Uraufführung unter Simon Rattle: Francisco Coll

Von Volker Scherliess stammt die kluge Beobachtung, wonach das Solo-Konzert seit den 1970er Jahren eine Renaissance erlebe. Der Musikwissenschaftler meint damit, dass sich vielfach historisierende Ansätze mit neuartigen Klangerzeugungen und einem extremen Virtuosentum verbinde. Scherliess hat das vor über 25 Jahren formuliert. Allerdings musste man bis zur jetzigen Uraufführung des Klavierkonzerts von Francisco Coll warten, um die Konsequenzen ganz zu erfassen.
Ein Stück, klanglich wie Alice im Wunderland
Mit dem Solisten Kirill Gerstein haben Simon Rattle und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) hörbar gemacht, wie sehr der 1985 in Spanien geborene und in Luzern lebende Coll unterschiedliche Positionen der Konzertgattung vereint.
Da wähnte man sich einerseits in einer betont grotesken Persiflage eines überromantischen Virtuosenkonzerts samt vollgriffigen Kadenzen, wenn da nicht der geradezu klassische Aufbau wäre. Zwei schnelle Ecksätze umrahmen einen gemäßigten Mittelsatz.
Gleichzeitig wird das Verhältnis zwischen Klavier und Orchester divers befragt. Sie agieren gegeneinander, um sich bald die Bälle zuzuspielen oder gemeinsam eine große Jazz-Combo zu bilden. Das Ergebnis klingt wie eine effektreiche Mischung aus Thomas Adès, bei dem Coll studierte, sowie den Opern „Alice in Wonderland“ von Unsuk Chin und „Babylon“ von Jörg Widmann - leicht gewürzt mit György Ligeti.

Mit Gerstein agierte ein Coll-Experte. Erst 2024 hatte er dessen „Two Waltzes Toward Civilization“ für Klavier nach Garcia Lorcas Poem „Dichter in New York“ uraufgeführt. Ein Walzer erklang als Zugabe. Sonst aber war es dem BR-Symphonieorchester zu verdanken, dass das Ganze nicht aus dem Ruder lief. Mit Rattle am Pult gelang eine auch dynamisch perfekt ausbalancierte Exegese, so wie zuvor in den „Dances from Don Quixote“ von 1958 von Roberto Gerhard.
Kein teutonisches Schiffeversenken mehr
Wie viele andere Komponisten aus Spanien setzt Gerhard bei seinem Don Quixote ganz auf bizarre Komik, womit er der unerhörten Vielgestalt des Cervantes-Stoffes nicht wirklich nahekommt. Ganz anders die Don-Quixote-Klaviersuite von Erich Wolfgang Korngold von 1907/09 oder die berühmte Tondichtung von Richard Strauss: Sie fangen jeweils eine hochkomplexe Tragikomik ein. Dafür aber schloss sich mit der jazzig-ironischen Ballett-Suite „Les biches“ von Francis Poulenc ein programmatisch sinnstiftender Kreis.
Das eigentliche Aha-Erlebnis war jedoch „La mer“ von Claude Debussy. Rattle kennt diese drei symphonischen Meeresskizzen wie aus dem Effeff. Im Herkulessaal hat er „La mer“ auswendig dirigiert, obwohl die Partitur einige Tücken bereithält. Wie koordiniert man die Dramaturgie der Klangfarben und balanciert diese gleichzeitig dynamisch aus? Allein in den Choral-Episoden, mit denen die Ecksätze enden, oder im spannungsreichen Mittelsatz lauern einige Tücken. Mit ohrenbetäubender Überwältigung kommt man da nicht weit.

Wer erinnert sich noch an Christian Thielemanns „La mer“ im Jahr 2011 mit den Münchner Philharmonikern? Eine Art teutonisches Schiffe-Versenken vor der französischen Atlantikküste kam da heraus. Nur wenig differenzierter der designierte Philharmoniker-Chef Lahav Shani bei einem Gastspiel beim Lucerne Festival 2024 in der Schweiz mit seinen Rotterdamern.
Die Meeresskizzen Debussys sind Kulminationsstudien, und das gelingt nur mit glasklarem, farbenreich schillerndem Sezieren. Simon Rattle weiß, dass er da seiner hellhörigen, perfekt intonierenden BR-Truppe blind vertrauen kann - berauschend sinnlich, ein Fest!