Triumph erst nach dem Tod

Nationaltheater: Christof Loys „Lucrezia Borgia“ mit Edita Gruberova
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Hilda Lobinger Illustration

Nationaltheater: Christof Loys „Lucrezia Borgia“ mit Edita Gruberova

Mit einem Aufschrei der Begeisterung antwortete das Publikum auf den letzten hohen Ton der Titelheldin. Dabei wäre angesichts dessen, was da gerade passiert war, ein wenig Zurückhaltung angebracht gewesen. Minuten vorher hatte sich Gennaro, der Sohn Lucrezia Borgias, zum Sterben auf einen der Stühle im Hintergrund der Bühne zurückgezogen. Seine Mutter war wieder mit dem Giftbecher allzu unvorsichtig umgegangen.

Donizetti hatte ja zunächst gar keinen Gefallen daran gefunden, dieser Dramatik noch eine Cabaletta, ein Virtuosenstück, folgen zu lassen. Doch Henriette Méric-Lalande, die Uraufführungs-Lucrezia, bestand darauf. Der Komponist fügte sich. Und Edita Gruberova traute sich: „Era desso il figlio“ ist mit den halsbrecherischen Koloraturen der brillante Höhepunkt. Wer sich in der spartanisch ausgestatteten Szene (Bühne: Henrik Ahr) langweilte, hatte viel Zeit, darüber nachzudenken, was der junge Verdi hier alles für sich entdeckt haben mag.

Auf jeglichen Historien-Pomp verzichtet

Zwischen Donizettis Herzog Alfonso, dem eifersüchtigen Ehemann Lucrezias, und Graf Luna aus dem „Troubadour“ besteht eine enge Liaison. Auch das für den Fortgang der Handlung so wichtige Duett zwischen Lucrezia und ihrem Gatten nimmt so manche große Sopran-Bariton-Begegnung Verdis vorweg.

Regisseur Christof Loy hatte auf jeglichen Historien-Pomp verzichtet. Eine graue Wand, auf der mit Leuchtbuchstaben der Name „Lucrezia Borgia“ klebt, dazu ein paar Stühle – das war’s dann schon. Die Sänger agierten im grauen Einheitslook unserer Tage. Einmal durfte sich der Chor als ein Haufen Piraten kostümieren. Und zumindest der Prolog der „Lucrezia“ spielt im venezianischen Karneval.

Gut disponiertes Staatsorchester

Die Vereinfachungen der Inszenierung, so schlüssig sie sein mögen, unterstreichen den Kolportage-Charakter der Handlung. Gift und Gegengift sind salonfähig. Dass auch die Musik nicht immer erfolgreich gegen das Vorurteil kämpft, Rossini- und Verdi-Ersatz für Arme zu sein, lässt sich als Herausforderung umdeuten: Dirigent Bertrand de Billy mit dem gut disponierten Staatsorchester ist es hoch anzurechnen, dass er es versteht, durch rhythmische Konsequenz und artikulierte Zäsuren Spannung einzubringen, Atmosphäre zu schaffen. Trotz blutrünstigem Hintergrund ist „Lucrezia Borgia“ schließlich nicht nur ein Potpourri schöner Arien und Chöre, sondern reiht sich ein unter jene Opern, in denen Donizetti zaghaft und romantisch die Emanzipation der jeweiligen Titelheldin verinnerlicht.

Dass dazu die Primadonnen-Geste gerade gut ist, bewies Edita Gruberova eindrucksvoll. Ob der graue Hosenanzug mit Blondhaar-Perücke tiefere Bedeutung hatte, durfte jeder für sich entscheiden. Um sie herum solide bis sehr gute Sänger, an der Spitze jene, die sich von Intendant Nikolaus Bachler vorab wegen Indisposition entschuldigen ließen: Mezzosopranistin Alice Coote (Maffio Orsini), vor allem aber Tenor Pavol Breslik (Gennaro) imponierten mächtig. Bariton Franco Vasallo (Don Alfonso) ließ die Muskeln spielen. Allzu sensibel klang das nicht. Aber es füllte den Raum.

Volker Boser

Bis 15.3. ausverkauft, Info: Tel. 2185 1920

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