Israel braucht "Mitgefühl und Mut": Münchner Chefdirigent kritisiert Netanjahu vor der Wahl in Israel
In einem Beitrag für die in Tel Aviv erscheinende Tageszeitung „Haaretz“ zeigt sich der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und des Israel Philharmonic Orchestra tief besorgt über die aktuelle Lage in Israel, menschenfeindliche Aussagen von israelischen Politikern, die Siedlergewalt im Westjordanland und den Umgang mit Palästinensern.
Gleichzeitig verwahrt sich Lahav Shani gegen einen „Aktivismus, dessen Agenda die bloße Existenz des Staates Israel“ ablehne und gleichzeitig zum Boykott von Auftritten jüdischer und israelischer Künstler aufrufe. Shani nennt als Beispiel ein Gastspiel des Israel Philharmonic Orchestra in Paris, bei dem Feuer entzündet und die Musikerinnen und Musiker mit Gegenständen beworfen wurden. Derzeit sorgt in Brüssel ein für November anberaumtes Gastspiel der Münchner Philharmoniker für politische Diskussionen; im Herbst 2025 wurde Shani mit dem Orchester beim Flandern-Festival in Gent ausgeladen.
Der mit den Worten „Israels Zukunft braucht Mitgefühl und Mut“ überschriebene Appell des Dirigenten kritisiert die Regierung Netanjahu scharf, weil sie vor dem Terrorangriff der Hamas auf Israel Warnungen nicht beachtet hatte. „Deshalb muss ich zunächst betonen, dass diejenigen, die am 7. Oktober die Führung meines Landes innehatten, die Verantwortung für das politische und nachrichtendienstliche Versagen tragen müssen, das zu den Gräueltaten jenes Tages geführt hat - ebenso wie für die Ereignisse danach“, heißt es in dem Beitrag. Es sei „inakzeptabel“, dass sich „jemand, der an der Macht bleiben will“, einer öffentlichen Rechenschaftspflicht entziehe.

Shani wünscht sich mehr Mitgefühl und Empathie für die Opfer des Massakers, die lange festgehaltenen Geiseln und ihre Angehörigen. Die „Gewährleistung der Sicherheit israelischer Bürgerinnen und Bürger“ dürfe jedoch nicht auf dem Rücken ziviler Palästinenser im Gazastreifen ausgetragen werden. „Hunderttausende palästinensische Kinder“ hätten sich die „schreckliche Realität, in der sie sich nun befinden“, nicht selbst ausgesucht.
Gegen die Verrohung des Diskurses
„Mitgefühl ist ein jüdischer Wert von tiefer historischer Bedeutung“, schreibt Shani weiter. Ohne gegenseitiges Mitgefühl werde es nie eine Lösung für den Konflikt geben. „Derselbe moralische Kompass sollte auch unseren Umgang mit der ausufernden Gewalt von Siedlern im Westjordanland leiten - einer Gewalt, die eine unmissverständliche Verurteilung und ein Eingreifen erfordert, um ihr ein Ende zu setzen.“
Die von rechten Politikern teilweise noch angestachelte Gewalt jüdischer Siedler im Westjordanland stelle ein schwerwiegendes moralisches Versagen dar, das die Zukunft des Staates Israel als legitime Demokratie aufs Spiel setze, so Shani.

In diesem Zusammenhang kritisiert der Dirigent auch Äußerungen israelischer Rechtsextremisten wie die Minister Amihai Eliyahu und Itamar Ben-Gvir, ohne ihre Namen zu nennen. Shani zitiert Aufforderungen zur systematischen Tötung von Palästinensern oder den Vorschlag, eine Atombombe über Gaza abzuwerfen als „Verrohung des öffentlichen Diskurses, eine Missachtung des menschlichen Lebens und eine Zunahme von Rassismus“.
Äußerungen dieser Art würden in Israel als Äußerungen politischer Clowns abgetan, was ein Fehler sei: „Wir haben Freunde auf der ganzen Welt, doch selbst ihnen fällt es angesichts der schockierenden Äußerungen unserer eigenen gewählten Volksvertreter schwer, Israel zu verteidigen“, so der Dirigent.
Mitgefühl und Menschlichkeit
Wer Israel künftig regieren wolle, müsse die gesamte Bevölkerung des Landes vertreten, nicht nur die jüdische. „Das bedeutet, arabische Israelis als in jeder Hinsicht gleichberechtigte Bürger anzuerkennen“, schreibt Shani. „Ich halte den pauschalen Boykott arabischer politischer Parteien für beschämend und rassistisch motiviert.“
Das von Shani geleitete Israel Philharmonic Orchestra setze sich für die Förderung von Verbindungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen innerhalb Israels ein - inklusive der arabischen Gemeinschaft.

Musik habe noch nie einen Krieg beendet, doch sie lehre viel über Menschlichkeit: „Denn sie verlangt von uns, zuzuhören, nachzudenken und zu fühlen.“ Und: „Ich hoffe, dass wir alle zukünftig von Persönlichkeiten geführt werden, für die Mitgefühl, Menschlichkeit und die eigene Vorbildfunktion die leitenden Prinzipien sind“, heißt es in dem Beitrag abschließend mit Blick auf die Wahlen am 27. Oktober.
