Kritik

Von Bach bis Webber: Passionen am Karfreitag

Eindrücke unserer Rezensenten von Aufführungen der Matthäuspassion, der Johannespassion und des Musicals "Jesus Christ Superstar" am Feiertag in München.
von  Adrian Prechtel, Christa Sigg, Robert Braunmüller
Der Dirigent Christian Kabitz.
Der Dirigent Christian Kabitz. © Alexandra Vossding

Am Karfreitag herrscht traditionell musikalischer Hochbetrieb: Zweimal die "Matthäuspassion" in der Isarphilharmonie, einmal die "Johannespassion" im Prinzregententheater und - erstmals - "Jesus Christ Superstar" im Deutschen Theater. Wir haben die vier Aufführungen besucht.


Bachs Matthäuspassion unter Christian Kabitz

 Das Bach Collegium München mit Chor und Orchester in der Isarphilharmonie

Im neuen Rotationsverfahren des Gasteig war in diesem Jahr  das Bach Collegium München auf den traditionellen und biblischen Termin am Nachmittag des Karfreitag gerückt. Die Isarphilharmonie erlebte ein Klangwunder – nicht durch Manierismen, große Spannungskontraste oder Originalklang-Fixiertheit, sondern durch Schönheit, Innigkeit und subtilem Ideenreichtum.

Die beiden Chöre (mit je 20 Sängerinnen und Sängern) und die jeweiligen Orchester waren räumlich getrennt aufgestellt, so dass wirklich ein –  von Bach gewünschter – bereichernder Stereoeffekt hörbar wurde. Christian Kabitz – in der Mitte am Cembalo – dirigierte und gestaltete ohne übertriebene Tempiwechsel, verlangsamte aber und beschleunigte, dämpfte und ließ durchaus kraftvolle Aussagen treffen – zum Teil innerhalb einer Choralstrophe, so dass theologische Aussagen plastisch hervortraten.

Der Dirigent Christian Kabitz.
Der Dirigent Christian Kabitz. © Alexandra Vossding

Die Zuhörerinnen und Zuhörer wurden intensiv angesprochen, ohne Überwältigungspropaganda. Die Musiker allesamt perfekt, der Klang klar ohne Schärfe, der Chor ebenso. Und wenn Gott – nach dem Alten Testament – jetzt den neuen Bund mit den Menschen schließt, spannte sich der musikalische Regenbogen bei "Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen" so klangschön, flirrend und doch sonnenklar in den karfreitäglich schwarzgetäfelten Raum der Isarphilharmonie, dass man sich erleuchtet vorkam. Martin Platz erzählte als Evangelist wunderbar intensiv, ohne Theatralik, die übrigen Solisten agierten stark, Hanno Müller-Brachmann stellte die Bassarien herausragend in den Raum.

Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) gemalt von Elias Gottlob Haussmann.
Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) gemalt von Elias Gottlob Haussmann. © Imago / Granger / Historical Picture Archive

Wie sagte Berufsatheist Friedrich Nietzsche nach dem Hören der Matthäuspassion? "Wer das Christentum völlig verlernt hat, hier hört er es wirklich wie ein Evangelium." Genau das kann man vom Bach Collegium unter Christian Kabitz sagen. Und das Publikum war dabei auch volksnah gemischt und nicht von überklassischer Strenge, aber allesamt zu Recht begeistert. – Adrian Prechtel


Die Johannespassion im Prinzregententheater

Johanna Soller dirigiert den Münchener Bach-Chor

Wer will da greinen? Der Münchener Bach-Chor ist in famoser Form, und der Wechsel von der Isarphilharmonie ins überschaubare Prinzregententheater bringt eine Intimität mit sich, die gerade Stimmen wohltut. Alter Musik ohnehin. Es muss auch nicht im jährlichen Turnus Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion sein. Zudem liegt der Reiz der für die veränderten Raumdimensionen adäquaten Johannespassion weniger in der Konzentration auf zwei Stunden als in einer souveränen Christusfigur. Bei aller Gottvaterergebenheit.

Abschied beim Münchener Bach-Chor mit der „Johannespassion“: Johanna Soller.
Abschied beim Münchener Bach-Chor mit der „Johannespassion“: Johanna Soller. © Simon Pauly

Gerrit Illenberger nahm dieses Angebot etwas zaghaft an, um sich am Ende als desillusionierter Stoiker am Kreuz zu verabschieden. Dabei bietet das Verhör durch den labilen Pilatus – Ludwig Mittelhammer hält sich klug zurück – die Gelegenheit, fast zornig zu werden. Auch vor einem wankelmütigen Volk, das nach dem salbungsvollen "Wir dürfen niemand töten" allzu schnell die Kreuzigung fordert.

Das Unsagbare erfahrbar machen

Klangschön und textverständlich bis in die Silben hinein macht der Bach-Chor daraus einen veritablen Krimi, den seine Leiterin Johanna Soller geschickt anheizt, aber nie überreizt. Daniel Behle beschert als Evangelist ein geradezu ausgebufftes Storytelling, indem er kleine, im besten Sinne opernhafte Szenen kreiert und nicht ohne innere Beteiligung zwischen den Parteien moderiert. Man kennt den Ausgang und ist doch mitgerissen.

Bachs Johannespassion mit dem Münchener Bach-Chor unter Johanna Soller im Prinzregententheater.
Bachs Johannespassion mit dem Münchener Bach-Chor unter Johanna Soller im Prinzregententheater. © Andreas Schöne

Gut also, dass die Sopranistinnen Flore Van Meerssche ("Zerfließe mein Herz, in Fluten der Zähren") und eine Etage tiefer Sarah Romberger das (Mit-) Leiden in den Mittelpunkt rücken. Dem Unsagbaren kann sich eh kein Mensch entziehen. - Christa Sigg


Die zweite Matthäuspassion in der Isarphilharmonie

Philippe Herreweghe mit dem Collegium Vocale Gent

Die Enttäuschung zu Beginn ist zum Glück rasch überwunden: Philippe Herreweghe verzichtet auf den Knabenchor. Der normalerweise die Vielstimmigkeit von Eingangs- und Schlusschor im ersten Teil durchbricht wie ein gleißender Sonnenstrahl. Doch die acht Sopranistinnen, die die Knaben ersetzen, singen derart vibratolos, dass man sie – fast – als adäquaten Ersatz durchgehen lassen kann.

Chor und Orchester des Collegium Vocale Gent.
Chor und Orchester des Collegium Vocale Gent. © Eric de Mildt

Ansonsten traut man Augen und Ohren kaum: mit nur 24 Sängern ist das Collegium Vocale Gent angetreten, die mal komplizierten, mal suggestiven, mal zu Tränen rührenden, dann wieder maximal dissonanten Chöre des längsten Werks von Johann Sebastian Bach zu singen. Und wie. Zumindest die untere Hälfte der Isarphilharmonie füllen sie mit zweimal zwölf Sängern so mühelos, dass man es kaum glaubt. Die beiden Chöre stehen maximal entfernt rechts und links der Bühne: perfekter Stereoklang. Und man versteht Silben, die man vorher noch nie gehört hat.

Die Solisten treten aus dem Chor heraus

Höhepunkt im ersten Teil: Jesus feilscht am Ölberg mit Gott um sein Leben. Was der junge englische Evangelist Guy Cutting und der österreichische Christus Florian Boesch hier aufführen, jagt einem Gänsehäute über den Rücken und Tränen in die Augen. Cuttings Tenor rollt einen seidigen Teppich aus, auf dem Boesch die Rolle des Abends interpretiert.

Alle anderen Solisten kommen aus dem Chor, sind fast durch die Bank hervorragend. Für die Arien treten sie zumindest ein Stück nach vorne. Nachteil: weiter hinten hat man vermutlich nicht immer den vollen Genuss. Vorteil: man hat viel mehr Gefühl, dass hier ein Organismus zusammen musiziert, als mit vier Solisten vor dem Orchester.

Nach der Pause ist alles ein bisschen anders. Lässt da gerade bei Teilen des Orchesters die Energie ein wenig nach? Immerhin spielt das Collegium die sechste Aufführung in acht Tagen.

Der Dirigent Philippe Herreweghe.
Der Dirigent Philippe Herreweghe. © Michiel Hendrycks

Von Anfang an hat Herreweghe die zwölf Choräle der Passion – also die eher einfach gesetzten, auf alten Kirchenliedern fußenden Betrachtungen – geradezu gleich singen lassen. Im aufregenden ersten Teil ist das erholsam. Im zweiten Teil, wo manches ein bisschen weniger Power hat, eher unterfordernd. Das "Oh Haupt voll Blut und Wunden" einfach nur klangschön gesungen wie irgendein gehobenes Kirchenlied?

Auch der eigentlich maßlos ergreifende Schlusschor: kultiviert, aber fast zu kultiviert. Insgesamt ein paar Rauigkeiten mehr in der Interpretation, ein bisschen weniger protestantische Zurückhaltung, dafür eine legitime Prise katholischen Barocks – die Freude im Leid wäre noch größer gewesen. Dennoch verdienter Jubel, vor allem für die Sänger. – Johannes Roßteuscher


"Jesus Christ Superstar" im Deutschen Theater

Eine halbszenische Version des Musicals von Andrew Lloyd Webber als Alternative zum traditionellen Bach am Karfreitag

Die "Matthäuspassion" am Karfreitag ist ein Ritual, vor allem für evangelisch Geprägte. Bisher gab es dafür in München weder Konkurrenz noch Alternativen. Das Deutsche Theater hat nun einen Versuch gewagt: mit Andrew Lloyd Webbers "Jesus Christ Superstar", in einer Version, die  sich nicht ganz widerspruchsfrei "szenisch-konzertant" nennt.

Drew Sarich (Jesus, li.) mit Serkan Kaya (Judas)
Drew Sarich (Jesus, li.) mit Serkan Kaya (Judas) © El Maximus Manfredo

Das ist nicht weder Fisch noch Fleisch, sondern die beste Variante. Jeder kennt die Geschichte, und jede Bebilderung notgedrungen schwächer als das Kopf-Theater des Zuschauers. Wie auch immer man zu den etwas altmodischen Beschränkungen eines "stillen Feiertags" stehen mag: Konzerte mit Passionsthematik widersprechen ihnen jedenfalls nicht, und auch Bach wird stellenweise ziemlich laut.

Weniger ist manchmal mehr

Und außerdem ist die Musik das Stärkste an "Jesus Christ Superstar": Sie erzählt und interpretiert die Geschichte. Webber wollte damals noch nicht als zweiter Puccini in die Geschichte des Musiktheaters eingehen.  Er verstand sich noch primär als Rockmusiker. Der Stilmix mit etwas Pop und Blues war 1971 auf der Höhe der Zeit und ist erstaunlich frisch geblieben. 

Die aus Wien kommende Produktion von Lukas Perman arbeitet mit schlichten, andeutenden Kostümen. Dazu kommen ein Kreuz und ein Podium aus genormten Bühnenbau-Teilen und ein rotes Tuch. Die zur Unterstreichung der Zeitlosigkeit des Geschehens projizierten Stadt- und Wüstenlandschaften sind fast schon etwas zu viel.

Die halbszenische Version von "Jesus Christ Superstar" von Lukas Perman.
Die halbszenische Version von "Jesus Christ Superstar" von Lukas Perman. © PermanProductions / Manfred Szieber

Drew Sarich – im Sommer als Albin im "Käfig voller Narren" auf der Seebühne im burgenländischen Mörbisch – singt den Verzweiflungssong Jesu mit intensivem, mitfühlendem Ausdruck. Serkan Kaya ist ein starker Judas, das übrige Ensemble samt der elfköpfigen Band unter Christian Frank ebenfalls.

Begeisterter Beifall nach "Jesus Christ Superstar" im Deutschen Theater.
Begeisterter Beifall nach "Jesus Christ Superstar" im Deutschen Theater. © RBR

In der Premiere kam der musikalische Ausdruck vor der Pause entschieden zu kurz: Da wurde zu einseitig auf Kraft gespielt. Das renkte sich nach der Pause ein. Danach ohrenbetäubender Beifall, wie man ihn selten erlebt. Das Deutsche Theater müsste verrückt sein, wenn es diese Produktion am nächsten Karfreitag nicht wieder einladen würde. So begründet man Traditionen. – Robert Braunmüller

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