Schneewittchens Erotik

Salzburger Festspiele: Johan Simons inszeniert „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók als fast konzertante Aufführung, Peter Eötvös dirigiert.
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Lance Ryan (li.) in der Partie des Tenors und Falk Struckmann als Herzog Blaubart im Bühnenbild des Malers Daniel Richter.
AP Lance Ryan (li.) in der Partie des Tenors und Falk Struckmann als Herzog Blaubart im Bühnenbild des Malers Daniel Richter.

Salzburger Festspiele: Johan Simons inszeniert „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók als fast konzertante Aufführung, Peter Eötvös dirigiert.

Judith ist unerbittlich. Sieben Türen muss Blaubart öffnen. Sie weisen den Weg in das Innerste seiner Seele. Doch die letzte Pforte will der alte Mann für immer verschlossen halten. Judith umgarnt ihn so lange, bis er schließlich nachgibt – in der siebenten Kammer befinden sich seine drei früheren Frauen. Judith folgt ihnen. Blaubart bleibt allein zurück.

„Herzog Blaubarts Burg“ Béla Bartóks einzige Oper, schien es dem Regisseur und zukünftigen Intendanten der Münchner Kammerspiele Johan Simons angetan zu haben: Als ob der Text von Béla Balázs nicht schon symbolträchtig genug wäre, verpasste er ihm noch ein Sahnehäubchen. In seiner Salzburger Festspielinszenierung ist Blaubart blind und sitzt im Rollstuhl. Das könnte zu allerlei Hin- und Hergeschiebe animieren, was dann aber Gott sei Dank unterblieb.

Umzusetzen, was im Text vorkommt

Ohnehin reichte, Judith in der Rolle einer Krankenschwester zu sehen, die mit den Kleidern der drei von Blaubart ermordeten Frauen den Bühnenboden wischt und sich erfolglos darin übt, ansatzweise Erotik auszustrahlen. Die Seelenwanderungen der Musik enden im Original mit Judiths allmählichem Erstarren, ihrem Tod. Bei Simons weiß man es nicht so recht. Die Sängerin Michelle DeYoung verschwindet langsam im Bühnenhintergrund. Und Blaubart Falk Struckmann schüttelt sich, als habe sein letztes Stündlein geschlagen.

Dem Maler Daniel Richter, für das Bühnenbild verantwortlich, mag das egal gewesen sein. Umzusetzen, was im Text vorkommt, nämlich Foltergeräte, einen See der Tränen, eine blutgetränkte Quelle, wäre ihm ohnehin nicht in den Sinn gekommen. Aber ein wenig mehr hätte es schon sein dürfen. Man wähnte sich in einer konzertanten Aufführung: ein Schattenriss in flächigen Schwarzweiß -Tönen, ein groß dimensioniertes Gestrüpp im Hintergrund, der übrige Raum leer und dunkel. Falk Struckmann rückte Blaubart in die Nähe Wotans. Michelle DeYoung sang und agierte jugendfrei wie Schneewittchen.

Kunstvolle Bühnengestaltung

Dabei hatten die Wiener Philharmoniker schon bei den Orchesterstücken op.12, zu denen die Bühne dunkel blieb, gezeigt, dass sie dem dirigierenden Komponisten Peter Eötvös vertrauten und bereit waren, Bartók mit Klangfarben-Delikatesse und akzeptabler Virtuosität vorzuführen.

Das grelle Kinderbaukasten-Outfit, das Daniel Richter Bartóks „Cantata profana“ gab, machte mehr Eindruck als die mit Folklore untermalte Geschichte: Neun Brüder jagen so lange, bis sie sich in Hirsche verwandeln und vom verzweifelten Vater nicht mehr zur Heimkehr bewegt werden können. Die Bühne deutete statt eines Waldes den Dschungel einer Stadt an, mit blauen, gelben und grünen Ziegelsteinen wie aus dem Märchenbuch.

Immerhin: Der Chor der Wiener Staatsoper und die beiden Solisten Lance Ryan und Falk Struckmann zeigten ihr Engagement überaus eindrucksvoll. Und so hatte der Jubel, mit dem dieser Abend abseits des Mainstream gefeiert wurde, seine volle Berechtigung. Schade, dass etliche Plätze im Großen Festspielhaus leer blieben. Angst vor Bartók? Vielleicht lag es ja nur daran, dass die Stars diesmal Pause hatten.

Volker Boser

Wieder am 14., 18. und 23. 8. Karten Tel. 0043 662 8045 500

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