So ist der neue Roman "Serotonin"

Zwischen Weltekel und Satire: Der neue Roman „Serotonin“ von Michel Houellebecq
| Volker Isfort
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Michel Houellebecq.
dpa Michel Houellebecq.

Seine Romane haben schon immer dazu verführt, den Protagonisten und Ich-Erzähler mit dem Autor zu verwechseln. In Michel Houellebecqs neuem Roman „Serotonin“ schafft der 60-jährige Autor dagegen größtmögliche Distanz. Sein „Held“ Florent-Claude ist sechsundvierzig Jahre alt, breitschultrig, mit virilen, markanten Gesichtszügen ausgestattet.

Der ehemalige Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium bekämpft seine Depressionen mit dem Medikament Captorix und – kontraproduktiv – Unmengen von Alkohol. Er hat sich, gewissermaßen zum Sterben, in seine Eigentumswohnung zurückgezogen, nachdem in Paris kein Hotelzimmer mehr ohne Rauchverbot zu bekommen war.

Ein Autor, mit seherischen Fähigkeiten?

Der SFR-Kabelanschluss ist die letzte Verbindung zur Außenwelt, nicht einmal erotische Träume oder ein sexuelles Verlangen bleiben ihm noch. Florent-Claude als gescheitert zu bezeichnen, wäre heillos untertrieben. Alles andere allerdings wäre für Houellebecq-Fans auch eine Produktenttäuschung. Florent-Claude wird in den folgenden 320 Seiten erzählen, wie er an seinen Nullpunkt gelangt ist.

Welches Oberthema „Serotonin“ haben werde, war im Vorfeld die ganz große Frage nicht nur in der französischen Literaturszene. Schließlich wird von Houellebecq, seit er mit „Ausweitung der Kampfzone“ in den 1990er Jahren die Literaturwelt erschütterte, geradezu Seherisches erwartet. Zumindest aber ein erhellend sezierender Blick auf die westliche Gesellschaft, die bei Houellebecq immer – und das auch schon seit gut zwei Jahrzehnten – ihrem gesicherten Ende entgegendämmert.

„Plattform“ aus dem Jahr 2001, das von Sextourismus in Asien handelt, endet mit einem Anschlag auf ein Feriendorf. Ein Jahr später wurden auf Bali bei einem islamistisch motivierten Angriff mehr als 200 Menschen getötet.
Dieses Jahr hatte die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ vorsorglich getwittert, sich nicht zu äußern, nachdem sie den Autor auf den Tag genau vor drei Jahren zum Erscheinen von Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ über den Sieg des Islam in Frankreich, auf das Cover gebracht hatte. Die tödlichen Folgen sind weltbekannt.

Dass „Serotonin“ nun inhaltlich eher eine Enttäuschung ist, erscheint in diesem Kontext fast tröstlich. Über weite Strecken wiederholt der Autor von ihm früher schon fundierter dargestellte Themen wie die Schattenseiten der Überindiviualisierung, Vereinsamung und Entfremdung. Die weiblichen Figuren, Ex-Freundinnen des Erzählers, bleiben so klischeehafte Karikaturen wie alle Frauen in Houellebecqs Romanwelt und letztendlich reine Projektionsfläche für seine pornografischen Erzählsequenzen.

„Der grauenvollste Schwafler der Weltliteratur“

Florent-Claude ist, wie so oft bei Houellebecq, ein dem Nihilismus verfallener, enttäuschter Romantiker. Warum aber die fünfjährige Beziehung zu Camille, die Florent-Claude mit einem Seitensprung beendete, die Möglichkeit eines dauerhaften Glücks beinhaltet hätte, wird nicht deutlich.

Houellebecq beschreibt nur den Zauber des Kennenlernens und den Schrecken des Endes. Vielleicht ist das unweigerliche Scheitern der Beziehung aber schon in einem für den Autor typisch nüchternen Satz angelegt: „Camilles Hotel lag zwischen einem Prothesenhersteller und einem Wirtschaftsprüfungsbüro.“ Da ist einfach kein Raum für ein Liebesmärchen.

Auf seiner (Abschieds)-Tour durch Frankreich besucht Florent-Claude auch seinen alten Studienfreund Aymeric, der sich vergeblich als Bio-Milchbauer durchschlägt und sich von der EU verraten fühlt. Die Frau ist mit einem Konzertpianisten durchgebrannt. Aymeric versucht, die Leere mit Wodka zu fluten.

„30 bis 40 mal“ hören Aymeric und sein lebensüberdrüssiger Besucher in der späten Silvesternacht Deep Purples „Child in Time“ (in der Live-Version von 1970), was bei einem 20-Minuten-Stück unmöglich ist, da Florent-Claude, nach kurzem Schlaf im Bungalow, schon mittags wieder bei Aymeric vorbeischaut. Dieser organisiert bald einen aus dem Ruder laufenden Protest, weshalb französische Kritiker Houellebecq nun bescheinigen, die Gelbwestenbewegung geahnt zu haben. 

Das ist heillos übertrieben. Französische Bauern haben schon immer demonstriert. Den Anti-EU und -Globalisierungskampf hat Houellebecq auch nicht viel gewissenhafter recherchiert als die Länge von Deep-Purple-Songs.
So bleibt genug Platz für die ein oder andere Suada, die mindestens so unterhaltsam ist wie Thomas Bernhards literarische Ausfälle und ebenso wenig ernst zu nehmen – ob er sich über die „Patchwork“-Familie auslässt, oder den Siegeszug der Kochsendungen, den Absturz der Gesellschaft in die „orale Phase“ wie „der Clown aus Wien“ gesagt hätte.

Gefangen in der eigenen Rolle

Auf den letzten Seiten bekommen dann auch Johann Wolfgang von Goethe („einer der grauenvollsten Schwafler der Weltliteratur“), Thomas Mann und Marcel Proust die satirische Lust des Autors zu spüren, wenn er deren sexuelles Verlangen gegen die Heuchelei eines moralischen Nutzens der Kultur ausspielt.

Wer will, mag in Florent-Claudes Schilderungen, den Aufschrei einer kranken Seele erkennen. Viel eher aber liest man das durchaus unterhaltsame Produkt eines Autors, der mehr denn je in seiner eigenen Rolle als Provokateur gefangen scheint.

Man wünscht dem in dritter Ehe frisch verheirateten Houellebecq allerdings, dass er vom Lebensunglück seines Protagonisten weitestgehend verschont bleiben möge.     

Michel Houellebecq: „Serotonin“ (DuMont, 336 Seiten, 24 Euro)

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