Parade der stillen Stars

Die schönsten Pferde hat er gemalt – klar, dass so einer von der Insel kommen muss: Die Neue Pinakothek zeigt nun die erste Schau des englischen Tiermalers George Stubbs auf dem Festland
| Christa Sigg
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An einen antiken Fries erinnert das großformatige Ölbild „Stuten und Fohlen“ mit seinem sandfarbenen Hintergrund. Für die „Ewigkeit“ ließ der pferdebegeisterte Lord Rockingham seine Lieben von George Stubbs malen.
An einen antiken Fries erinnert das großformatige Ölbild „Stuten und Fohlen“ mit seinem sandfarbenen Hintergrund. Für die „Ewigkeit“ ließ der pferdebegeisterte Lord Rockingham seine Lieben von George Stubbs malen.

Morgens, gleich nach dem Weck-Dudelsack, spricht sie ausgiebig mit ihren Corgis, heißt es. Denn Pferde, die noch größere Leidenschaft der Queen, wären selbst für Buckingham Palace etwas zu sperrig. Es könnte also leicht sein, dass ihr die Viecher mindestens so nah sind wie die Royal Family. Damit ist Elizabeth das ideale Staatsoberhaupt der hippomanischen Briten, und damit ist auch schon eine Menge erzählt über die Kunst des George Stubbs (1724-1806).

Der hierzulande fast unbekannte Maler steht im Mittelpunkt einer Ausstellung der Neuen Pinakothek. 200 Jahre nach seinem Tod ist das die erste Museumsschau auf dem Kontinent, was bei dieser Qualität erstaunt. Und auch wieder nicht. Fern der Heimat hatte es englische Kunst schon immer schwer. Die Bilder, die es in französische oder deutsche Museen geschafft haben, kann man an ein paar Händen abzählen, und München liegt hier noch ziemlich weit vorne mit Exemplaren von Thomas Gainsborough, Joshua Reynolds oder Thomas Lawrence. Doch ein verschrobener Tiermaler, der die sehr speziellen Spleens seiner Landsleute bediente, deren Lifestyle einfing, war erst recht nichts für den Export.

Bilder für die Upper-Class mit Bodenhaftung

Denn Stubbs’ Pferde sind weder Unterbau herrschaftlicher Repräsentation, noch mythologisch befrachtet, noch anonymes Accessoire. Der Gerberssohn aus Liverpool porträtierte sie so, wie man es gewöhnlich mit Menschen tut. Und weil schon die ersten Aufträge des rossverrückten Lord Rockingham grandios gerieten, wurde der scheue Beobachter bald zum Star einer pferde- und jagdverliebten Upper-Class-Klientel, die die behaglichen Seiten des Landlebens genoss.

Das Können kam nicht von ungefähr, Stubbs wusste, wie ein Pferd tickt und beschaffen ist. Bis in die Tiefe reichte sein Forscherblick. Auf einer abgelegenen Farm in Lincolnshire begann er in den 1750er Jahren die toten Tiere zu sezieren, Schicht für Schicht, Sehne für Sehne. Ein bisschen grausig klingt das - der Münchner Maler Gabriel von Max macht das hundert Jahre später mit seinen Affen. Doch mit dem Prachtband „The Anatomy of the Horse” (1766) führte die blutige Arbeit ganz im Sinne der Aufklärung zu einem enzyklopädischen und schließlich auch ästhetischen Ergebnis.

Diese Kenntnis bis in die kleinsten Muskelpartien, die unglaubliche Präzision prägen das gesamte Oeuvre – selbst Exoten wie Zebra und Nashorn, die Stubbs in den königlichen Menagerien malt. Aber erst die delikaten Arrangements und die feinen Farbspiele machen daraus große Kunst. „Whistlejacket”, den Paradehengst Rockinghams, gibt es natürlich auch solo. Wie sehr das Vollblut geschätzt wurde, erzählt allerdings erst das Großformat mit weiteren Pferden und einem Stallknecht. Behutsam umfasst der die Schulter des Tieres, blickt auf den Betrachter mit Augen, aus denen Zuneigung und Stolz zugleich leuchten. Und bei aller Virtuosität ist die stille Geschichte, die sich hier andeutet, vielleicht das eigentlich Faszinierende.

Bei Christie's brachte ein Stubbs 25 Millionen

Auch der Hengst „Turf” steht mit seinem blässlich versnobten Jockey irgendwo im Rennmekka Newmarket. Aber erst die Platzierung zwischen angeschnittenem Stall, Landschaftsausblick und unscheinbarem Pfosten am linken Bildrand zeigt, welches besondere Gespür der Maler für subtilste Spannungen besaß.

Doch Moden ändern sich. Bald nach seinem Tod geriet Stubbs in Vergessenheit, um erst nach dem Zweiten Weltkrieg neu entdeckt zu werden. Mittlerweile zählt er zu den Top Five der English Art, seine Bilder erzielen Höchstpreise: Erst im Juli ging bei Christie’s ein Stubbs für schlappe 25 Millionen Euro über den Auktionstisch. Rennstar „Gimcrack” kam aus einer privaten Sammlung, wie überhaupt das Gros dieses Werks in Castles oder Country Houses hängt – vererbt wie Familienporträts.

Klar, dass auch in den königlichen Gemächern der eine oder andere Stubbs residiert. Her Majesty the Queen war indes so freundlich, auf die „Soldaten des 10. Dragonerregiments” zu verzichten. Wer die Männer in ihren langen weißen (Unter)Hosen sieht, überreißt schnell, dass hier wirklich nur das Pferd eine gute Figur macht.


Bis 6. Mai 2012 in der Neuen Pinakothek, täglich außer Dienstag von 10 bis 18 Uhr, mIttowchs bis 20 Uhr, Katalog 32 Euro (Prestel Verlag)

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