Rembrandt mit der Tonpalette

Das Erbe lebt weiter: Der Konzertmeister der Münchner Philharmoniker über Sergiu Celibidache und seinen besonderen Orchesterklang
| Robert Braunmüller
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Das Erbe lebt weiter: Der Konzertmeister der Münchner Philharmoniker über Sergiu Celibidache und seinen besonderen Orchesterklang

"Ich möchte, dass man von einem deutschen Stil im Orchester spricht und dass dieser Stil bleibt, wenn ich einmal nicht mehr da bin“, hat Sergiu Celibidache einmal gesagt. Vor 100 Jahren wurde der Dirigent Sergiu Celibidache in Rumänien geboren. Zwischen 1979 und 1996 leitete er die Münchner Philharmoniker. In den 17 Jahren unter seiner Leitung entwickelte sich das etwas behäbige Orchester zu einem Klangkörper von Weltrang. Berühmt waren vor allem seine Brahms- und Bruckner-Interpretationen. Triumphale Konzertreisen brachten ihm auch im Ausland den Ruf eines „Klangmagiers“ ein. Umstritten bis zuletzt waren seine breiten Tempi, durch die nicht nur Bruckner-Sinfonien zu andachtsvollen Weihestunden wurden.

Viele der heutigen Philharmoniker haben noch unter ihm gespielt. Lorenz Nasturica-Herschcovici ist einer der fünf Konzertmeister. Er spielt am vordersten Pult der ersten Violinen und gibt vor den Konzerten das Zeichen zum Einstimmen.

AZ: Herr Nasturica-Herschcovici, wie steht es um Celis Erbe im Orchester?

LORENZ NASTURICA-HERSCHCOVICI: Wir sind etwa 120 Musiker. 51 von uns haben noch unter Celi gespielt. Der Nachwuchs ist sehr interessiert, von uns Älteren zu erfahren, wie damals gespielt wurde und der besondere Klang entstand. Ich versuche, unsere Tradition weiterzugeben – etwa die besondere Art, ein Streichertremolo am Beginn einer Bruckner-Symphonie zu spielen.

Bei Bruckner oder bei französischer Musik ist Celis Klang immer noch gegenwärtig.

Mein erster Dienst war 1992 bei Claude Debussys „La mer“. Ich kannte das Stück gut, aber auf den Proben wurde es ein anderes Stück für mich. Celi hat mit den Farben des Orchesters gearbeitet wie ein Maler. Und er hatte, wie Rembrandt etwa, einen ganz eigenen Ton.

Wie entstand der?

Er selbst hat gesagt: „Ich mache gar nichts, ich bin nur der Tropfen in einem Ozean.“ Celi hat sehr lange probiert und bestimmte Stellen immer und immer wieder wiederholt. Den Klang hat er immer vom Bass her aufgebaut. Das Fundament war ihm sehr wichtig. Schärfen in der Höhe, die es bei Piccolo-Flöten und ersten Geigen gibt, versuchte er abzurunden.

Warum wählte er so langsame Tempi?

Ich finde, die jüngere Generation nimmt vieles zu schnell. Weder Musiker noch Zuhörer haben so die Gelegenheit, den Klang zu genießen.

Wie hat er auf Fehler reagiert?

Bei falschen Noten wurde er nie böse, auch nicht im Konzert. Wenn man aber eine musikalische Phrase nicht richtig gestaltet oder einen Akzent falsch gesetzt hat, hätte er einen am liebsten umgebracht.

War er sehr autoritär?

Celi konnte uns hervorragend motivieren. Er hat immer begründet, warum er bestimmte Wirkungen wollte. Das können nicht alle Dirigenten.

Bei welchen Dirigenten haben Sie heute ein Celi-Gefühl?

Zubin Mehta oder Christian Thielemann haben eine ähnliche Sensibilität wie Celibidache. Da stellen sich bei uns sofort die Haare auf.

Ihren künftigen Chef nannte er ein „zweijähriges Kind, das Kant erklärt“.

Lorin Maazel ist ein perfekter Dirigent und toller Musiker. Celi war manchmal radikal in seinen Worten. Kollegen, die nicht in seiner Weise mit Farben musizierten, mochte er nicht. Aber er war kein böser Mensch.

Sie stammen wie er aus Rumänien – ergab sich da ein besonderer Kontakt?

Er nannte mich oft auf Rumänisch „Mein Sohn“. Das Orchester war seine Familie, er hat sich wie ein Vater für unsere Interessen eingesetzt und der Stadt mehrmals mit seinem Weggang gedroht. Einmal sagte er am Ende einer Probe, er müsse nach Hause und seinen Kindern Essen geben. Ich war überrascht, weil ich nur von einem Sohn wusste. In Wirklichkeit meinte er zwei Eichhörnchen, die er jeden Tag gefüttert hat. Solche Größe kennt nur ein Genie.

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