Stürmisch vorwärts: Alexander Lonquich spielt Beethoven

In der Kunst regelt der Markt nicht alles. Warum ist der intensive und mitreißende Beethoven-Interpret Alexander Lonquich mehr oder weniger ein Geheimtipp? Vielleicht, weil der 1960 in Trier geborene Pianist in Italien lebt und arbeitet. Weil er von marktgängigeren Kolleginnen und Kollegen als Kammermusikpartner geschätzt wird, wurde er womöglich in dieser Schublade abgelegt und vergessen.
Aber es bleibt ein Rätsel nach dieser sensationellen, am Ende mit Standing Ovations gefeierten Aufführung aller fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven in der ausverkauften Isarphilharmonie. Das Münchener Kammerorchester feierte mit diesem fünfstündigen Konzert seinen 75. Geburtstag. Und das erwies sich als bestmögliche Entscheidung: Lonquichs klarer Blick auf diese Musik passt optimal zu einer kleineren Orchesterbesetzung und der vorsichtig historisch informierten Klangvorstellung seiner Partner. Lonquich rückt Beethovens Frische, Brillanz und sein Brio in den Vordergrund.
Das zeigt sich am ohrenfälligsten beim vierten Konzert: Lonquich unterschlägt die lyrischen Momente zwar nicht. Aber er verzichtet auf romantisierende Drücker und die Simulation von Tiefsinn durch Verlangsamung.
Ein Drama zwischen Klavier und den Streichern
Die schroffe Auseinandersetzung des Klaviers mit den Streichern und die anschließende Annäherung im Andante con moto ist bei Lonquich zwar ein Drama. Aber es braucht kein zusätzliches Pathos, weil bei einer zyklischen Aufführung die Sonderstellung dieses Satzes ohnehin deutlich wird, das zum Herzstück aller fünf Konzerte aufrückt.
Aber noch schwieriger ist es, nach diesem Satz im Finale des vierten Konzerts nicht abreißen zu lassen. Das gelingt dem selbst dirigierenden Pianisten mit dem Klavier wie dem Orchester: Alle Beteiligten steigern die Musik ekstatisch, als sei es die dionysische Apotheose der Siebten.
Was soll danach noch kommen? Das fünfte Konzert in Es-Dur. Es bringt bei Lonquich eine nochmalige Steigerung mit Rückgriffen auf den barsch gespielten Marsch-Tonfall des ersten. Auch hier dominiert bei Lonquich der Schwung. Das Seitenthema ist eher ein Atemholen vor der für die nächste große Steigerung und der großen Konfrontation in der Mitte des ersten Satzes. Hier wurde, anders als sonst hörbar, dass die beiden Fagotte zu den Donner-Oktaven des Klaviers ihren eigenen Kommentar abgeben.

Ohnehin führt die kleinere Orchesterbesetzung zu einem reizvollen Paradox: Sie ist vielleicht nicht lauter, dafür aber deutlicher. Halb so viele Streicher lassen die Bläser hervortreten und führen zu einem Zugewinn an Transparenz, der optimal mit dem klaren, leicht metallischen Klavierklang Lonquichs harmoniert.
Frisch gehalten
Davon profitiert vor allem das vor der Nr. 1 komponierte Konzert Nr. 2 in B-Dur, das von Mozart ausgeht, bei dem aber Lonquich mit flexibelen, aber nicht übertrieben flexiblen Tempi und Kraft vor allem Beethoven hörbar macht. Bei diesem Ansatz wirkt auch die 15 Jahre später komponierte Kadenz mit dem Fugato nicht als Fremdkörper.

Das von Daniel Giglberger eine Spur zu stampfend angeführte Münchener Kammerorchester spielte den ganzen Abend sehr körperlich und deutlich. Den dirigierenden Solisten hielt es bei den Vor- und Zwischenspielen nicht am Klavier. Was für zusätzliche Spannung vor dem nächsten Einsatz sorgte. Aber nur einmal kam Lonquich eine Zehntelsekunde zu spät,
Um 23 Uhr schlug der Pianist dann noch den Bogen zurück: Als Zugabe wiederholte er das Rondo des Konzerts Nr. 1 - aber mit einer anderen Kadenz Beethovens. Für alle, die nun das Gefühl bekommen, etwas verpasst zu haben: Das MKO hat die Beethoven Konzerte 2024 in Landshut auf drei CDs aufgenommen. Von Routine war schon damals nie etwas zu spüren - Lonquich und das Orchester haben den Zyklus erstaunlich frisch gehalten.
Alexander Lonquich: Beethoven - The Piano Concertos, bei ECM (2024)