"Wozzek" in der Staatsoper: Mit vollem Einsatz

Alban Bergs "Wozzeck", dirigiert vom künftigen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski im Nationaltheater.
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Wozzeck im Wasser: Simon Keenlyside in Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Alban Bergs Oper im Nationaltheater.
Wozzeck im Wasser: Simon Keenlyside in Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Alban Bergs Oper im Nationaltheater. © Wilfried Hösl

Weil Alban Bergs Musik erst dann aufblüht, wenn sie wirklich präzise gespielt wird, sind Repertoirevorstellungen von "Wozzeck" mehr eine Drohung. Mit bloßer Routine kommt man da nicht weit, und wer womöglich vor knapp einem Jahr den ersten Abend der exzellent gesungenen, aber unterirdisch begleiteten Aufführungsserie mit Christian Gerhaher besucht hat, weiß womöglich, wovon die Rede ist.

Nun hat Vladimir Jurowski die Oper übernommen. Er tritt im nächsten Herbst die Nachfolge von Kirill Petrenko als Generalmusikdirektor an, und da lässt sich das Bayerische Staatsorchester nicht beim lässigen Schlampen erwischen. Die Aufführung wirkte musikalisch frisch wie eine Premiere, und fast so umfangreich dürfte sie allerdings auch geprobt worden sein.

Gespielt wird - coronabedingt - eine Bearbeitung des Dirigenten Eberhard Kloke, in der die vierfache Bläserbesetzung auf die Hälfte reduziert ist. Das hört sich nach einem drastischen Eingriff an. Aber Kloke hat das so geschickt gemacht, dass der Normalbesucher nichts bemerken dürfte - anders als etwa beim klanglich doch ein wenig ramponierten "Eugen Onegin" von Peter Tschaikowsky im Gärtnerplatztheater.

Die Verkleinerung des Orchesters schärft den Klang. Klokes verdichteter Berg klingt weniger nach Mahler und ein wenig mehr wie Schönberg, obwohl das große menschheitsumarmende Gefühl im Zwischenspiel vor dem letzten Bild nicht zu kurz kommt. Ungeschützt vom großen Riesenorchester fordert diese Version von jedem einzelnen Musiker noch mehr Einsatz als sonst. Und sie kommt auch dem Dirigenten entgegen, den schon in der Salzburger Neuinszenierung von 2017 mehr Alban Bergs collagierende Modernität und die blitzenden Farben interessierten. Jurowski achtet - wie sein scheidender Vorgänger - auf höchste Präzision, die als höhere Freiheit daherkommt, weil der Dirigent Sänger atmen lässt und Soli im Orchester frei ausgespielt werden.

Andreas Kriegenburgs 12 Jahre alte Inszenierung passt sich erstaunlich wandlungsfähig allen Umbesetzungen an und wirkt heute womöglich noch zwingender als in der Premiere. Simon Keenlysides Wozzeck wirkt in seiner Natürlichkeit wie der einzige Mensch unter lauter Puppen. Wenn er Marie umbringt, rettet er sie damit fast vor dem Abgleiten in die Welt der Karikaturen. Anja Kampe singt die Rolle mit gleißenden Spitzentönen, ihre Sicht auf die Figur wirkt aber noch ein wenig unfertig.

Der Rest glänzt mit einer runden Ensembleleistung. Ulrich Reß macht - wie immer - aus drei Sätzen eine Hauptrolle, auch die beiden Handwerksburschen (Tobias Schnabel, Boris Prygl) sind ungewöhnlich gut. Gewiss wird nicht jede Repertoirevorstellung in der kommenden Ära so fulminant gelingen. Aber Vladimir Jurowski beweist mit diesem "Wozzeck", dass er jedenfalls die Absicht hat, keinen Schlendrian aufkommen zu lassen.

Wieder Samstag sowie am 21. und 25. Oktober im Nationaltheater, Restkarten unter www.staatsoper.de

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