Kritik

So inspriert spielt das Luzerner Sinfonieorchester

Ein Gastspiel aus der Schweiz mit der Pianistin Hélène Grimaud und dem Dirigenten Michael Sanderling in der Isarphilharmonie
Michael Bastian Weiß |
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Die Pianistin Hélène Grimaud.
Die Pianistin Hélène Grimaud. © Matt Henneck

Wie kann ein Solist ein Motiv oder eine Melodie fantasievoll gestalten? Zum Beispiel kann sie oder er eine Linie zu ihrem Ende hin etwas breiter auslaufen lassen, vielleicht eine motivische Geste überraschend leiser nehmen, ein besonders lockeres Staccato anwenden oder ein wenig Geräuschhaftigkeit in die Tonproduktion einfließen lassen, kurz: bei der Gestaltung mitdenken.

Genau solche Tugenden kann man beim Gastspiel des Luzerner Sinfonieorchesters in der Isarphilharmonie zuhauf studieren. Gleich, ob man auf die Harfe im „Mephisto-Walzer“ Nr. 1 von Franz Liszt hört oder auf Flöte, Klarinette und Fagott in der Symphonie Nr. 4 von Peter Tschaikowsky: Jedes auch noch so kurze Solo wird keck oder seelenvoll vorgestellt, je nach seinem Sinn, aber immer inspiriert.

Es schmälert die Leistung der Schweizer nicht, wenn man auch Michael Sanderling, Chefdirigent seit 2021, einen Anteil an der energiegeladenen Atmosphäre zugesteht. Der Dirigent, der als Cellist mit den besten Orchestern konzertierte, hat nicht nur einen direkten Draht zu den Musikerinnen und Musikern. Er braucht sie auch nicht durch äußerliche Animation bei der Stange zu halten, sondern versteht es, ihr Interesse durch die Interpretation selbst zu wecken.

Jazzige Eleganz

Die Vierte von Tschaikowsky ist für Sanderling ganz klar mehr Programmmusik als symphonische Struktur. Jeder ihrer Formabschnitte wird bildhaft zugespitzt, etwa anfangs so ermattet, schleppend genommen, dass man die Schwere körperlich spüren kann. Hat sich die Musik in selige Traumverlorenheit gerettet, fahren die schneidenden, wohlgemerkt nicht brutalen, Blechbläser in die Utopie: Diesen Kampf zwischen dem unerbittlichen Schicksal und dem symphonischen Subjekt kämpft das Publikum unmittelbar mit. Hinreißend.

Die Pianistin Hélène Grimaud.
Die Pianistin Hélène Grimaud. © Matt Henneck

Hélène Grimaud hat das Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel schon vor gut 15 Jahren in München gespielt, genau wie ihr Kollege Fazil Say, der ebenfalls vor ein paar Monaten mit diesem Werk wiederkehrte. Während Says Vortragsstil in der vergangenen Zeit noch extravaganter geworden ist, hat Hélène Grimaud an Möglichkeiten, an Freiheit, dazugewonnen, ohne dass dies auf Kosten der Contenance ginge.

Der Dirigent Michael Sanderling.
Der Dirigent Michael Sanderling. © Marco Borggreve

Sie strebt mit ihrem einzigartigen, distinkten, sehnigen Ton französische Clarté an, wo Say auf die Suche nach jazzig Improvisativem und schummrigem Blues ging. Damit zeigt sie mehr von der stilistischen Vielseitigkeit des Komponisten und wahrt gleichzeitig ein insbesondere für Ravel wesentliches Moment von Überpersönlichkeit: im Gegensatz zum allzu Privaten. Wenn aber raue Fagottsoli aufblitzen und Hélène Grimaud mit einem anderen Solisten ein Duett spielt, in dem das Englischhorn klingt wie ein Saxophon - dann stellt sich auch hier ein Hauch jazziger Eleganz ein.

  • Themen:
Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.