Wildes Fauchen, fröhliches Brüllen

Alex Hepburn und Cäthe haben ein Gespür für Soul und Rock und verkörpern doch zwei auseinanderstrebende Pop-Frauenrollen
| Christian Jooß
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Cäthe nimmt Liebe und Freiheit selbst in die Hand.
O. Reetz Cäthe nimmt Liebe und Freiheit selbst in die Hand.

Böses Mädchen – im Blues-Tempo schwankt der Song über die Tanzfläche. Die Orgel hat schon einen im Tee. Und die Gitarre raucht doch auch nicht nur Zigaretten. Irgendwo in London soll es noch richtig wüst sein, singt die Stimme. Und man glaubt ihr, weil sie den Soul-Schrei hat, aus diesem Körperchen herausbrüllen kann.

Ein böses Mädchen, diese Alex Hepburn. Die auf nahezu allen Fotos die vollen Lippen lasziv leicht geöffnet hat. Eine Schottin, aufgewachsen in Frankreich, in London lebend – „Together Alone“ heißt ihr Debüt, das sich wunderbar über diese Stimme verkaufen lässt.

Und dann hat sie mit „Under“ auch noch eine dieser Pop-Balladen-Singles, die man in der Gesamtheit des Albums immer wegdrücken würde, die bei ausreichender Radiorotation aber dazu animieren, mit anderen verrückten Hühnern zwei, drei Gläser Prosecco zu trinken.

„Get Heavy“ – wenn das keine Anmache ist, zu einem jede gerade Zählzeit betonenden E-Gitarren-Beat, so ähnlich, wie vor langer Zeit Lenny Kravitz sich Jimmy Hendrix vorstellte. Dessen träges, knapp hinter dem Beat hängendes Groove-Gefühl hat seine Gitarrenauferstehung in „Love To Love You“. Und hier hört man dann, dass das böse Mädchen eigentlich nur eine dieser Wildkatzen ist, die der richtige Typ schon zähmen kann – grrrr!

43 Jahre nach dem Tod Janis Joplins, 53 Jahre nach Wanda Jacksons „Let’s Have A Party“ sind Frauen, die rocken können, immer noch Mädchen, die am Ende des Tages („Hold Me“) einfach nur im Arm gehalten werden wollen. Erstaunlich, wie flüssig dieses ältliche Rollenbild im Gesamtkonzept dieser Platte runtergeht. Wie entfernt da Bands wie Sleater-Kinney und Bikini Kill scheinen. Für Männer ist der Bewegungsspielraum aber auf diesem Album auch nicht viel größer. Sie haben die Schulter zum Anlehnen und sind Projektionsflächen für das, was man so Liebe nennt.

„Ich will wissen, wer du bist / wenn du fällst fällst fällst und nichts mehr / unmöglich ist“, singt die Cäthe mit einer grundsätzlich recht ähnlichen Rockexpression in der Stimme und doch grundverschieden. „Ich muss gar nichts“ hieß 2011 ihr Debüt mit dem sie bei „Inas Nacht“ und „Harald Schmidt“ Gast war. „Verschollenes Tier“ ist der Nachfolger.

„Lügen ist Scheisse!“ steht ehrlich und rechtschreibschwach ins Booklet gekritzelt. Auf dem Cover sieht man die kleine Cäthe, mit dem Fahrrad gestürzt, ungläubig über Fall, Schmerz und Kamera. Cäthe schaut gerne zweimal dahin, wo es wehtut und kann einen nerven.

„Deine schizophrene Art und Weise / treibt mich über gefährlichen Asphalt“, singt sie zum Bläser-Vaudeville-Sound von „Funken“. „Kleingeld“ ist der ätzend heavy groovende Spott über einen Klemmer, ein Mama-Papa-Söhnchen. Hier spricht eine, für die die Emanzipationsbewegung nicht umsonst war.

Nicht als zitterndes Häschen beten, nicht verlassen zu werden, sondern, „Tabula Rasa“, einfach das Scheitern einer Beziehung vorwegnehmen. Rock und Liebe sind individuelle Glückskonzepte. Wer sie richtig deutet, wird auf Dächern UFOs sehen, wie Cäthe, und kann auf Freiheit hoffen.

Alex Hepburn: Together Alone (Warner) Cäthe: Verschollenes Tier (DEAG)

 

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