Taumel und Erlösung in der Glasmenagerie

Einfach sagenhaft: Die russische Pianistin Anna Vinnitskaya im Prinzregententheater
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Anna Vinnitskaya scheut so gar kein Risiko.
Esther Haase/naive Anna Vinnitskaya scheut so gar kein Risiko.

Einfach sagenhaft: Die russische Pianistin Anna Vinnitskaya im Prinzregententheater

Nach Mussorgsky gab’s donnerndes Getrampel. Was nur insofern erstaunte, als das gar nicht so kleine Prinzregententheater lausig besetzt war. Doch die Handvoll Klavierfans, die den Weg zu Anna Vinnitskaya gefunden hatte, erlebte an diesem Abend Grandioses.

Einmal, weil die endlos gehörten zehn „Bilder einer Ausstellung“ von trübe gewordenem Belag befreit wurden und an einigen Stellen tatsächlich klangen, als kämen sie frisch vom Restaurator. Sicher, den Mussorgsky-Klassiker hört man selten wirklich schlecht. Aber die 27-jährige Russin, die sich auf Fotos schon mal wie der Pianovamp aus der Hotelbar stilisiert, überraschte mit rhythmischen Raffinessen. Die reichten bis zum schwülen Swing von Gershwins „Rhapsody in Blue“, dazwischen dröhnten die Promenaden in ständig wechselnder Couleur, und aus den düsteren Katakomben drang unvermittelt gellendes Lachen.

Lodernder Brahms

Das hatte Thrill bis in die kleinsten Pinselstriche dieser überbordenden Tableaus, doch die eigentliche Großtat der Vinnitskaya, die realiter einen angenehm unprätentiösen, zuweilen backfischhaften Auftritt pflegt, war Brahms’ Opus 5. Wer traut sich schon mit solcher Leidenschaft an diesen Brocken? Welcher Pianist geht noch auf volles Risiko? Wer lässt diese unglaubliche Tiefe aller nur denkbaren Emotionen zu? Und derer gibt’s in der f-moll-Sonate mehr als genug.

Anna Vinnitskaya ist ein Tastenviech, das im Dunkeln den Angriff vorbereitet, die Bässe lodern gefährlich – schon im Allegro maestoso. Fast rotzig wirft sie das Hauptthema, die dominanten Viertongruppen, dazwischen und kann sich jeder Zeit in eine fragile Glasmenagerie katapultieren, die sie fein auf Schumann zuspitzt. Selbst im irrwitzigen Taumel des Scherzos gelingen ihr klare Konturen, wie schwarzer Regen fallen die Akkorde im Intermezzo, und dann galoppiert sie am Ende wie selbstverloren durch ein grandioses Finale, das noch Verzweiflung in die Erlösung webt. Sagenhaft!

Christa Sigg

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