Musikalischer Strafraum

Die Fußball-WM in Südafrika ist auch ein Wettstreit der Sänger. Wer hat es diesmal geschafft, den Song zu schreiben, der die Herzen der Fans erobern wird? Eine Hörprobe
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Die Fußball-WM in Südafrika ist auch ein Wettstreit der Sänger. Wer hat es diesmal geschafft, den Song zu schreiben, der die Herzen der Fans erobern wird? Eine Hörprobe

Das Sommermärchen hatte nur einen Soundtrack, der im Gedächtnis blieb. Auch wenn Herbert Grönemeyer offiziell bestellt pathetisch „Zeit, dass sich was dreht“ bellte, die Sportfreunde Stiller hängten ihn mit „54, 74, 90, 2006“ locker ab. Ihr fröhlicher Kindergartenpop wird auch mit minimaler Textkorrektur in diesem Sommer ein Dauerbrenner sein. Auch die Hamburger Revolverhelden können ihre „Helden“-Hymne von der EM 2008 wieder aufkochen.

Den einzig großen Fußball-Popsong, „Three Lions“ von den Lightning Seeds (1996), erreicht die deutsche Spielkunst aber nicht ansatzweise. Den Mangel an Anspruch verkörpert niemand besser als Oliver Pocher. Mit der vor Originalität strotzenden Textzeile „2010 werden wir den Pott nach Hause nehm“ will er sein Triple vervollständigen. Bereits 2006 („Schwarz und weiß“) und 2008 („Bringt ihn heim“) versuchte er sich mit simpel strukturierten Songs als grölender Fan-Einpeitscher. Stilistisch ist er sich mit dem neuen Song treu geblieben. Immerhin durfte er die großen Parties mit der Nationalmannschaft auf der Fanmeile bestreiten.

Diese Ehre wird der DFB Chris Boettcher mit Sicherheit nicht zuteil werden lassen. Der Münchner Kabarettist, der im letzten Jahr mit „Zehn Meter gehn“ einen veritablen Wiesn-Hit landete, hat sich den Bundestrainer vorgeknöpft. Im Song „Högschde Disziplin“ schlüpft er in die Rolle des schwäbischen Fußball- und Ganzkörperstylisten, dessen Predigt über gepflegten Fußball auch die Frisur (und den Imtimbereich rund um den Elfmeterpunkt) umfasst. Im äußerst sehenswerten Video (auf Chris Boettchers Homepage) gibt der Kabarettist mit schwarzer Perücke einen absolut stilechten Jogi Löw ab. Sollte Deutschland sich allen Prognosen zum Trotz doch zum WM-Titel wurschteln, können die Wiesn-Bands blind auf Boettchers Jogi-Löw-Hymne bauen.

Gänzlich hurmorlos hingegen ist der offizielle Fifa-WM-Song, der ja immer einen weltumspannenden Aspekt haben soll (weshalb auch Grönemeyer die maurischen Bluesmusiker Amadou & Mariam integrierte). In Südafrika kam die Botschaft nicht an. Tanzen und singen sind Nationalkultur, da hätte man nicht unbedingt die Kolumbianerin Shakira gebraucht, die „Waka Waka – This Time for Africa“ singt – mit Hintergrundunterstützung einheimischer Musiker. Der Song integriert südafrikanische Rhythmen und Instrumente mit westeuropäischer Großraumdisco und ist musikalisch so beliebig, wie es zumindest die Funktionäre mögen. Schließlich hatte schon der jetzige Uefa-Präsident Michel Platini 1998 als Chef des FIFA-Organsationskomitees für die WM in Frankreich den Puertoricaner Ricky Martin beauftragt, einen Hit minimal umzuwandeln zur WM-Hymne „La Copa De La Vida“. So wurde die Idee korrumpiert, die die Fifa erstmals 1990 bei der WM in Italien verwirklichte. Damals sang Gianna Nannini „Un’Estate Italiana“ ganz ohne Globalisierungsfirlefanz. So macht das auch Coca Cola, die Firma schickt den Südafrikaner K’naan mit „ Wavin’ Flag“ direkt in die weltweiten Charts.

Es mag deutsche Fans geben, die melancholisch alte Schallplatten ihrer Nationalmannschaft mit Udo Jürgens oder Michael Schanze hören. Aber die Zeit der singenden Kicker ist vorbei, selbst wenn viele Fußballer so flächendeckend tätowiert sind wie amerikanische Ghetto-Rapper nach den ersten fünf Jahren Knast. Und die Fans im Stadion? Die werden sich mit „Seven Nation Army“ von den White Stripes gegen die trötenden Vuvuzelas zu behaupten versuchen. Volker Isfort

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