Streit um Pogorelich, Glück bei Sokolov

Zwei Individualisten des Klaviers gastierten im Prinzregententheater und im Herkulessaal
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Zwei Individualisten des Klaviers gastierten im Prinzregententheater und im Herkulessaal

Wenn ein Pianist eine Klavier-Sonate so spielt wie Calixto Bieito Opern inszeniert, dann muss er mit Widerspruch rechnen. Im Prinzregententheater zertrümmerte Ivo Pogorelich Beethovens op. 111 mit derart hartnäckiger Nachdrücklichkeit, dass der Autor dieser Zeilen inmitten des zweiten Satzes vorübergehend das Weite suchte. Ein paar Mutige gesellten sich dazu. Es gab Buhs und Pfiffe.

Die Welt ist kaputt, warum also nicht auch einen allseits angesehenen Komponisten bis zur Unkenntlichkeit verunstalten? Für Diskussion war gesorgt. Auch nach der Pause blieb Ivo Pogorelich, einst weltberühmt, im Abseits: lustlos stocherte er in einem Brahms-Intermezzo herum (op. 118, 2), trieb dem „Valse triste“ von Sibelius mit trotzigen Pranken die Dreivierteltakt-Melancholie aus und suchte im zweiten Satz von Rachmaninoffs b-Moll-Sonate nach den richtigen Tönen.

Dass er erst sechs Stunden vor dem Konzert in München eingetroffen war, mochte einige spieltechnische Halbherzigkeiten entschuldigen. Sein Konzept konnte nur Kopfschütteln verursachen. Etliche genervte Besucher verließen vorzeitig den Ort des Geschehens. Ravels „Gaspard de la nuit“ wollten sie sich – ebenso wie der Berichterstatter – nicht mehr antun. Aus gutem Grund: Pogorelich hatte zuvor nicht Beethoven oder Brahms präsentiert, sondern ausschließlich Pogorelich.

Klare Strukturen

Das Kontrastprogramm bot abends zuvor im Herkulessaal Grigorij Sokolov. Auch er ein Einzelgänger, aber einer, dem die Musik wichtiger ist als eitle Selbstdarstellung. Wann hat man Bachs c-Moll-Partita BWV 826 so klar strukturiert, wunderbar abgestuft und ausgewogen gehört? Zwar meidet der Russe, wo immer er kann, romantische Klangbögen, doch was er zwischen den Zeilen entdeckt, ist aufregend genug. Auch dort, wo er wie in den Brahms-Fantasien op. 116 allzu detailverliebt zum Dozieren neigt.

Bei Schumanns f-Moll-Sonate, dem „Konzert ohne Orchester“, waren dann aber alle diese Einwände vergessen. Weil der Pianist sämtliche Wiederholungszeichen beachtete, dauerte das Stück nahezu 40 Minuten. Dennoch brachte er das Kunststück fertig, Spannung und Intensität bis zum letzten Takt aufrechtzuerhalten. Zum Schwärmen.

Volker Boser

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