Rosenkrieg an der Staatsoper

Gruberova über Bachler: „Nichts als Lügen!“ Er hatte weitere Auftritte der Diva angekündigt. Muss er jetzt zu Kreuze kriechen?
| Robert Braunmüller
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Nikolaus Bachler als Edelimpresario und die große Diva Edita Gruberova. Ob sie sich trotz Missklang zusammenraufen?
Markus Jans/dpa Nikolaus Bachler als Edelimpresario und die große Diva Edita Gruberova. Ob sie sich trotz Missklang zusammenraufen?

Anfang Februar hielt unsere kleine Opernwelt den Atem an: Edita Gruberova verkündete, nicht mehr an der Bayerischen Staatsoper singen zu wollen. Bei den Festspielen 2014 werde sie zum letzten Mal in „Lucrezia Borgia“ auf der Bühne des Nationaltheaters stehen. Dann sei unwiderruflich Schluss, weil der Intendant Nikolaus Bachler keine angemessenen Angebote für sie habe.

Die Staatsoper schwieg dazu und verwies auf ihre Spielplan-Pressekonferenz. Hier wurde Bachler natürlich nach der Gruberova gefragt, und plötzlich klang alles anders: Sie werde 2015 eine „Roberto Devereux“-Serie singen, außerdem ein Belcanto-Festspielkonzert. Der Intendant fragte ausdrücklich bei einer Mitarbeiterin des Künstlerischen Betriebsbüros nach, die ihm beipflichtete.

Damit, so scheint es, hat Bachler ein ungelegtes Ei zertrampelt. Am Freitag versandte die Gruberova ein zorniges, mit „Nichts als Lügen" überschriebenes Papier und erklärte ihren Abschied für unwiderruflich. Am Montag sprach die Staatsoper von einem „Missverständnis zwischen der Agentur, dem Künstlerischen Betriebsbüro und Herrn Bachler, was den Fortschritt der Vertragsverhandlungen betrifft“. Bachler bedauere den öffentlichen Zwist und hoffe, die Primadonna umstimmen zu können.

Die Gruberova steht seit 1969 auf der Bühne. Ihre lange und beständige Karriere ist die große Ausnahme im Opernbetrieb, der Künstler nicht selten rücksichtslos verbraucht. Nicht nur der ehemalige Wiener Opernintendant Ioan Holender, früher selbst Sänger, findet allerdings, dass die Karriere der Gruberova ihren Zenith überschritten hat. In seinen tratschgesättigten Erinnerungen „Ich bin noch nicht fertig“ lässt sich nachlesen, wie kapriziös und stur die Dame sein kann.

Die Gruberova ist aber auch ein Publikumsliebling, was man von Nikolaus Bachler kaum behaupten kann. Die „Königin des Belcanto“ erfüllt Sehnsüchte nach der guten alten Primadonnenherrlichkeit.

Aber die Sängerin ist leider nur im Paket mit bestimmten Regisseuren und eher faden Dirigenten zu haben. Ein Intendant muss es sich also dreimal überlegen, ob er für die Gruberova eine vergessene Oper wie Bellinis „La straniera“ herausbringt, die ohne die Sängerin als Ladenhüter im Repertoire verstaubt.

Spitze Töne und Spitzentöne: wann ist stimmlich Schluss?

Außerdem gehen der 65-Jährigen langsam die Rollen aus. Die Traviata hat sie selbst aufgegeben, Donizettis englische Königinnen sind durch, die Mutterrollen in „Lucrezia Borgia“ und Bellinis „Norma“ ebenfalls – und sonst dachten die Komponisten der italienischen Romantik bei Koloraturen immer an leicht hysterische junge Mädchen kurz nach der Pubertät.

Wie um jeden Gedanken an Abschied zu strafen, präsentierte sich die Gruberova am Montag Abend in der fast ausverkauften Philharmonie in Bestform: Auch wenn sie Gounods Juliette in der Arie „Je veux vivre“ zu einem Porzellanpüppchen verniedlichte, hatte sie doch die Stimme technisch voll im Griff und schraubte im Finale aus Bellinis „La Sonnambula“ die endlose Melodie faszinierend in die Höhe. Wie stets faszinierte sie mit gleißenden Spitzentönen, plötzlich in der Lautstärke zurückgenommenen Tönen, ganz ohne die fahlen Härten, die ihre früheren Auftritte beeinträchtigten. Das Münchner Rundfunkorchester steuerte unter Gruberovas derzeitigem Lieblingskapellmeister Andriy Yurkevych nicht nur die üblichen Ouvertüren-Schlager bei, sondern unbekannte Trouvaillen von Massenet und Ambroise Thomas. Stehende Ovationen waren Pflicht.

Bachler wird also kaum etwas anderes übrigbleiben, als mit einem riesigen Blumenstrauß nach Canossa zu gehen, anstatt – wie bisher – widersprüchliche Signale auszusenden. Freuen dürfte ihn aber auch nicht wirklich, dass die Gruberova als Parallelaktion zu den Opernfestspielen 2012 auf eigene Rechnung die von ihm verschmähte Bellini-Oper „La straniera“ im Gasteig konzertant herausbringt. Aber auch die Sängerin sollte nicht nur auf ihre Schmeichler hören, um den richtigen Zeitpunkt für einen glanzvollen Abschied nicht zu verpassen.


Bellinis „La straniera“ am 9., 12. und 16. Juli im Gasteig. Karten unter 288 555 02

 

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