Til Schweigers "Zweiohrküken": Macho mit Selbstironie

Als Autor und Regisseur hat Til Schweiger Gespür für Erfolg. Den Schauspieler Schweiger liebt das Publikum nicht als tiefsinnigen Helden, umso mehr in der Rolle des liebenswerten Hallodri
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Macho mit Selbstironie: Til Schweiger
AP Macho mit Selbstironie: Til Schweiger

Als Autor und Regisseur hat Til Schweiger Gespür für Erfolg. Den Schauspieler Schweiger liebt das Publikum nicht als tiefsinnigen Helden, umso mehr in der Rolle des liebenswerten Hallodri

Einige von denen gehen mir richtig auf den Sack“. Til Schweiger ist angefressen und macht keinen Hehl aus seiner Wut. Aber es sind keine zickigen Co-Stars, aufdringliche Groupies oder knallharte Produzenten, die ihm den Spaß am Filmemachen rauben. Schweigers Feinde sitzen hinter Laptops: Kritiker. Pünktlich vor dem morgigen Kinostart seiner „Zweiohrküken“ kam es zum Eklat. Schweiger stellte den „Keinohrhasen“-Nachfolger, bis auf wenigen ausgewählten Journalisten, nicht der Presse vor: „Ich habe das Recht zu sagen: Ätschibätsch, ich zeig euch meinen Film nicht mehr vor Kinostart umsonst. Ihr müsst euch eine Karte kaufen, den Film mit Publikum schauen - für viele Kritiker ja ein Graus! Und dann könnt ihr immer noch den Verriss schreiben.“

Die Antwort auf Schweigers trotzige Verweigerungshaltung kam prompt. In einem offenen Brief macht der Verband der deutschen Filmkritik (VDFK) klar: Öffentliche Subventionen beziehen, aber öffentliche Diskussionen über den Film nicht zulassen, geht nicht. Immerhin hat die Produktionsfirma von Til Schweiger Barefoot Films beträchtliche Summen an Steuergeldern bekommen: die FFA förderte mit 550000 Euro, das Medienboard Berlin-Brandenburg mit 900000 Euro.

Als Konsequenz plädiert der Verband dafür, „Zweiohrküken“ in den Medien totzuschweigen. Aber, was juckt's die deutsche Eiche, wenn sich die Sau dran kratzt, wird sich der bereits als „Angstohrhase“ verspottete Schweiger hämisch denken. Denn von den 6,4 Millionen „Keinohrhasen“-Zuschauern werden sich die meisten - auch ohne Presse - für die Fortsetzung interessieren.

Aber ganz unabhängig ist Schweiger vom Medienecho doch nicht: Die erbitterte Fehde zwischen Deutschlands erfolgreichstem Schauspieler und seinen Kritikern nahm seinen Anfang vor drei Jahren. Unter größten Mühen und mit einem acht Millionen Euro Budget stellte Schweiger damals den Rachethriller „One Way“ her. Um ins Plus zu kommen, benötigte der Reißer 800 000 Kinozuschauer. Es kamen 200 000. Ein Misserfolg, an dem laut Schweiger die heftigen und „völlig unsachgemäßen“ Verrisse schuld waren.

Dabei illustriert dieser Vorfall nur, wie oft Anspruch und Wirklichkeit in der wechselvollen Karriere des Til Schweiger auseinanderklafften. Bestes Beispiel: das laufende Kinojahr. Konnte seine klamaukige Ritterkomödie „1 1/2 Ritter - Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde“ noch knapp 1,8 Millionen Zuschauer anlocken, floppte neben der selbstherrlichen TV-Show „Mission Hollywood“ das stille Drama „Phantomschmerz“ mit nicht einmal 100000 Besuchern. Schweiger als beinamputierter Rennfahrer - das wollte niemand sehen. Dabei entsprach seine Figur anfänglich durchaus dem virilen Macholebemann-Vorbild, mit dem das 45-jährige Ex-Unterhosenmodel seit Jahren seine größten Erfolge feiert. Doch dieser immer gleiche Charakter lässt nur ironische Brechungen, wie in den „Keinohrhasen“ zu, duldet aber keine radikalen Gegenentwürfe. Ganz nach diesem Männertypen-Abziehbild führte Simon Verhoeven „Männerherzen“ über die Zweimillionen-Besucher-Marke - mit Schweiger als lässiges Fitness-Ideal-Mannsbild. Bei den „Zweiohrküken“ wurde als dreiste Werbekampagne jetzt einfach das alte „Keinohrhasen“-Plakat erneut geklebt: Die Botschaft: keine Experimente, ihr bekommt, was ihr kennt!

Dabei muss man Schweiger zugestehen, ein nahezu untrügliches Gespür für Publikumserfolge zu haben, wenn er als Autor („Knockin' On Heaven's Door“) oder als Regisseur („Barfuss“) in seine Projekte involviert ist. Lässt er sich als Actionheld, wie in Uwe Bolls Trashspektakel „Far Cry“ (2008) oder als unscheinbarer Sidekick („Der rote Baron“) verpflichten, gehen seine Filme nicht nur bei den Kritikern unter.

Wie er Journalisten und Zuschauer endlich einmal gemeinsam für sich einnehmen kann, bewies Schweiger ausgerechnet in einer Hollywoodproduktion. Kultfilm-Maestro Quentin Tarantino besetzte den in Übersee bisher Gescheiterten in seinen „Inglourious Basterds“ in einer Rolle, die seinem Nachnamen alle Ehre machte - als gnadenloser Schweiger.

Florian Koch

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