Teuerste Tradition der Welt: Was das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker finanziell einbringt
Wenn es zutrifft, was der Dirigent Franz Welser-Möst einmal der "Süddeutschen Zeitung“ erzählt hat, ist für einen Wiener Philharmoniker am Neujahrstag das Jahr bereits finanziell gelaufen: Das Neujahrskonzert soll 25 Prozent des Jahreseinkommens jener Glücklichen bringen, die diesem privaten Verein der Musiker des Orchesters der Wiener Staatsoper angehören. Und ein bereits quasi-verbeamteter Orchestermusiker eines Opernhauses mit dem fast obligatorischen Nebenjob als Hochschullehrer nagt auch nicht gerade am Hungertuch freiberuflicher Musiker.
Belastbare Zahlen zu den Finanzen des Neujahrskonzerts gibt es nicht: Da lassen sich die Philharmoniker als Verein nicht in die Karten schauen. Die traditionell bereits Mitte Januar erscheinende CD ist üblicherweise ein Bestseller, auch wenn mit diesen Scheiben längst nicht mehr so viel Geld verdient wird wie früher. Außerdem hält die weltweite Übertragung den Marktwert der Wiener Philharmoniker weltweit stabil. Der Imagegewinn für das Orchester, Österreich und Wien lässt sich ohnehin nicht beziffern.
Ausgestrahlt wird das Konzert via Fernsehübertragung und Stream in mehr als 150 Länder. Rund 50 Millionen Zuschauer und Zuschauerinnen schauen aus der Ferne alljährlich zu. Der ORF setzt für die Übertragung 40 Mikrofone und 14 Kameras ein, zwei Tanzeinlagen des Choreografen John Neumeier versüßen das Warten auf die Fortsetzung des Konzerts während der Pause.
Ein Walzer einer afroamerikanischen Komponistin
In den Goldenen Saal an Neujahr hineinzukommen, ist eher schwierig: Die Karten kosten zwischen 35 und 1200 Euro. Sie werden wegen der hohen Nachfrage verlost. Bei den beiden günstigeren Voraufführungen an Silvester und am 30. Dezember werden immerhin bis zu 850 Euro fällig.

Voriges Jahr dirigierte Riccardo Muti mit dem Walzer "Die Ferdinandéer“ von Constanze Geiger das erste Werk einer Komponistin in der Geschichte des Konzerts, das in den vergangenen 87 Jahren 86-mal stattfand. Dirigentinnen müssen sich allerdings weiterhin ganz weit hinten in der Schlange anstellen. Als Diversity-Trostpreise gibt es heuer neben einem offen schwul lebenden Dirigenten und einem weiteren Werk einer Strauß-Zeitgenossin das erste Werk einer afroamerikanischen Frau: den "Rainbow Waltz“ von Florence Price (1887-1953).
Die Berücksichtigung der inzwischen breit - und sogar in unserer schönen Stadt von den Münchner Symphonikern - wiederentdeckten Künstlerin im Programm des Traditionskonzerts sei sein Herzenswunsch gewesen, erklärte der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin in der rituellen Pressekonferenz vor dem Ereignis. Price gewann für ihre erste Symphonie 1933 einen Preis, sie litt als alleinerziehende Schwarze unter der Rassendiskriminierung und komponierte die meisten ihrer 300 Werke für die Schublade.

Der für Klavier geschriebene "Rainbow Waltz“ wurde eigens für das Konzert für Orchester arrangiert. Seine Aufführung ist nicht das einzige Anliegen des 50-jährigen Kanadiers, der hauptberuflich die New Yorker Met musikalisch leitet. Mit der "Diplomaten-Polka“ von Johann Strauß Sohn wolle er bewusst ein Signal für die Bedeutung der Diplomatie in einer zerstrittenen Welt setzen.
Ausklang mit den "Friedenspalmen“
"Wenn wir anfangen zu reden, streiten wir und sind uns uneinig; wenn wir anfangen, dieselbe Musik zu hören, spüren wir, dass wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben“, sagte Nézet-Séguin. Daher endet der offizielle Teil des Konzerts vor den rituellen Zugaben mit einer pazifistischen Geste: den "Friedenspalmen“, einem Walzer aus der Feder von Josef Strauss.
Am 1. März spielen die Philharmoniker unter Andris Nelsons übrigens im frisch umbenannten Trump-Kennedy-Center in Washington. Eine Fortsetzung ihrer Friedensmission? Umgekehrt müsste der Goldene Saal des Wiener Musikvereins eigentlich dem US-Präsidenten gefallen. Ist es Zeit für eine Neuaufteilung Europas bei einem zweiten Wiener Kongress, bei dem die Wiener Philharmoniker die Tanzmusik liefern? Oder strebt das Orchester selbst nach dem Friedensnobelpreis?

Andererseits hat das Neujahrskonzert eine leicht anrüchige und unfriedliche Frühgeschichte: Es geht zurück auf eine Veranstaltung des Nazi-Kriegswinterhilfswerks im Dezember 1939. Ab 1941 stärkte der Dirigent Clemens Krauss mit leichter Musik der Strauß-Dynastie die Heimatfront, wobei die Einnahmen öfter der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude“ zugutekamen.
Die Tradition wurde im befreiten Österreich nach Kriegsende unpolitisch fortgesetzt. Seit 1959 ist das Konzert im Fernsehen zu sehen. Das Ritual mit dem "Donauwalzer“ als zweiter und dem Radetzky-Marsch als dritter Zugabe verfestigte sich in dieser Zeit.
Und noch eine Frau
Nezet-Seguin ist seit 2021 mit dem Bratschisten und Chorleiter Pierre Tourville verheiratet. Der jugendlich wirkende 50-Jährige ist nach Gustavo Dudamel (2017 35 Jahre alt) und Andris Nelsons (2021 42-jährig) der drittjüngste Dirigent dieser Traditionsveranstaltung. Er trat vor 15 Jahren zum ersten Mal mit den Wiener Philharmonikern auf und rettete 2022 eine USA-Tournee des Orchesters, für die ursprünglich Valery Gergiev als Dirigent vorgesehen war. Der war nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nicht mehr vorzeigbar.

Ein Drittel der beim diesjährigen Konzert aufgeführten Stücke sei noch nie zu diesem Anlass erklungen, hieß es bei der Pressekonferenz. Neben Kompositionen von Carl Michael Ziehrer, Joseph Lanner und Mitgliedern der Strauß-Dynastie steht noch ein zweites Werk einer Frau auf dem Programm: die Polka "Sirenen Lieder“ der Strauß-Zeitgenossin und Geigerin Josephine Weinlich.
ZDF, 1. Januar, 11.15 Uhr. Die CD des Konzerts erscheint am 16. Januar
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