Serhij Zhadan: "Bald kommt die nächste Revolution!"

Der Autor Serhij Zhadan war Aktivist der "Orangenen Revolution" in der Ukraine. Jetzt prophezeit er den nächsten politischen Umschwung in seinem Land.
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Serhij Zhadan nach seiner Lesung in München
Tobias Stoltmann Serhij Zhadan nach seiner Lesung in München

München - Die Stadt München, das ist vielleicht nicht so ganz Serhij Zhadans Welt. Der Autor - "die kühnste Stimme der jungen ukrainischen Literatur", wie die "Neue Zürcher Zeitung" findet - kommt aus dem ost-ukrainischen Industrierevier des Donbass. Dort kümmert er sich um Politik und anarchistische Festivals. Und in Büchern auch mal um die Geister der Region: Denen, die aus endlosen Maisfeldern, Flusstälern und Bolzplätzen aufzuerstehen scheinen, hat er in seinem Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass" nachgespürt. Und in bisweilen fast lyrischer Sprache ein schillerndes Porträt aus post-sowjetischen Träumen, Chaos und Anarchie gezeichnet.

Bekannt wurde Serhij Zhadan 2007 mit der Veröffentlichung seines Romans "Depeche Mode" - hier berichtet er aus der Ukraine der 90er Jahre

Heute aber ist Zhadan eben in München - vorhin hat er beim Literaturfest München im Konzertsaal des Ampère gelesen. Nun schiebt er in seinem grünen Hemd ein Weißbierglas über die schwere weiße Tischdecke des Münchner Literaturhauses. Es ist spät geworden. Auf seine Eindrücke von Bayern angesprochen sagt der 39-Jährige: "Hier sehe ich nur Äußerlichkeiten, ich bin Tourist". Zu erzählen hat der Autor aber trotzdem einiges. Zum Beispiel über eine neue Revolution, die er in seinem Heimatland, das sich jüngst wieder verstärkt um einen EU-Beitritt bemüht, kommen sieht.

Auf die hofft Zhadan nämlich bereits für die nächste Wahl in einem Jahr - während sich Präsident Viktor Janukowitsch noch mit Deutschland um einen Hafturlaub für die erkrankte Ex-Präsidentin Julia Timoschenko streitet. Denn ändern würde er in seinem Land gerne "alles", wie er sagt. "Mir gefällt dieses Land nicht, mir gefällt dieses ukrainische System nicht, mir gefallen alle unsere Politiker nicht, ob nun die Machthaber oder die Opposition." Zhadan sagt aber auch: "Ich verstehe, dass das ein bisschen utopisch ist. Am wahrscheinlichsten ist, dass ein sogenannter demokratischer Präsident kommt, mit sogenannten demokratischen Ideen und einer pro-europäischen Regierung." Das sei dann eben das kleinste Übel.

Das Chaotische aber auch das Schöne an seiner Heimat, der Ost-Ukraine, beschreibt Serhij Zhadan auch in seinem Buch: Protagonist und Stadtmensch Hermann soll darin die Tankstelle seine Bruders verteidigen. Gegen ein unübersichtliches Kartell aus Maisfeldbesitzern, gegen das die Behörden gar nichts ausrichten wollen. Das sei eben "Chaos", findet Zhadan. Der vielleicht gerade deswegen viel Liebenswertes an seinen fiktiven Bewohnern des Donbass findet, dem Versehrten Schura oder dem verschrobenen Sammler mit dem Spitznamen Ernst: "Es ist wichtig, dass Liebe präsent ist, in dem was ich erzähle", hatte er auf der Bühne gesagt. Gerade weil in der Ukraine bei jungen Leuten Literatur noch mehr zähle als in anderen Ländern.

Als sich die Ukraine im Jahr 2004 nach der mutmaßlichen manipulierten ersten Wahl Janukowitschs zum Präsidenten schon einmal in der Revolution, der "Orangenen" nämlich, befand, war Zhadan mit dabei. "Ich und meine Kollegen waren in der Straße, wir haben zwei Wochen auf dem Hauptplatz in Charkiw gelebt", berichtet er. "Wir dachten zuerst, es würden vielleicht zwei- oder dreitausend Leute kommen. Aber als wir dort angekommen sind, waren da 100.000 Leute, die alle für die Opposition waren." Das sei eine "anarchistische Aktion" gewesen: Aus der Mitte, nicht von oben organisiert.

Und genau diese Anarchie sei es, die gegen das Chaos helfen könne, sagt Serhij Zhadan, der Aktivist: Zwischen den beiden Begriffen bestehe eben ein großer Unterschied: Anarchie sei "Selbstorganisation, etwas synergetisches". Im Roman stecke die Anarchie etwa in der Energie der Freunde, die nicht nach dem Regeln des ukrainischen Systems spielen wollen.

Hoffnung setzt Zhadan vor allem in die jungen Leute in seinem Land. Für eine geplante Verfilmung des "Jazz im Donbass" habe er viele Jüngere interviewt. Fast alle hätten gesagt, sie wollten in der Hauptstadt der Region, Donezk, wohnen bleiben, statt nach Russland oder in die EU zu emigrieren. "Ich glaube, diese jungen Leute sind das Potenzial, die in den letzten 20 Jahren geboren wurden. Schon meine Generation hat nicht so viel Energie und Hoffnung um noch etwas zu machen", sagt Zhadan. Verloren sei aber noch nichts, auch wenn der in der "Orangenen Revolution" gestürzte Janukowitsch heute wieder an der Macht ist. "Politik ist wie ein Pendel. Zuerst war Revolution, dann kam die Konterrevolution, und jetzt warten wir auf die nächste Etappe der Revolution."

Und wie ist es nun mit den Geistern des Donbass? "Das ist meine Heimat, ich kann diese Geister spüren", sagt Zhadan. Aber natürlich stecke in "Der Erfindung des Jazz im Donbass" vor allem sehr viel Subjektives. Der Regisseur des geplanten Filmes sei mit ihm an den realen Standort der Tankstelle aus dem Buch, nach Starobilsk, gefahren. "Wo sind nun Deine Geister und Dein Personal?" habe der Mann gefragt, erinnert sich Zhadan. "Natürlich wohnen dort ganz normale Leute."

Einem realeren Phänomen will sich der Autor auch in seinem nächsten Buch widmen: Rechten Skinheads aus der Ultra-Szene der ukrainischen Fußballclubs. Aus einem anarchistischen Blickwinkel betrachtet: "Ein spannendes Thema, finde ich!", sagt Zhadan und schaut nun wieder recht wach über sein Weißbierglas hinweg.

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