Interview

Stargeiger David Garrett im Interview: "Musik muss eine Tür öffnen"

Auf seiner neuen "Alive"-Tour spielt der Geiger David Garrett am 29. September in der Münchner Olympiahalle. Mit der AZ sprach er über die kommende Tournee und seine neue Autobiografie.
| André Wesche
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David Garrett war drei Jahre lang nicht auf Tour. Entsprechend freut er sich jetzt auf die Konzerte.
David Garrett war drei Jahre lang nicht auf Tour. Entsprechend freut er sich jetzt auf die Konzerte. © Foto: Christoph Köstlin

Nach einer langen Zwangspause durch die Corona-Pandemie möchte Stargeiger David Garrett endlich wieder durchstarten und seine Erfolgsmischung aus klassischen Stücken und zeitgenössischen Pop- und (Hard-)Rock-Nummern auf großen, internationalen Bühnen live präsentieren. Wir sprachen mit David Garrett über Authentizität, Gänsehautmomente und Groupies.

AZ: Herr Garrett, Sie haben kürzlich Ihre erste Autobiografie herausgebracht. Wie kommt sie an?
DAVID GARRETT: Das Feedback ist toll. Wir sind seit knapp 19 Wochen in den Top-10 oder Top-20 der "Spiegel"-Bestsellerliste. Das freut mich umso mehr, weil das zeigt, dass das Buch wirklich auf Interesse gestoßen ist. Das passiert ein Stück weit nicht nur durch die Werbung, sondern auch durch Mund zu Mund Propaganda.

Wie war das Schreiben?
Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, dieses Buch zu schreiben und genau deshalb habe auch so viel Zeit investiert. Aufgrund der Pandemie hatte ich plötzlich die Zeit, so ein Projekt umzusetzen und es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, in den Archiven zu wühlen. Wir haben die Idee gehabt, das Buch interaktiv zu gestalten. Nicht nur mit Bildern im Buch, sondern auch mit Video- und Audiodateien und zusätzlichem Bildmaterial über QR-Codes. Die Rückmeldungen sind durchweg sehr positiv.

Das Buch trägt den Titel "Wenn Ihr Wüsstet". Nun wissen viele auch viel Persönliches über Sie. Tritt man mit einem gemischten Gefühl auf die Bühne, wenn man den Schleier ein wenig gelüftet hat?
Nein, im Gegenteil! Ich glaube, es fördert das Verständnis für meine Person und meine Facetten. Dementsprechend freue ich mich umso mehr, die Bühne zu betreten. Da existiert jetzt eine zusätzliche, engere Verbindung zu meinem Publikum. Ich bin sehr glücklich darüber. Ich habe das Buch auch geschrieben, weil ich ein paar andere, bisher unbekannte Seiten von mir zeigen wollte. Es freut mich, mit diesem neuen, sehr persönlichen Ansatz Musik machen zu dürfen.

Was erwartet den Besucher Ihrer "Alive"-Tour?
Wir waren jetzt drei Jahre lang nicht unterwegs. Wir haben das Album "Alive" auf Grund der Pandemie noch nicht ein einziges Mal gespielt. Die Konzerte sind vom Januar auf den Herbst verschoben worden. Das Publikum erwartet meine Band und mich mit sämtlichen Musikrichtungen auf der Bühne und einer fulminante Show: also Spaß, Lebensfreude - und vor allem richtig tolle Musik.

Spielen Sie ausschließlich Nummern, die Sie selbst mögen, oder bedienen Sie ab und an auch das Publikum?
Ich bediene mich als Künstler und Interpret. Natürlich hoffe ich, dass ich den Geschmack des Publikums treffe. Ich würde allerdings nie in letzter Instanz eine Entscheidung für das Publikum treffen. Das habe ich mein Leben lang nicht gemacht und bin damit auch sehr gut gefahren. Ich glaube, in dem Moment, in dem du versuchst, das Publikum zu befriedigen, bist du nicht mehr authentisch. Ich muss die Stücke jeden Abend auf der Bühne präsentieren. Da würde ich mich mit Sachen sehr schwertun, die ich nicht mag.

War es nach dem Lockdown schwierig, erfahrene Crews zusammenzutrommeln?
Da müssten Sie meinen Tour-Promoter fragen. Ich habe nichts davon gehört, dass es schwierig für diese Tour sei. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich mich nicht in diese Thematik reingekniet habe. Bis jetzt gab es keine Rückmeldung, dass es Probleme dabei gab, Leute an den Start zu bekommen. Das scheint relativ reibungslos geklappt zu haben.

Hatten Sie schon einmal einen Auftritt, bei dem alles schiefgelaufen ist?
Nein. Wir sind grundsätzlich auf alle Eventualitäten vorbereitet. Natürlich kann mal etwas passieren, aber das ist dann für das Publikum - und teilweise auch für mich - amüsant. Ein Konzert lebt auch von der Spontanität. Wenn ein Mädel mal irgendetwas Komisches in die Stille rein ruft, muss das Publikum genauso darüber lachen wie ich. Es ist auch schön, dass nicht jedes Konzert gleich abläuft. Jede Kleinigkeit macht ein Konzert besonders.

Ein Beispiel?
Uns ist mal die gesamte Soundanlage in der Mercedes-Benz Arena, damals noch O2 World genannt, ausgefallen. Da war dann keine Verstärkung mehr da. Ich habe ein bisschen Solo auf meiner Geige gespielt, bis die Elektronik wieder funktioniert hat. Aber auch solche Sachen sind schön fürs Publikum. Gut, ich selbst habe ein bisschen Blut und Wasser geschwitzt, weil selbst die Solo-Sachen bis zu anderthalb Stunden dauern. Ich wollte das Konzert nicht mit Bach beenden, aber es hat gut für die benötigten zehn Minuten gereicht.

Kann eine besonders schöne Location Ihr Spiel beflügeln?
Nein. Eine besonders schöne Location ist allerdings auch von der Bühne schön anzuschauen. Aber ich spiele in der letzten Instanz für die Musik. Selbst wenn man mich in einen Keller stellen würde, würde ich mit Inbrunst und Leidenschaft spielen. Ich muss mir abends vor dem Einschlafen sagen können: "Du hast alles gegeben!". Das hat nichts mit der Location zu tun.

Wieviel Prozent der Zuhörer würden es merken, wenn Sie nicht auf einer Stradivari, sondern auf einem guten Mittelklasseinstrument spielen würden?
Mit Verstärkern? Null Prozent. Das hat auch damit zu tun, dass ich ein sehr guter Geiger bin und das kompensieren kann. Du brauchst schon ein sehr hochwertiges Instrument, um einen großen Sound zu haben. Wenn du auf einem Mittenwalder Instrument mit hoch gewölbter Decke spielst, dann hast du einfach nicht das Volumen im Instrument. Du kannst darauf drücken, wie du willst, das bekomme selbst ich nicht hin. Die Veranlagung des Instruments muss schon ordentlich sein, dann werden die Leute es kaum merken. Es sei denn, man ist es wirklich gewohnt, in der Philharmonie zu sitzen.

Ihre Russland-Tour haben Sie aus bekannten Gründen abgesagt. Haben Sie die Hoffnung, jemals wieder dort auftreten zu können?
Natürlich! Musik ist auch dazu da, Menschen zusammen zu bringen. Ich will nicht einfach eine gesamte Nation über einen Kamm scheren. Ich habe viele nette, kultivierte, liberale Menschen in Russland kennengelernt. Die haben es nicht verdient, dass sich sage: "Ich werde da nie wieder auftreten.". Musik muss eine Tür öffnen und darf sie nicht schließen. Man sollte sich grundsätzlich von dieser furchtbaren Sache distanzieren, das ist ganz klar. Nicht nur als Musiker. Ich glaube, dass es schon gar nichts Politisches mehr ist, sich vom Krieg zu distanzieren, sondern ein grundsätzliches Statement der Menschlichkeit.

Reagiert das Publikum in Mexiko, Deutschland oder Italien unterschiedlich auf bestimmte Nummern und passen Sie Ihr Programm regional an?
Ja, natürlich. Wenn ich in Mexiko Sachen anspiele, die einen Latino-Charakter haben oder sehr rhythmisch sind, geht das Publikum schon mehr mit als in Mitteleuropa. Wenn du in Europa etwas von Beethoven spielst, ist das eher die Sache, wo eine Identifikation im Publikum stattfindet. Das ist schon auf Nationen angepasst. Ich werde nicht das gesamte Programm ändern, aber ich versuche immer ein bis zwei "Goodies" für die jeweilige Nation parat zu haben.

Sie sind häufig in Unterhaltungsshows. Macht das Spaß oder gehört es zum Geschäft?
Ich mache das sehr gerne. Wenn man ein bisschen durch mein Buch liest, weiß man, dass ich zur Schulzeit nicht so viele soziale Interaktionen hatte. Insofern hole ich das über solche Sendungen nach. Mir macht es Spaß, ich mache das sehr gerne und bin immer mit Elan und Energie dabei.

Werden Sie von Bands angesprochen, ob Sie nicht mal einen ihrer Titel in Ihr Programm aufnehmen könnten?
Ich werde für Kooperationen angesprochen, aber nicht im Sinne von: "Hey, hast Du mal Lust, diesen Titel auf der Geige zu probieren?". Das ist noch nie passiert. Ich habe allerdings auch noch nie eine Absage bekommen. Man muss ja immer die Rechte prüfen, ob man etwas überhaupt aufnehmen darf. Ob das jetzt Metallica, Coldplay oder Lady Gaga ist, die Rechte müssen immer geklärt werden. Ich bin glücklich darüber, dass ich bisher immer eine Zusage bekommen habe.

Sind Sie sauer, wenn Sie jemand in einen Topf mit André Rieu wirft?
André Rieu hat auf seine ganz eigene Art auch etwas ganz Großes geschaffen und ist weltweit bekannt geworden. Wir machen absolut unterschiedliche Dinge, wir spielen nur das gleiche Instrument.

Haben Sie Groupies?
Ich kann diesen Begriff irgendwie nicht richtig einordnen. Habe ich Menschen, die vernarrt in mich sind? Ja. Finde ich das manchmal spooky? Ja. Auf der anderen Seite freue ich mich, dass ich den Menschen etwas gebe.

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