei funktionierende Weltstars.

Immerhin: Die Fechtszenen (B. H. Barry) waren virtuos choreografiert und machten mächtigen Eindruck. Auf der Haben-Seite wie schon 2008 das Mozarteum-Orchester unter Yannick Nézet-Séguin. Gounods Musik hat ihre Tücken. Sie ist oft reichlich sentimental und erfordert einen klaren Kopf. Der kanadische Dirigent, der 2012 Chef des Philadelphia Orchestra wird, setzte auf Transparenz und servierte dramatischen Nachdruck ohne auftrumpfende Allüren.

Unter den Steigbügelhaltern im Ensemble ragte Mi-khail Petrenko als Frère Laurent hervor. Auch der Wiener Staatsopernchor durfte glänzen. Doch über allen schwebte Anna Netrebko. Selbst das Verbeugungsritual am Schluss wurde von ihr perfekt inszeniert. Salzburg wie es singt und lacht. Dass die Geschichte von Romeo und Julia eher traurig endet, war rasch vergessen.

Volker Boser

Felsenreitschule, 16., 20. und 23.8. Am 18., 24., 27. und 30. 8. singt Nino Machaidze. Infos: www.salzburgerfestspiele.at

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