Interview

Xavier de Maistre: „Man sagte mir: Harfenisten haben keine Solokarriere“

Talent zeigt sich oft erst auf den zweiten Blick. Und Erfolg hat auch mit strategischem Denken zu tun, findet der Harfenist Xavier de Maistre. Am Sonntag spielt er im Prinzregententheater Händel, dem er erstmals eine CD gewidmet hat
Autorenprofilbild Christa Sigg
Christa Sigg
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Xavier de Maistre hat die Harfe fest im Griff. Aber der Mann ist auch herrlich flexibel, man kann mit ihm über alles plaudern und diskutieren. Schade eigentlich, dass man das am Sonntag beim Konzert nicht hört. Dafür gibt es exquisiten Händel: den Harfenklassiker in B-Dur und das für Harfe arrangierte Orgelkonzert in F-Dur.
Xavier de Maistre hat die Harfe fest im Griff. Aber der Mann ist auch herrlich flexibel, man kann mit ihm über alles plaudern und diskutieren. Schade eigentlich, dass man das am Sonntag beim Konzert nicht hört. Dafür gibt es exquisiten Händel: den Harfenklassiker in B-Dur und das für Harfe arrangierte Orgelkonzert in F-Dur. © Nikolaj Lund

Einen Plan B hatte er sich zwar nie ausgedacht, doch um Alternativen zur Harfe wäre der sportliche Xavier de Maistre nicht verlegen. Er hegt sogar ein Faible für alte Häuser. Die wieder herzurichten, entspannt ihn zwischen den vielen Konzertreisen und bringt seine Fantasie zugleich auf Hochtouren. Dass das auch seiner Musik gut tut, hört man auf der neuen Händel-CD und am Sonntag, dem 8. Februar 2026, im Prinzregententheater.

AZ: Monsieur de Maistre, spontan denkt man: Schon wieder Händel! Aber es ist tatsächlich Ihre erste Aufnahme dieses Klassikers für Harfenisten.
XAVIER DE MAISTRE: Das Händel-Konzert war sogar auf meiner allerersten Schallplatte. Ich hatte mein erstes öffentliches Vorspiel, und meine Harfenlehrerin schenkte mir die Platte. Darauf stand: „Für dein erstes Konzert, ich wünsche dir noch viele weitere“.

Hellsichtige Lehrerin.
Dabei habe ich ständig gehört, dass man als Harfenist keine Solokarriere machen kann.

Und jetzt konzertieren Sie auf der ganzen Welt - und am Sonntag wieder einmal in München. Aber Händel war lange nicht dabei?
Ich habe das Konzert bestimmt 15 Jahre lang nicht gespielt, vielleicht auch, weil es im Unterricht an der Hamburger Musikhochschule ständig präsent ist. Es gehört zum Standard-Repertoire beim Vorspiel. Abgesehen davon gibt es schon so viele Aufnahmen, und ich wollte erst andere Wege gehen. Aber jetzt passt es für mich, allerdings habe ich mir das Stück völlig neu erarbeitet, mit neuen Verzierungen und eigener Kadenz.

Der 52-jähige Harfenist aus dem südfranzösischen Toulon hat früh Solostellen in großen Orchestern. 2001 wurde er als Professor an die Musikhochschule Hamburg berufen.
Der 52-jähige Harfenist aus dem südfranzösischen Toulon hat früh Solostellen in großen Orchestern. 2001 wurde er als Professor an die Musikhochschule Hamburg berufen. © Nikolaj Lund

Wer Harfe spielt, muss klauen

Anders als Geiger oder Pianisten haben Sie kein endloses Repertoire. Also muss man sich umsehen und „klauen“, aber da ist Händel ja ein gutes Vorbild.
Natürlich! Das Harfenkonzert war eigentlich für die Orgel komponiert. Doch irgendwann war der Organist verhindert, und kurzerhand sprang der Harfenist ein. Der hatte das Stück heimlich gelernt, für ihn war es die Gelegenheit, sich damit zu profilieren. Händel war dann auch begeistert, und so gab es ein Harfenkonzert von seinen Gnaden.

Sind Sie ähnlich verfahren?
Ja, ich bin die Orgelkonzerte durchgegangen und habe zwei gefunden, die auch auf der Harfe sehr gut klingen. Es muss aber passen. Ich versuche auch nicht, das Originalinstrument zu imitieren, sondern eine musikalisch vertretbare interessante Version zu finden. Ein Arrangement ist übrigens von einem meiner Studenten, die ist fabelhaft und sehr schwer zu spielen. Na ja, wahrscheinlich eine kleine Racheaktion…

„Bach auf der Harfe kommt für mich nicht in Frage“

Johann Sebastian Bachs Musik wird häufig auf andere Instrumente übertragen. Bei Ihnen taucht er kurioserweise gar nicht auf. Weshalb?
Ausgerechnet Bach kommt für mich nicht in Frage. Gerade auf der Harfe überzeugen mich die Übertragungen nicht. Die tiefen Lagen werden schnell undeutlich, da fehlt es an der Klarheit etwa im Vergleich zum Klavier. Wenn Sie einen Kontrapunkt haben und die obere Stimme dazu sehr hell klingt, geht das nicht gut zusammen. An der Harfe klingen die Saiten nach, das heißt, man müsste bei Bach jeden Ton noch mal abdämpfen. Das macht für mich keinen Sinn. Es gibt ein paar langsame Sätze, die funktionieren, aber will man sich die herauszupfen? Haydn lässt sich dagegen gut auf die Harfe übertragen, weil die Werke für Pianoforte komponiert sind. Mein erstes Album war Debussy gewidmet, der hat Harfenisten sogar ermutigt, seine Stücke zu spielen.

Vielleicht war es gut, dass Sie von diesen Schwierigkeiten als Schüler nichts gewusst haben. War es Liebe auf den ersten Ton?
Eher auf den ersten Blick. Ich war völlig begeistert von der Harfenlehrerin, die gerade an der Schule angefangen hatte. Die Gehörbildungslehrerin meinte übrigens, ich sei total unmusikalisch und sollte doch besser Fußball spielen. Hätte ich also nicht diese wunderbare Harfenlehrerin gehabt, wäre es auf den Sport hinausgelaufen.

Xavier de Maistre bei einem Gastspiel in Lübeck.
Xavier de Maistre bei einem Gastspiel in Lübeck. © 54° / Felix Koenig via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Harfenengel brauchen Muckis

Sind Sie nicht auch ein guter Ruderer?
Das habe ich auch gemacht, ja, aber nur bis zur Jugendnationalmannschaft.

Der Engel an der Harfe braucht starke Arme. Sind Sie an der Schule wegen der Harfe gehänselt worden?
Ich habe es jedenfalls nicht wahrgenommen. Aber ich wollte etwas Originelles spielen, deshalb kamen Klavier oder Geige nicht infrage. Mittlerweile gibt es viel mehr Jungs, die Harfe spielen. In meiner Klasse an der Musikhochschule in Hamburg war die Verteilung letztes Jahr zum ersten Mal 50 zu 50.

Marie Antoinette kam mit einer Harfe nach Versailles

Zu Zeiten Händels saßen Männer an der Harfe. Weshalb ist sie überhaupt zum Fraueninstrument geworden?
Zumindest in Frankreich hat das vor allem mit Marie Antoinette zu tun. Als die junge Habsburgerin nach Versailles kam, hatte sie eine Harfe im Gepäck. Für die Töchter der „guten Gesellschaft“ war sie ohnehin ein Vorbild, deshalb gehörte es in Adels- und Großbürgerskreisen bald zum guten Ton, dass man als Mädchen Harfe lernt. Parallel dazu sind die berühmtesten Harfenisten der Zeit nach Versailles gezogen, weil sie sich Aufträge von der Königin versprochen haben.

„Harpo Marx ist großartig!“

Harpo von den Marx Brothers hat das Ruder zwar nicht rumgerissen, aber der Harfe einen herrlich schrägen Touch gegeben. Wie finden Sie sein Spiel?
Harpo Marx ist großartig! Er konnte schon spielen, aber auf eine sehr unkonventionelle Weise. Ich liebe die Szene, in der er quasi die Harfe aus dem Klavier holt, sie ist ja auch eine Art Klavier. Oder noch besser: Wenn Harpo in den Spiegel schaut und plötzlich mit sich selber ein Duett spielt.

Hilft es, wenn man eine große Fingerspannweite hat?
Für das Greifen von Akkorden ist das sicher von Vorteil. Es gibt aber auch Nachteile, weil die Saiten schwingen, und wenn man große Hände hat, kommt es beim Greifen leicht zu Nebengeräuschen. Ich habe eine spezielle Technik, muss die Finger von oben einsetzen und gleichzeitig die Saite dämpfen, bevor ich weiterspiele. Kollegen und Kolleginnen mit kleinen Händen und dünneren Fingern haben es leichter - und auf der anderen Seite auch schwerer, bis nach ganz unten zu kommen.

Die Kastagnetten von Lucero Tena passen ganz fabelhaft zum Harfenspiel von Xavier de Maistre.
Die Kastagnetten von Lucero Tena passen ganz fabelhaft zum Harfenspiel von Xavier de Maistre. © Beatrice Waulin / Sony Classical

Immer mal was Neues: Warum nicht Kastagnetten zur Harfe?

Die Entscheidung für die Harfe bereuen Sie sicher nicht. Was stand noch zur Auswahl?
Ich habe Politologie studiert, erst in Paris, dann ein Jahr an der London School of Economics. Diese Welt hat mich schon auch sehr angezogen. Ich lese heute noch zwei, drei Zeitungen jeden Tag, auch aus verschiedenen Ländern. Durch meine vielen Reisen sehe ich, wie unterschiedlich Ereignisse wahrgenommen und bewertet werden. Es gibt also viele Interessen über die Musik hinaus. Und die Mischung aus Wirtschaft und Politik hat mir vielleicht auch geholfen, strategisch zu denken.

Inwiefern?
Mit dem klassischen Harfen-Repertoire bin ich weder bei Konzertagenturen noch CD-Labels angekommen. Es hieß immer, das lässt sich nicht verkaufen. Also habe ich mir gesagt, ich muss am Repertoire arbeiten, interessante neue Konzepte entwickeln. Zum Beispiel das Projekt mit Harfe und Kastagnetten. Man kann als Künstler noch so gut sein, die wirtschaftliche Dimension gehört genauso dazu.

„Ich wollte unbedingt nach Deutschland“

Sie hatten zweimal eine sichere Stelle. Mit 22 Jahren waren Sie bereits beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dann bald bei den Wiener Philharmonikern.
Das hat meine Eltern kolossal beruhigt! In der Familie gab es noch nie Musiker, deshalb sollte ich ja „etwas Anständiges“ studieren. Es ist mit der Harfe auch schwierig, es gibt eine Stelle pro Orchester, an Opernhäusern können es auch zwei sein. Da muss man zum richtigen Zeitpunkt da sein - und Glück haben.

Xavier de Maistre mit Rolando Villazón bei einem Konzert des Festivals der Nationen 2020 im Kurhaus Bad Wörishofen im Allgäu-
Xavier de Maistre mit Rolando Villazón bei einem Konzert des Festivals der Nationen 2020 im Kurhaus Bad Wörishofen im Allgäu- © via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Sie waren jedenfalls früh zur Stelle.
Ich wollte auch unbedingt nach Deutschland oder Österreich. Das ist für uns Musiker einfach eine Traumdestination, weil die klassische Musik einen ganz anderen Stellenwert hat - auch im Vergleich zu Frankreich.

München war am Anfang ein Albtraum

Ihre Erinnerungen an München?
Ich kam Anfang Januar an, und es war wahnsinnig kalt, dauernd Minusgrade, überall lag Schnee. Dann konnte ich kein Deutsch, und als ich zu üben begann, haben sofort die Nachbarn geklopft. Ein Albtraum! Aber die Situation hat sich mit der Zeit gewandelt. Lorin Maazel, der damalige Chefdirigent, hat mich sehr unterstützt. Ich wäre ohne diese ersten Jahre beim BR sicher nicht so weit gekommen. Sie wissen schon, dass Sie in München ein echtes Glück mit gleich drei fantastischen Orchestern haben? Dafür müssen Sie kämpfen!

Nach zwei Jahren beim BR sind Sie auch schon zu den Wiener Philharmonikern gewechselt.
Das war immer mein Traum! Ich hatte als Kind das Neujahrskonzert angeschaut und gesagt: Da will ich irgendwann sitzen. Alle um mich herum haben milde gelächelt, ja, ja. Aber dann wurde eine Stelle frei, und Lorin Maazel sagte mir: „Die ist für Sie“. In Wien kommt zur Sinfonik die Oper dazu, das ist für die Harfe spannender.

Die Drohung: „Nach zwei Alben ist es vorbei!“

Trotzdem haben Sie Ihre Traumstelle aufgegeben.
Das war auch eine sehr schwere Entscheidung. Mir haben alle abgeraten, das Orchester zu verlassen. „So eine Stelle gibt man nicht auf! Nach ein, zwei Alben ist es vorbei“.

Und dann ging doch alles gut.
Ich hatte mich fast schon damit abgefunden, nie mehr in den großen Konzertsälen zu spielen, aber das Gegenteil war der Fall.

Der Harfenist Xavier de Maistre
Der Harfenist Xavier de Maistre © IMAGO/Andreas Costanzo (www.imago-images.de)

Wie viele Harfen spielen Sie?
Ich besitze vier Exemplare, die auf verschiedene Länder verteilt sind. Eine bleibt in Deutschland, eine ist bei mir in Monaco, eine in Asien, und die vierte steht im Haus auf Sardinien. Harfen zu transportieren ist kompliziert, deshalb werden mir sehr oft Instrumente zur Verfügung gestellt. Ein bisschen ist das wie bei den Pianisten.

Ziehen Sie eine bestimmte Marke vor?
Sicher, denn die Abstände sind bei Harfen nicht genormt. Da stimmen die Griffe eventuell nicht mehr, und man bräuchte zu viel Zeit, um sich umzustellen. Mir ist das schon mal am Konzerttag passiert. Da hat man ein, zwei Stunden und schwitzt Blut und Wasser. Aber das gehört zum Job, nur das Publikum darf natürlich nichts merken.

CD: Xavier de Maistre: „Händel“ mit den Festival Strings Lucerne, Ltg. Julien Quentin (Sony).
Konzert mit dem Münchener Kammerorchester, Ltg. Daniel Giglberger, Sonntag, 8. Februar, 11 Uhr, Prinzregententheater,
Karten unter Telefon 089/548181400

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.