Stauffenberg: Zwei Formen der Wahrheit

Guido Knopp über sein Stauffenberg-Doku-Drama, das noch vor dem Hollywood-Film "Operation Walküre" im ZDF läuft, und die Fehler von Tom Cruises Film
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Tom Cruise als Stauffenberg in dem von ihm produzierten Kinofilm „Operation Walküre"
AP Tom Cruise als Stauffenberg in dem von ihm produzierten Kinofilm „Operation Walküre"

Guido Knopp über sein Stauffenberg-Doku-Drama, das noch vor dem Hollywood-Film "Operation Walküre" im ZDF läuft, und die Fehler von Tom Cruises Film

AZ: Herr Knopp, haben Sie „Operation Walküre“ mit Tom Cruise schon gesehen?

GUIDO KNOPP: Ja, ich war über die Feiertage in den USA und habe mir den Film dort natürlich angeschaut.

Was halten Sie davon?

Er ist spannend und handwerklich gut gemacht. Ich wünsche ihm viel Erfolg, denn es ist sein Verdienst, wenn der deutsche Widerstand gegen Hitler mit Tom Cruise in der Rolle Stauffenbergs auf populäre Art weltweit bekannt gemacht wird. Der ist nämlich außerhalb Deutschland weitgehend unbekannt. In dem amerikanischen Kino habe ich einige Zuschauer sagen hören: „Mensch, das wusste ich ja gar nicht.“

Erzählt der Kinofilm eine Heldengeschichte?

Ja. Tom Cruise spielt Stauffenberg zwar wohltuend zurückhaltend, aber doch statisch, da er im Film von Anfang ein fertiger Widerstandskämpfer ist. Die Gewissensbisse und die Entwicklung vom Hitler-Sympathisanten zum Attentäter fallen da unter den Tisch.

Darf sich Ihrer Auffassung nach ein Hollywood-Film diese Freiheit nehmen?

Ja, wenn sie als filmische Freiheit erkennbar ist. Allerdings gibt es in „Operation Walküre“ auch vermeidbare Ungenauigkeiten. Stauffenberg ist beispielsweise schon 1943 Oberst, obwohl er das tatsächlich erst 1944 wurde. Außerdem grüßt er im Film 1943 mit dem ausgestreckten Arm, dem sogenannten Hitlergruß, tatsächlich haben den aber erst Göring und Dönitz nach dem Attentat in der Wehrmacht eingeführt. 15 bis 20 solcher Ungenauigkeiten hab’ ich mir notiert.

Dass Ihr Doku-Drama „Stauffenberg – Die wahre Geschichte“ so kurz vor dem Kinostart läuft, ist kein Zufall, oder?

Nein, wir haben das ganz bewusst so terminiert. Wir wollen die ganze Geschichte wiedergeben, da wir in Deutschland einen hohen Anspruch an Authentizität haben – gerade, was die Nazizeit betrifft. Da können wir es nicht Hollywood überlassen, die Geschichte zu erzählen. Der Kinofilm erhebt ja auch gar nicht den Anspruch, authentisch zu sein. Im Vorspann steht, er basiere auf einer wahren Geschichte. Wir dagegen zeigen die wahre Geschichte.

Ihr Zweiteiler ist ein Doku-Drama. Wie viel Freiheiten haben Sie sich selbst bei den Spielszenen zugestanden?

Auch da orientieren wir uns an dem, was uns Quellen überliefern. Ein Dokudrama spielt sich ja auch nicht in so sehr vielen Dialogen ab – im Gegensatz zum Tom-Cruise-Film können wir uns auf die überlieferten O-Töne beschränken.

War Stauffenberg ein Held?

Ja, er war ein Held, weil er gegen den Zeitgeist operiert hat. Er hat es auf sich genommen, das Attentat zu begehen und auch den Aufstand zu leiten. Das war eine fast unmenschliche Herausforderung. Er hat sein eigenes Leben riskiert – und auch das seiner Familie. Wenn es einen Helden im 20. Jahrhundert in Deutschland gab, dann Stauffenberg. Sein Ziel war der Waffenstillstand und das Ende des Holocaust. Hätte des Attentat geklappt, wäre uns viel erspart geblieben. Allein auf deutscher Seite sind zwischen Juli ’44 und Mai ’45 mehr Menschen umgekommen als in allen fünf Kriegsjahren zuvor.

Aber was ist mit den dunklen Punkten, der Zustimmung zu Hitlers Machtübernahme, seine Freude über die ersten militärischen Erfolge?

Das macht seine Entscheidung für den Widerstand nicht kleiner. Außerdem hat Stauffenberg die Machtübernahme Hitlers zwar begrüßt, aber er war ein Deutschnationaler und kein Nazi. Ab 1939 entstand in ihm eine zunehmende Abneigung gegen Hitler, aus der Zeit stammt das Zitat „Der Narr macht Krieg“. Dazu waren es die Nachrichten von den Gräueltaten im Osten, die ihn zum Attentäter werden ließen.

Zum Kreis der Verschwörer gehörten durchaus auch Täter. Weiß man, wie Stauffenberg zu ihnen stand?

Darüber gibt es ganz wenig Quellen. Tatsächlich gehörte zu den Verschwörern auch ein Mann wie Arthur Niebe. Der Chef der Kripo war als SS-Kommandeur selber auf kriminelle Weise im Osten tätig. Wie Stauffenberg sich ihm gegenüber verhalten hat, weiß man aber nicht. Ich vermute, dass er seine Abscheu nicht offen äußern konnte.

Angelika Kahl

„Stauffenberg - Die wahre Geschichte“, 13. und 20. Januar, ZDF, 20.15 Uhr

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