Kritik

Spider Murphy Gang beim Tollwood: Schwammerl in de Knia

Die Spider Murphy Gang spielt im 45. Jahr ihrer Bandgeschichte zum ersten Mal in der Tollwood-Musikarena.
| Dominik Petzold
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Günther Sigl (Mitte) mit der Spider Murphy Gang auf dem Tollwood Festival.
Günther Sigl (Mitte) mit der Spider Murphy Gang auf dem Tollwood Festival. © Jens Niering

Beim Fußball ist es ein erprobtes Mittel: in die eine Richtung antäuschen, in die andere weiterziehen, also den Überraschungseffekt nutzen. Das Prinzip kann auch in der Musik funktionieren, wie die Spider Murphy Gang demonstriert: Die spielt nach 25 Minuten gemütlich den Rock'n'Roll-Klassiker "That's All Right", macht ein kurzes Break – und Pianist Ludwig Seuss haut das Riff von "Schickeria" in die Tasten. Ein echter Wirkungstreffer: Das Publikum springt von den Sitzen auf und jubelt.

Spider Murphy Gang beim Tollwood: Heimspiel für die Münchner Rockinstitution

Das Konzert in der Tollwood Musikarena ist natürlich ein Heimspiel für die Münchner Rockinstitution, auch wenn die Band nach all den Jahren (Tollwood: 34, Spiders: 45) tatsächlich zum ersten Mal hier auftritt. Geplant war das seit 2020, viele Zuschauer hatten ihre Tickets wohl seither schon in der Jacketttasche oder dem Nachttisch liegen, wie Günther Sigl meint. Jetzt kann die Party endlich steigen, gleich an zwei Abenden hintereinander.

Die Band spielt unplugged, Sigl setzt nicht auf elektrische Power, sondern auf die Virtuosität seiner Musiker und lässt ihnen viel Raum: Otto Staniloi spielt tolle Soli am Saxofon, Andreas Keller legt ein wunderbares, höchst unterhaltsames Schlagzeugsolo mit schauspielerischen Elementen hin.

Und Ludwig Seuss eröffnet den zweiten Set allein am Klavier. Das soll sicher auch dazu dienen, säumige Gäste nach der Pause vom Bierstand zum Sitzplatz zu lotsen, bevor die Band wieder loslegt. Aber Seuss reißt mit seinem virtuosen und dynamisch perfekt aufgebauten Boogie-Woogie das Publikum gegen Ende hin dermaßen mit, dass er seine Rolle als Anheizer übererfüllt: Er fackelt gleich das gesamte Zelt ab.

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Gründungsmitglied Barny Murphy ist in Quarantäne

Nur ein Musiker fehlt: Nach zwei Jahren der Corona-bedingten Verschiebungen fehlt beim dritten Anlauf ausgerechnet Barny Murphy, neben Sigl das zweite verbliebene Gründungsmitglied. Er ist in Quarantäne. Als Lead-Gitarrist wird er gut ersetzt durch Louis Thomaß. Der ist Jahrgang 1997 und somit genau 50 Jahre jünger als Günther Sigl, wie der schockiert vorrechnet.

Louis Thomaß nahm kürzlich mit Barny Murphy dessen Solo-Album auf und war schon vorher ein paar Mal bei den Spiders eingesprungen. Bei den Hits wie "Rock'n'Roll Schuah", "Mit'n Frosch im Hois und Schwammerl in de Knia" oder "Schickeria" spielt er Barnys super-eingängige Soli Ton für Ton nach, gibt ihnen nur kurz am Ende eigene Noten.

Einige ihrer Hits lässt die Band in ihrem Unplugged-Set aber auch weg, spielt stattdessen ganz unbairische Rock'n'Roll-Standards von Chuck Berry oder Carl Perkins, dazu "Going Up The Country" von Canned Heat. Doch einen Hit könnten die Spiders natürlich unmöglich aus dem Programm streichen, außer sie würden es darauf anlegen, 3.500 Zuschauer vollkommen verwirrt in die Münchner Nacht zu entlassen. "Rosi" ruft ein Zuschauer schon gegen Ende des regulären Programms. "Wenn Du wüsstest, wie die heut' ausschaut!", kontert Günther Sigl, der den ganzen Abend so charmant-freundlich wie witzig moderiert.

3.500 Zuschauer wünschen sich "Rosi"

Zu Beginn der herbeigejubelten Zugaben dann der nächste Schrei eines Fans, den die Sehnsucht quält: "Rosi!!!" Tja, wird das Laster eine Chance bekommen? Werden sich die Fans, die längst nicht mehr sitzen, umsonst die Füße platt stehen? "Das Leben ist kein Wunschkonzert", doziert Günther Sigl neckisch. "Aber wenn man sich etwas ganz arg wünscht und ganz fest dran glaubt, dann wird es vielleicht wahr."

Erst mal aber noch nicht, die Spiders machen mit "Rock Around The Clock" weiter. Aber nur, weil der Trick eben auch mehrmals funktioniert: in die eine Richtung antäuschen, in die andere weiterziehen, in diesem Fall in Richtung Sperrbezirk. Zum frenetischen Jubeln hat das Publikum diesmal aber keine Zeit, der Song beginnt sofort mit der ersten Strophe, und nach dem kurzen Überraschungsmoment, ungefähr ab dem Wort "Hofbräuhaus", verpassen 3.500 textsichere Zuschauer keine Silbe mehr.

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