Kritik

Zwischen Dada und Jazz: Helge Schneider verzaubert München

Der Entertainer präsentiert Sein Programm "Ellebogen vom Tich!", macht wie gewohnt großartige Musik, fantastischen Unsinn und sogar ein paar Zaubertricks.
Anne Fritsch |
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Helge Schneider im Circus Krone
Helge Schneider im Circus Krone © Jens Niering

Dass Helge Schneider sein Publikum verzaubern kann, ist kein Geheimnis. Für sein neues Programm "Ellebogen vom Tich!" jedoch hat er tatsächlich eine Magiernummer vorbereitet.

Da steht er auf der Bühne im Circus Krone, zieht das rote Geschirrtuch, das er sich wie ein überdimensioniertes Einstecktuch ins blaue Jacket gesteckt hat, heraus und zaubert einen Handpuppen-Affen aus der DDR weg und nach ein paar Tuch-Nummern auch wieder her. Helge wäre nicht Helge, wenn er dafür Mühen scheuen würde.

Also kriecht er auf der Suche nach dem Affen auf allen vieren um seinen Gitarristen Sandro Giampietro herum, klaubt das Stofftier vom Boden auf und - voilà! - zaubert es unter dem Tuch hervor, um sogleich samt Handpuppe ein Trompetensolo vom Feinsten hinzulegen.

Er widersetzt sich jeder Einordnung

Auf jener Trompete übrigens, die ihm einst Louis Armstrong schenkte, der neun Monate vor seiner Geburt eine Affäre mit seiner Mutter hatte. Was nun mehr Zauber hat, das Dilettantische des Zaubertricks, das Abstruse der Geschichte oder das Virtuose des Trompetenspiels, das mag jeder selbst entscheiden.

Helge Schneider im Circus Krone
Helge Schneider im Circus Krone © Jens Niering

Helge Schneider ist schwer zu fassen und widersetzt sich jeder Einordnung. Für einen Konzertmusiker ist er zu albern, für einen Comedian zu musikalisch und vielleicht auch zu ernst. Helge ist einfach Helge. Was er da veranstaltet, ist ein großes Dazwischen: zwischen Macho und Melancholie, zwischen Yap und Jam, zwischen Comedy und Konzert, zwischen Albernheit und Arrhythmien. Er spielt Klavier, Trompete, Saxophon, Trommel und vieles mehr. Er singt von seiner Mutter, die ihm keine Bierkästen mehr schleppen mag, von Mackie Messer, dessen Zähne in einem Glas mit Kukident liegen, von Bier und Erdnussflips.

Vielleicht ist es am ehesten ein Konzert im Gewand des Dadaismus. Gerade erst bezeichnete Florian Illies ihn als "Bruder im Geiste" von Christoph Schlingensief, der auch zwischen den Formen flirrte und den Helge Schneider "als unheimlich lustigen Menschen" in Erinnerung hat. In einem Interview mit Schlingensief, das auf Youtube anzusehen ist, wünschte Helge Schneider sich 1999 ein Publikum "ohne Forderungen" und "mit einer gewissen Tristesse, dann kann man helfen".

Höchste Komik und niedrigste Stringenz

Und das gilt wohl auch heute. Helge verweigert sich den Zwischenrufen und Erwartungen, spielt Duke Ellingtons "Mood Indigo" auf dem Vibraphon statt das Publikum mit "Katzeklo" zu bespaßen. Wie kein zweiter beherrscht er die Gleichzeitigkeit von Ernst und Unterhaltung. Er erzählt von Brasilien, jenem schönen großen Land, in dem er nie war, dessen Rhythmen er aber liebt: "Salsa, Samba, Sambal Oelek". Er feiert "mit vielen schönen Instrumenten" seinen eigenen Karneval in Rio ganz ohne halbnackte Frauen, um dann auf der Gitarre ein "Volkslied aus China" anzustimmen und eine Geschichte zu erzählen, in der ein Reisbauer unfreiwillig unter einem Gummibaum mithilfe von zwei Spechten zu den ersten Gummistiefeln der Welt kam.

Helge Schneider im Circus Krone
Helge Schneider im Circus Krone © Jens Niering

Helge Schneider reiht Worte aneinander, die anfangs einer Logik folgen, diese dann aber komplett auflösen und sich hoch- und niederschrauben in Gefilde höchster Komik und niederster Stringenz. Er kann "so viele Bäume aufzählen, die es gar nicht gibt" und sich ausgiebig Gedanken machen über Länder, in denen er nie war, und Tiere, denen er zum Glück nie begegnet ist, wie Piranhas.

Das Unsinnige, hier wird’s Ereignis

Begleiten lässt er sich von Peter Thoms am Schlagzeug, Leo Richartz am Kontrabass und jenem bereits erwähnten Sandro Giampietro an der Gitarre. Im Helge-Kosmos bekommt jeder von ihnen genug Raum zu glänzen, mehr als einmal stellt er seine Musiker vor, die ihm durch alle Grooves und Moves folgen. Gemeinsam schaffen sie einen feinen und leichten Abend.

Helge Schneider im Circus Krone
Helge Schneider im Circus Krone © Jens Niering

Helge Schneider tanzt mit dem Mikro, verheddert sich immer wieder fast im Kabel, schleudert es fulminant beiseite, schleicht und schlurft über die Bühne, singt, musiziert und macht jede Menge Spaß. Ein Höhepunkt bildet seine Udo-Lindenberg-Imitation. Helge Schneider performt "Udo, wenn er schläft", "Udo aufm Klo", Udo beim Tennis, beim Geldzählen, beim Zahnarzt und "beim anderen Arzt, der ihm eine Spritze gibt". Ohne ein einziges Wort. Fantastisch. Das Unsinnige, hier wird’s Ereignis.

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