Seelen, Semmeln, Affen

Schöne Leichen zwischen Schädeln und Primaten: Im Kunstbau des Lenbachhauses verblüfft die erste umfassende Retrospektive des Münchner Malers, Darwinisten und Spiritisten Gabriel von Max
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Einfach die besseren Menschen: Gabriel von Max’ berühmte „Affen als Kunstrichter“ (1889) sind zur Abwechslung im Kunstbau zu sehen.
Bayer & Mitko Einfach die besseren Menschen: Gabriel von Max’ berühmte „Affen als Kunstrichter“ (1889) sind zur Abwechslung im Kunstbau zu sehen.

Schöne Leichen zwischen Schädeln und Primaten: Im Kunstbau des Lenbachhauses verblüfft die erste umfassende Retrospektive des Münchner Malers, Darwinisten und Spiritisten Gabriel von Max

Die „Thränenbäche“ der Münchnerinnen flossen allzu heftig. Und die Augen waren noch lange nass, nachdem die Damen erschüttert und die Herren eher erregt den Kunstverein verließen. Im Frühjahr 1867, als ein Student dort seine „Märtyrerin am Kreuz“ präsentieren durfte: ein wächsernweißes Weib mit properen Formen, gerade verschieden, und ach!, ein trauernder Jüngling zu ihren Füßen. Mit diesem frühen Werk beginnt im Kunstbau eine imposante Ausstellung über den einstigen Malerstar Gabriel von Max.

Fast vergessen ist er, und diese „Heilige Julia“ zeigt, weshalb. Schöne Leichen, keusche Jungfrauen und pfauenäugige Schmerzensmütter haben’s heute schwer. Doch damit und mit allerlei Porträts – „Semmelbildern“ – verdiente Max beträchtliche Summen. Und nicht nur die Amerikaner waren verrückt nach dem überdimensionalen Jungfern-Marterl. Max, der 1860 geborene Spross einer Prager Künstlerdynastie, hatte sich schließlich bei Carl Theodor von Piloty den letzten marktkompatiblen Schliff geholt. Und man bemerkt den Einfluss bis in die Posen seines Schmachtpersonals.

Nebenbei ging er seinen Objekten allerdings so sehr auf den Grund, dass man damit gleich mehrere naturwissenschaftliche Kompendien füttern könnte. Die heiß geliebten Affen – im Haus an der Schwanthalerstraße hielt er bis zu 40 Tiere – waren ihm Modell, Gefährten und lagen am Ende auf dem Seziertisch. In beklemmenden Zeichnungen und Fotografien ist das festgehalten.

Heiliger Ernst und bodenständiger Humor

Der bekennende Darwinist war auf der Suche nach dem Bindeglied zwischen Mensch und Affe, und die Tiere – Adam und Eva hießen seine ersten Primaten – schienen dem Familienvater eindeutig die besseren Menschen. Nicht nur die aus der Neuen Pinakothek geholten „Affen als Kunstrichter“ bestechen durch ihre individuellen Physiognomien. Dass dieses fast anrührend umgesetzte Darwinistentum bei Max zuweilen saukomische Facetten hat, zeigen die „Retrospektiven Übergänge zur Schwiegermutter“: ein Urmenschenweib mit grenzdebilem Blick.

Die Oma torkelt übrigens hübsch gerahmt neben einem dicht gefüllten Vitrinenschrank mit Schädeln. Sie gehören neben prähistorischen, zoologischen und ethnologischen Exponaten – vom Faustkeil in Herzform bis zu allerlei Viechergehörn – zum naturkundlichen Bereich der Ausstellung und sind tatsächlich nur ein Bruchteil der sagenhaften Maxschen Sammlung, die das Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum seit 1917 beherbergt. Und die immerhin zwischen 60 000 und 80 000 Groß- und Kleinobjekte zählt.

Doch was die Wissenschaft nicht klären konnte, besorgte der Spiritismus. Im Atelier organisierte der Künstler Séancen. Mit durchaus kritischer Haltung: Max war beteiligt an der Aufdeckung von Betrügereien und fotografierte Sitzungen. Wobei er sich gern Grusel-Späße erlaubte und die Söhne als Geister auftreten ließ.

Vielleicht verdeutlicht dieses Pendeln zwischen heiligem Ernst und bodenständigem Humor am besten, wie dieser Malerkauz gestrickt, wie unglaublich vielseitig und talentiert, wie vielschichtig er war. Das alles in diese erste umfassende wie kurzweilige Retrospektive zu packen, ist ein schmackhaftes Stück Münchner Kunst(geschichts)aufbereitung. Die nebenbei erklärt, was wahre Affenliebe ist.

Christa Sigg

"Gabriel von Max - Malerstar, Darwinist, Spiritist", bis 30. Januar 2011, Katalog 32 Euro

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