Gastbeitrag

Neugier und Lebenslust: Christian Ude zum 95. von AZ-Legende Ponkie

Ponkie, die langjährige Film- und Fernsehkritikerin der Abendzeitung, feiert am 16. April ihren 95. Geburtstag. Münchens ehemaliger OB Christian Ude gratuliert ihr in der AZ.
| Christian Ude
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Ponkie, die langjährige Film- und Fernsehkritikerin der Abendzeitung, bei sich zu Hause in Solln - und wie sich's zum Geburtstag gehört mit Kuchen.
Ponkie, die langjährige Film- und Fernsehkritikerin der Abendzeitung, bei sich zu Hause in Solln - und wie sich's zum Geburtstag gehört mit Kuchen. © Daniel von Loeper

Liebe Ponkie,

hoffentlich gibt es heute für mich keinen solchen Ärger wie vor genau fünf Jahren, als Du Deinen 90. gefeiert hast - bei uns im Keller, mit Deiner unüberschaubar großen Familie, Deinen Kindern und deren Lebensgefährten, mit den Enkeln und der Urenkelin und hundert Gästen insgesamt. Abi Ofarim hat gesungen und Charlotte Knobloch, Ilse Neubauer, Gisela Schneeberger und Edgar Reitz und viele aus der Zunft der Filmemacher haben Dich hoch leben lassen - und ich musste sofort weg, um eine Laudatio auf meinen Nachfolger zu halten, nicht hier in München, sondern in Augsburg; auf meinen Nachfolger als Träger der Augsburger Bier-Kette, verliehen von der dortigen Brauerei und den bayerischen Königstreuen, an einen gewissen Markus Söder.

Das war schon ein rasanter Orts- und Milieuwechsel. Immerhin konnte ich damals die kleine Bosheit unterbringen, diese Kette sei ein Trostpreis für Leute, die das höchste Amt trotz heftiger Bemühungen verfehlen, wie es mir zuvor in Bayern passiert war. Und jetzt Söder?

Schon zum 90. Geburtstag wurde Ponkie von Christian Ude gefeiert - in seinem Schwabinger Keller.
Schon zum 90. Geburtstag wurde Ponkie von Christian Ude gefeiert - in seinem Schwabinger Keller. © Daniel von Loeper

90 Jahre waren für Dich kein Grund, Ruhe zu geben, auch wenn es seither ruhiger um Dich geworden ist. Deine Leidenschaft, Filme zu sehen, zu analysieren, zu preisen oder zu zerrupfen, mit wortschöpferischem Spott, beißender Kritik oder adelndem Lob zu versehen, hast Du langsam ausklingen lassen, bist aber präsent geblieben, hast immer wieder Kostproben von Liebe zum Film, von Urteilskraft und kritischen Maßstäben gesetzt und Freude mit Deinem Wortwitz gemacht.

Was für ein erfülltes Journalistenleben! Und gleichzeitig bist Du eine kulturelle Instanz und ein zutiefst politischer Mensch und ein Familientier, das voller Stolz aufblüht, wenn die Enkelin Marie ausruft: "In unserer Familie hat immer schon das totale Chaos geherrscht!" Ein schöpferisches Leben, kein ordentliches.


Zu ihrem Ehrentag zeigt die AZ einen Dokumentarfilm über die Kultur-Legende – mit reichlich privaten Einblicken. Den Film dazu sehen Sie hier.


Heimatfilme und jedwede Flucht ins Seichte durch den Kakao gezogen

Du hattest schon gut zehn Jahre kenntnisreich und scharfzüngig in der Abendzeitung geschrieben, nie korrekt als Ilse Kümpfel-Schliekmann, was so klingt, als hätte es Loriot erfunden, sondern stets salopp und jugendfrisch als "Ponkie", als Du die Fantasie unserer Schulklasse zu bewegen begannst. Wer war das, der sich da so frech, respektlos und wortgewaltig traute, Heimatfilme und jedwede Flucht ins Seichte durch den Kakao zu ziehen?

Einer in unserer Klasse wollte sich mit Deinem Ansehen schmücken und behauptete, er habe Dich auf einer Schwabinger Kneipentour als feinen Kerl kennengelernt und über diesen Ponkie die heißesten Hasen, die mal Filmstars werden wollen. Das konnte Prahlerei gewesen sein, aber irgendwie klang es plausibel, dass ein namhafter Kritiker bei Möchtegern-Filmsternchen aus dem Umland gute Karten beim Anbandeln hatte und dass dabei auch für seinen Begleiter etwas abfallen konnte. Neid!

Umso tiefer der Absturz, als das Feuilleton der AZ in der Adventszeit auf die Idee kam, alle Mitglieder der Kultur-Redaktion Vorschläge für Weihnachtsgeschenke machen zu lassen - Bücher, Platten oder Kino- und Theaterkarten - und dabei erstmals alle Mitarbeiter mit Bild vorzustellen. Ein Klassenkamerad kam der größeren Wirkung zuliebe eigens zu spät zum Unterricht, schwenkte die AZ und schmetterte ins Klassenzimmer: "Schaut her! Der Ponkie ist eine Frau!"

Das Gelächter war homerisch, der Angeber am Boden zerstört, der Gerechtigkeitsinn der Klasse wieder beruhigt, das feministische Zeitalter angebrochen und der Gymnasialprofessor erstaunt, mit welch schlichten Mitteilungen "das Boulevard" erstaunliche Effekte erzielen konnte.

Ponkie blieb zunächst einmal ein halbes Jahrhundert und dann noch weitere Jahre - wie ich zu ihrem 90. Geburtstag hier in der AZ schreiben durfte - "voller Neugier, Interesse, Anteilnahme und Lebenslust, aber auch Verachtung von Mittelmaß, Konvention, Spießigkeit, autoritärem Gehabe, moralinsaurer Heuchelei, seichter Unterhaltung und fantasieloser Meterware: eine einzige Erfrischung".

Helmut Fischer war  Ponkies Stellvertreter

Helmut Fischer, der anfangs so erfolglose Schauspieler, der dringend Nebenjobs brauchte, war zeitweise Ponkies Stellvertreter, bekam aber keine Filmkunst zur Beurteilung vorgeführt, sondern eher Softpornos im Bahnhofskino. Sein "Fazit" war so kurz und treffend wie bei seiner Lehrmeisterin, zum Beispiel nach 90 Minuten mit einem schwergewichtigen Busenwunder: "Ächz! Würg!"

Trotz solcher Derbheiten glaubte sie unbeirrbar an sein Talent und schrieb, als aus dem "Kommissar Lenz" endlich der "Monaco Franze" geworden war, unter der liebevoll-einfühlsamen Regie von Helmut Dietl, von einem Stück "Fernsehen-Poesie", die wir den beiden verdanken.

Das war die glückliche Zeit der Frühstücksrunde: Helmut und seine Frau Utta luden ein, Ponkie aus Solln war immer dabei, Franz Geiger, der auch Drehbücher zum Monaco beigesteuert hat, meistens auch, meine Frau und ich, die Ilse Neubauer, der Bruno Jonas auch. Ehe man auf alte Zeiten kam, ging es um tagesaktuelle Politik - mit harscher Kritik an rechten Parolen, nationalen Phrasen, spießigem Banausentum, an Altbauspekulanten und päpstlicher Sexualmoral. Richtig gut kamen eigentlich nur die Katzen weg.

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Obwohl ihr Preise nie so wichtig waren wie sprachliche Pointen, hat sie viele bekommen: den Schwabinger Kunstpreis (weil Schwabing laut Franziska von Reventlow "Zustand" ist und kein geografischer Ort, geht das auch bei einer Sollnerin!), den Ernst-Hoferichter-Preis, den Sigi-Sommer-Preis (Namensgeber und Preisträgerin sind gleichermaßen in der AZ verwurzelt), den Grimme-Preis für Verdienste um die Fernsehkultur und 1995 den Wilhelm-Hoegner-Preis, bei dessen Verleihung im Maximilianeum ich ihr einmal am Ende meiner Laudatio ganz ungeniert die Meinung sagen konnte: "Ponkie, wir lieben Dich!"

Das ist jetzt auch schon über ein Vierteljahrhundert her. Aber es stimmt noch immer. Lass es einfach mal zu. Und lass es Dir gut gehen, am besten im Garten.

Der launische April geht auch vorbei, und bald wird es wirklich Frühling und Sommer. Genieße diese Zeit - und Deine Familie.

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