Neue Corona-Beschlüsse: Was Münchner Kulturschaffende denken

Der neue Lockdown hat die zarten Hoffnungen auf einen kulturellen Neustart abgewürgt. Die AZ hört sich in der Kulturszene um.
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Nach dem Ende der Osterferien  könnten neben Biergärten auch Theater, Konzert- und Opernhäuser und Kinos geöffnet werden, wenn die 7-Tage-Inzidenz regional unter 50 besteht. Selbst bei einem Wert zwischen 50 und 100 darf geöffnet werden unter Nachweis eines Schnell-oder Selbsttestes. (Symbolbild)
Nach dem Ende der Osterferien könnten neben Biergärten auch Theater, Konzert- und Opernhäuser und Kinos geöffnet werden, wenn die 7-Tage-Inzidenz regional unter 50 besteht. Selbst bei einem Wert zwischen 50 und 100 darf geöffnet werden unter Nachweis eines Schnell-oder Selbsttestes. (Symbolbild) © Foto: Jens Kalaene/dpa

München - Die Kultur vertrösten und den Lockdown verlängern - dieses Spiel kennen die Kinobetreiber, Theaterintendanten und freien Künstler nun schon seit Monaten. Und es gibt keine Garantie dafür, dass die nun von Markus Söder ab dem 12. April geplanten Lockerungen, nicht doch nach Ostern auch wieder einkassiert werden.

Jegliches Kulturleben ist bis 12. April lahmgelegt

Die neuen Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz legen zunächst jegliches Kulturleben bis 12. April lahm, bis die Verordnung aber im jeweiligen Landesparlament bestätigt und juristisch sattelfest gemacht worden ist, können noch ein paar Tage vergehen. Zumindest die bayerischen Museen dürften also noch bis zum Wochenende offen bleiben.

Was sagen Münchner Kulturschaffende zur aktuellen Lage?

Die neuen Beschlüsse sehen neben den erzwungenen Ruhetagen über Ostern auch Lockerungen nach dem Ende der Osterferien vor: So könnten neben Biergärten auch Theater, Konzert- und Opernhäuser und Kinos geöffnet werden, wenn die 7-Tage-Inzidenz regional unter 50 besteht. Selbst bei einem Wert zwischen 50 und 100 darf geöffnet werden unter Nachweis eines Schnell-oder Selbsttestes.

Zusätzlich werden Modellprojekte eingeführt: Bis zu drei Theater-, Konzert- oder Opernhäuser in Landkreisen oder kreisfreien Städten mit einer Inzidenz von über 100 werden ausgewählt, um unter strengen Schutz- und Hygienemaßnahmen die Wirksamkeit insbesondere von umfassenden Testkonzepten zu untersuchen. Dass es von diesen Modellversuchen schon etliche gab, scheint der bayerischen Staatsregierung unbekannt zu sein.

Wir haben uns umgehört, was betroffene Kulturschaffende in München zu diesen neuen Perspektiven sagen...

Christiane Brammer: "Ich glaube an nichts, vor Anfang Mai"

Christiane Brammer, Hofspielhaus: Ich kann zwar nicht in die Zukunft schauen und bin auch keine Virologin, aber wenn wir so weitermachen, sitzen wir Ende des Jahres wieder ohne Kultur da. Ich habe daher beschlossen mit gehörigem Aufwand, etwas anders zu machen: 2020 haben wir auch mit großer Mühe hundert Aufführungen hinbekommen. und jetzt habe ich bereits im Theater alle Wände, Tische, Stühle, Geländer gegen Bakterien und Viren beschichten lassen. Da ich selbst beim Film bin, bin ich andauernd getestet und kenne das Prozedere.

Christiane Brammer beim Geburtstagsevent "Fünf Jahre Hofspielhaus" im Oktober 2020.
Christiane Brammer beim Geburtstagsevent "Fünf Jahre Hofspielhaus" im Oktober 2020. © imago images/Future Image

Ich kann mit Abstand 25 Zuschauer unterbringen und habe Schnelltests besorgt. Die würde ich alle Gäste im Freien machen lassen. Doch jetzt gibt es wieder die Verschärfung der Lockdown-Regeln bis 18. April. Aber selbst, wenn danach alles besser wäre, würde es zwei Wochen dauern, bis alles wieder anlaufen kann. Ich glaube an nichts, vor Anfang Mai. Ich selbst würde gerne mein Theater ab 19. April zum Pilotprojekt machen, wie schon das "Zimmertheater" in Tübingen es macht und auch Orte in Berlin. Dazu habe ich dem Oberbürgermeister und der Regierung von Oberbayern geschrieben. Ich mache also mit allen Vorsichtsmaßnahmen auf und stelle das Hofspielhaus für Tests und Wissenschaft zur Verfügung.

Eröffnen wollte ich ja mit einem Einpersonenstück, dem "Kontrabass" von Süßkind. Dann habe ich das Drei-Personenstück "Richard III" am Start und bei den Aufführungen im Hof, könnte man auch noch Open-Air-Daten sammeln. Als Kunstlebensmittelgeschäfte muss man uns Theater und Kinos wieder öffnen. Alle Vorstellungen, die in diesen harten Zeiten bei uns möglich waren, waren ausverkauft. Bis Mittwoch stelle ich aber erst einmal die Anträge für das Förderprogramm ,Neustart Kultur' und warte auf die Antwort der Regierung auf meinen Vorschlag. Pilotprojekt Hofspielhaus. Denn mein Optimismus stirbt zuletzt.

Christian Pfeil: "Große Filmstarts erst im Juni oder Juli"

Christian Pfeil, Monopol Kino: Kinos brauchen eine bundesweit einheitliche Öffnung, weil sonst kein Filmverleiher mit einem großen Werbebudget einen Film in einzelnen Landkreisen oder auch Bundesländern ins Kino bringt. Gerade auch, wo viel zu viele Filme auf einen Start warten. Und man braucht einen Vorlauf von einem Monat. Das einzige was uns hilft ist: Impfen und Testen!

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Aber da hat die Politik keinen Plan, wie wer wo nachweisen kann, dass er geimpft ist oder innerhalb der letzten 48 Stunden getestet wurde. Wenn dazu mal eine Lösung da wäre, könnten wir alle wieder ein völlig anderes Leben führen - in Restaurants, Bars und Kinos! So rechne ich mit zögerlichen und absurden Erleichterungen nach dem 18. April, wo dann einzelne Kinos vielleicht wieder ein paar alte Filmchen spielen dürfen. Bei diesem Missmanagement der Regierung glaube ich an große Kinostarts erst im Juni oder Juli.

Thomas Linsmayer: "Endlich von den Inzidenzwerten lösen"

Thomas Linsmayer, Pasinger Fabrik: Die gut gemeinte Öffnung der letzten zwei Wochen mit Tierpark und Museen, geht jetzt nach hinten los. Alle haben alles vorbereitet. Wir zum Beispiel eröffnen heute die Ausstellung der Akademieklasse "Alles Paletti" mit Voranmeldung. Die können wir dann aber wohl am Montag wieder zumachen, spätestens ab Gründonnerstag. Die Ausstellung wird dann leer stehen - bis wir hoffentlich mit unserer Rolling-Stones-Ausstellung im Sommer weiter machen.

Thomas Linsmayer: Der 52-jährige Jurist und Kunsthistoriker ist seit 2001 Kurator in der Pasinger Fabrik.
Thomas Linsmayer: Der 52-jährige Jurist und Kunsthistoriker ist seit 2001 Kurator in der Pasinger Fabrik. © Simone Laubach

Aber so kann man natürlich nicht arbeiten. Es wird endlich Zeit, dass man sich endlich von den Inzidenzwerten löst. Denn dann starrt man dauernd auf die Zahl und muss wahrscheinlich noch Wochen oder Monate warten, bis sich das unter 100 langfristig stabilisiert. Im Augenblick sieht es ja nach dem gegenteiligen Trend aus. Man muss also anders vorgehen: Schauen wie die Altersstruktur der Infizierten ist, ob die Krankenhäuser genug Kapazitäten haben, wie weit das Impfen schon ist und wie gut ein Hygienekonzept ist. Und dann endlich schnell wieder die Öffnung erlauben.

Matthias Mühling: "Testkonzepte können weitere Sicherheit geben"

Matthias Mühling, Lenbachhaus: Erst am Dienstag haben wir die völlig neu konzipierte Ausstellung zum "Blauen Reiter" mit sensationellen Leihgaben aus aller Welt eröffnet. Wir hoffen auf einen angemessenen Umgang mit der anhaltenden Bedrohung durch das Virus. Museen sind nachweislich der öffentliche Ort mit der geringsten Bedrohung und dem ausgefeiltesten Hygienekonzept. Eine weitere Sicherheit könnten Testkonzepte geben. Hoffen wir also weiter.

Florian Knauß wünscht sich "intelligente Lösungen"

Florian Knauß, Glyptothek: Wir halten an der Eröffnung der Glyptothek am Freitag fest. Alle wissen, dass das Infektionsrisiko in Museen weitaus geringer ist als an fast jedem anderen Ort. Intelligente Lösungen würden auch wir uns wünschen. Das "Tübinger Modell" wäre jedenfalls angemessener als eine willkürliche Schließung unterschiedlicher Einrichtungen mit ganz verschiedenen Infektionsrisiken." (Anm. der Red.: In Tübingen kann man etwa Gastronomie, Geschäfte und auch Kultureinrichtungen besuchen, wenn man einen tagesaktuellen negativen Corona-Test vorweisen kann.)

Josef E. Köpplinger: "Macht die Theater auf - und lasst sie offen!"

Der Intendant Josef E. Köpplinger auf einer der Probebühnen des Staatstheaters am Gärtnerplatz.
Der Intendant Josef E. Köpplinger auf einer der Probebühnen des Staatstheaters am Gärtnerplatz. © Sven Hoppe/dpa

Josef E. Köpplinger, Staatstheater am Gärtnerplatz: Die heikle Differenzierung in der pandemischen Zeit hat erwiesenermaßen gezeigt, dass Theater und Opernhäuser sowie die Konzerthallen unter Hygieneschutzmaßnahmen sichere Orte mit Publikum sind, unabhängig der Infektionszahlen. Daher meine dringliche Bitte: macht die Theater auf - und lasst sie offen!

Barbara Mundel plädiert für flächendeckende Testung

Barbara Mundel.
Barbara Mundel. © Patrick Seeger/dpa/Archivbild

Barbara Mundel, Kammerspiele: Wir sind gerade dabei Allianzen zu bilden, um für andere Öffnungsszenarien zu kämpfen. Allianzen zwischen der Gastronomie und den Kultureinrichtungen. Was wünschen wir uns von der Politik? Wir möchten dem Freistaat Bayern und der Stadt München nahebringen, dass eine flächendeckende Testung zu den Maßnahmen einer möglichen Öffnung gehört! Natürlich bedarf es auch noch weiterer Maßnahmen. Wir sind der Meinung, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt durch die Corona-Krise ausgelösten existenziellen Nöten zu brechen droht und möchten dies verhindern.

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