So ist das neue Album von U2

U2 wollen auf ihrem neuen Album „Songs of Experience“ wieder ganz wie sie selbst klingen. Das ist ihnen auch auf beeindruckend langweilige Weise gelungen
| Dominik Petzold
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Zyniker würden wohl sagen, dieses Foto von Anton Corbijn sei am Strand Guernsey entstanden, jener Kanalinsel, auf der Geschäftsmann und Weltverbesserer Bono (rechts) Teile seines Vermögens vor der Steuer schützt.
Anton Corbijn/Universal Zyniker würden wohl sagen, dieses Foto von Anton Corbijn sei am Strand Guernsey entstanden, jener Kanalinsel, auf der Geschäftsmann und Weltverbesserer Bono (rechts) Teile seines Vermögens vor der Steuer schützt.

An U2 war ja schon immer alles gigantisch: der Arena-Sound, das Charisma von Bono, der Erfolg. Dass sie auch gigantische PR-Desaster drauf haben, weiß man seit ihrem letzten Album „Songs of Innocence“: Das verschenkten die Iren 2014 in einer größenwahnsinnigen Aktion an alle iTunes-Nutzer. Die bekamen es automatisch in ihre Mediatheken geladen, ob sie wollten oder nicht.

Und die meisten wollten eher nicht, wie der öffentliche Aufschrei bewies. Viele wussten wohl nicht einmal, wer diese Band ist, die da Speicherplatz auf ihren Rechnern und iPhones beanspruchte: Als U2 bei den MTV Awards neulich einen Preis bekam, starrten die meisten jungen Menschen im Wembley Stadion eher ratlos auf die vier Herren mittleren Alters. Die kannten sie wohl höchstens davon, dass sie ihr Album mit viel Mühe von ihren Geräten löschen mussten.

Wer hätte schon gedacht, dass U2 nun pünktlich zu ihrem neuen Album „Songs of Experience“ vor einem noch größeren PR-Schlamassel stehen könnten? Tja, aber dann enthüllten „SZ“-Reporter und andere investigative Journalisten in den „Paradise Papers“, dass Bono Miteigentümer einer Firma im Steuerparadies Guernsey ist, die in ein Einkaufszentrum in Litauen investiert hat, das wiederum jahrelang keine Steuern abgeführt hat. Ausgerechnet Bono, der Moralwächter, der Weltverbesserer – ein Steuertrickser!

Ob er nun tatsächlich viele Jahre lang keine Ahnung hatte, dass sein Geld in einer Steueroase geparkt ist, oder nicht: Mit der Rolle als gutes Gewissen des Rock ist’s vorbei. Und es ist schlichtweg unmöglich, das heute erscheinende Album zu hören, ohne mit Bono in einen fortwährenden Dialog zu treten: „Love Is All We Have Left“ singt er gleich zu Beginn zu schönen Streichern und idiotischem Autotune-Gedudel, die Liebe ist alles, was uns bleibt. Ach Bono, möchte man widersprechen, ein paar Milliönchen sind dann ja wohl auch noch übrig, oder?

Zustimmen muss man dagegen bei dem schrecklich schlichten Rocker „American Soul“: „Blessed are the liars/For the truth can be awkward“ rappt da Stargast Kendrick Lamar im Intro. Gesegnet sind die Lügner, denn die Wahrheit kann unangenehm sein. Genau, Bono, der Mann hat recht!

Diese Dialogangebote an den Hörer sind ein Segen: Denn so macht das recht dröge Album deutlich mehr Spaß. „Wir wollen definitiv Teil der aktuellen Musikkultur sein und nicht nur eine Altherrenband“, sagte Gitarrist The Edge kürzlich. „Produktion, Songwriting und Melodiestruktur sollten zugleich unmissverständlich U2 sein.“ Letzteres ist absolut gelungen, wurde geradezu überfüllt: Man hat all das schon so, so, so oft gehört, dass es auch der Letzte unmissverständlich als U2 erkennt. Das verzerrte Gitarren-Intro von „The Blackout“ etwa klingt absolut nach „Achtung, Baby“. Und viele Kompositionen entsprechen der bekannten U2-Formel bis zur Selbstparodie, „Get Out Of Your Own Way“, „Love Is Bigger Than Anything In Its Way“ oder „13 (There Is A Light)“. Da muss es doch mittlerweile Algorhythmen geben, die das genauso hinkriegen.

Immerhin: Die Single „You’re The Best Thing About Me“ ist eingängig und gefällig, und die Ballade „The Little Things That You Give Away“ ist wirklich schön. Dabei klingen auch diese beiden Songs, als ob U2 sie vor 15 oder 30 Jahren schon mal aufgenommen hätten, samt dem bekannten Gitarrengeklingel von The Edge, Larry Mullens Tom-Tom-Beats und plötzlichen Becken-Attacken, sowie den ewig gleichen U2-Akkordwechseln.

Aber das Album heißt ja auch „Songs of Experience“: Und Erfahrung haben Band wie Zuhörer mit dieser Art von Songs tatsächlich reichlich.

U2, Songs of Experience, ab 1. Dezember bei Universal

 

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