Übermut tut gut: frische Livestream-Brise dank Robin Ticciati

Live-Stream aus dem Herkulessaal: Robin Ticciati dirigiert das Symphonieorchester des BR, der Bariton Gerhaher singt Mahler.
| Michael Bastian Weiß
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Der britische Dirigent Robin Ticciati (37).
Der britische Dirigent Robin Ticciati (37). © : Marco Borggreve

München - Eines kann man Robin Ticciati wirklich nicht vorwerfen: Dass er sich nicht maximal in die Musik, die er dirigiert, einfühlen würde. Sogar den Schluss des Trauermarschs aus "Adrast" D 137 von Franz Schubert lässt er wie verklärt verhallen, als ob es sich um das Mozart-Requiem handeln würde - und nicht um ein Stücklein aus einem frühen Opernfragment.

Ticciati macht bei Brahms alles richtig

Hier mag Ticciatis Ehrfurcht ein wenig übertrieben wirken. Doch generell muss man es begrüßen, wie unermüdlich der noch nicht vierzigjährige Engländer auf die Suche nach dem tieferen Sinn jedes Werkes geht. In der Serenade Nr. 1 D-Dur von Johannes Brahms kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Ticciati aber macht alles richtig. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Jeder der sechs Sätze bekommt einen ganz eigenen Charakter. Ticciati schafft es, die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks einmal so richtig aufzukratzen, obwohl im Herkulessaal pandemiebedingt kein Publikum angespielt werden kann. Sätze, die oftmals betulich genommen werden wie etwa der erste, stürmen hier übermütig dahin.

Frische Brise - selbst am Laptop

Übermut tut gut: Selbst am heimischen Bildschirm spürt der Hörer die frische Brise, die mit viel Attacke und lustig schmetternden Hörnern alle serenadenhafte Harmlosigkeit austreibt. Auf der anderen Seite kümmert sich Ticciati genau so um das Gefühl, unter seinen Händen können sogar die Tutti heimlich flüstern.

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Intensiver Dialog statt Begleitung

Selten erlebt man auch in den "Kindertotenliedern" von Gustav Mahler das Orchester so aufgeregt. Einzelne Übergänge werden zurückgehalten, holen gleichsam Luft, um dann die folgende Phrase mit Nachdruck zu unterstreichen. Christian Gerhaher wird nicht bloß begleitet, sondern die Instrumentalisten treten mit ihm in einen intensiven Dialog. So kann der Bariton einzelne Dissonanzen mit ungehört süßem Schmerz auskosten, kann einzelne Passagen berichtend deklamieren wie ein weltlicher Evangelist und an genau gesetzten Schlüsselstellen sein Belcanto betörend einsetzen. Gleich, ob Gerhaher die Stimme für einen Höhepunkt verengt oder in tonloser Traurigkeit resigniert: Das BR-Symphonieorchester unterstützt oder nimmt sich in höchster Sensibilität zurück. Das ist der Lohn dafür, wenn man sich in die Musik derart einfühlt.

Das Konzert kann man auf www.br-klassik.de anhören und ansehen.

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