Schlamperei der Herzen

Martin Kusejs Antrittsinszenierung am Residenztheater erfüllt die hohen Erwartungen nicht ganz – seine Version von Schnitzlers „Das weite Land” bleibt erstaunlich ernsthaft
| Gabriella Lorenz
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Allein gelassen von ihrem Ehemann: Genia (Juliane Köhler).
Hans Jörg Michel Allein gelassen von ihrem Ehemann: Genia (Juliane Köhler).

Martin Kušejs Antrittsinszenierung am Residenztheater erfüllt die hohen Erwartungen nicht ganz – seine Version von Schnitzlers „Das weite Land” bleibt erstaunlich ernsthaft

Nein, in dem Regen, der zu Beginn auf die Darsteller niederprasselt, ließ das Münchner Publikum den neuen Staatsschauspiel-Intendanten Martin Kušej nicht stehen. Die Premiere „Das weite Land” von Arthur Schnitzler wurde nach über drei Stunden im Residenztheater mit heftigem, langen Applaus bedacht – ein Willkommensgruß. Denn Kušejs Antrittsinszenierung zeigte zwar, welche tollen Schauspieler er mitgebracht hat, unterlief aber die Erwartungen, die sein Ruf als Regie-Berserker provoziert hatte.

Bisher inszenierte Martin Kušej gern schwere dramatische Theaterbrocken. Nun hat der 50-jährige Österreicher seinen Landsmann Arthur Schnitzler entdeckt, der seine genialen tiefenpsychologischen Analysen der Wiener Fin de siècle-Society vor 100 Jahren immer komödiantisch verpackte. Auch „Das weite Land” nannte er eine Tragikomödie.

Der Alternde mordet die Jugend

Und da gibt’s wohl ein Missverständnis zwischen Regisseur und Autor. Denn Kušej interessiert nur die Tragödie, die boshafte Gesellschaftskömödie unterschlägt er. Es geht um Liebe und Lüge, Vertrauen und Verrat. Wie tief die Frau des Fabrikanten Hofreiter von den unverhohlenen Affären ihre Mannes verletzt ist, zeigt Juliane Köhler sofort: Unter der Maske der Toleranz bricht eine Dauergereiztheit auf. Diese Genia ist ständig umflort von starrer, edler Tragik (in ebenso edlen Abendkleidern, die sie auch tags trägt). Denn sie liebt trotz allem ihren Gatten: Tobias Moretti ist kein charmanter Herzenslump, sondern ein vom Don-Juan-Syndrom getriebener Zwangs-Verführer, der es Genia übel nimmt, sich ihrer Tugend wegen schuldig fühlen zu müssen. Ein verliebter Klaviervirtuose hat sich ihretwegen umgebracht. Die Aufgabe der Keuschheit, Genias Anpassung ans sanktionierte Ehe-Betrugsspiel wird ein zweites Leben fordern. Denn Hofreiter, der sich distanziert und überlegen gibt, wird von Eitelkeit gepackt: Er provoziert den jungen Liebhaber (Gunther Eckes) zum Pro-Forma-Duell, das er zum kaltblütigen Mord nutzt: Der Alternde ermordet die Jugend.

Bedeutungstief und schicksalsschwanger

Die Gäste in der Hofreiter-Villa schlagen sich aus Martin Zehetgrubers Holz-Guckkasten-Salon gern in die Büsche, einen Dschungel aus Trauerweiden-Zweigen. Der verhüllt, was auf dem Tennisplatz passiert, von dem alle immer äußerst derangiert und mit rotem Aschestaub wie blutbesudelt zurückkommen. Ernas aufgeschürfte Knie lassen auch auf bodennähere Spiele schließen. Das junge, noch unangepasste Mädchen liebt Hofreiter: Britta Hammelstein gibt Erna zunächst eine überzeugende Frische, die dann doch dem um sich greifenden tragischen Bühnen-Ernst weicht.

Kušej schafft beeindruckende Bilder und einige Ungereimtheiten: Eine steile Felswand (an der Erna angeseilt mit Absatz-Schühchen hochklettert!). Gruselig altbacken ist die champagnertrunkene Gesellschaft auf dem Riesensofa, wo die Bankiersfrau Natter (Katharina Pichler) sich neben ihrem Gatten (Gerhard Peilstein) ungeniert vom neuen Liebhaber (Shenja Lacher) abknutschen lässt. Format gewinnen vor allem Markus Hering als aufrechter, charakterstarker und vergeblich Genia liebender Hausfreund Dr. Mauer und Eva Mattes als lebenskluge Schauspielerin Anna Meinhold. August Zirner darf sich als hochkarätiges Ensemble-Mitglied in einer Kurzszene zigarre-rauchend im Hochgebirge vorstellen.
Aber leider fehlt dieser Inszenierung das Komödien-Element: Die scheinbar heitere Parlando-Fassade, hinter der erst nach und nach die Abgründe sichtbar werden. Kušej zeigt keine bröckelnden Masken, sondern stochert gleich tief in den Abgründen herum. Ton und Spiel sind von Anfang an schmerzerfüllt, bedeutungstief und schicksalsschwanger – und soviel Konventionalität ist dann streckenweise auch nur gepflegt langweilig.

Residenztheater, 9. Okt. 18 Uhr, 15. Okt. 20 Uhr, 16. Okt. 19 Uhr, 29. Okt. 20 Uhr, 1. und 5. Nov. 19 Uhr, Tel. 2185 1940

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