Simone Kermes: Abrechnung und Neuanfang

Ausbeutung durch das Label oder Tausende Klicks und nur ein paar Euro: Simone Kermes will jetzt endlich selbstbestimmter sein. Und Sie hat ein neues Album: "Eternity".
| Dominik Petzold
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Rückzug in die Intimität nach und während des Lockdowns: Simone Kermes (Gesang) und Gianluca Geremia (Theorbe).
Rückzug in die Intimität nach und während des Lockdowns: Simone Kermes (Gesang) und Gianluca Geremia (Theorbe). © Dirk Bleicker

Glamour, Starruhm, Applaus? Die Wahrheit, unter welchen Bedingungen sich Künstler über Wasser halten müssen, ist oft bitter. Simone Kermes ist aus gängigen Strukturen ausgebrochen. Ein Risiko-Interview.

AZ: Frau Kermes, Ihr Album "Eternity" erscheint nicht auf CD, sondern bei dem Streaming-Portal Spotify und als Download bei Bandcamp. Wieso?
SIMONE KERMES: Man muss sich dem Zeitgeist anpassen. Wer hört noch CDs? Sie sind etwas für Liebhaber, auch zum Verschenken sind sie gut. Aber jüngere Leute hören alles über Spotify. Und Bandcamp steht für Künstler, die eine Plattenfirma satt haben. Ich hatte zehn Jahre einen Exklusivvertrag. Da zahlt die Plattenfirma die Aufnahme und man bekommt einen kleinen Obolus. Man muss durch Verkäufe reinwirtschaften, was ein Album gekostet hat, erst ab dann verdient man wieder einen kleinen Anteil. Wenn sich ein Album nicht extrem gut verkauft, sieht man also: Nichts!

Ohne Plattenfirma müssen sie sich aber um alles kümmern.
Mit der Plattenfirma habe ich ja auch alles selbst gemacht: Ideen, Songauswahl, Cover. Ich habe auch das Booklet geschrieben, habe mich verausgabt, und das ist nie bezahlt worden. Bei der letzten CD "Inferno Paradiso" habe ich auch die Werbung selbst gemacht, habe mir eine Promotionsagentur geleistet, die jeden Monat Geld bekam. Ich hatte überlegt, auch "Eternity" wieder über die Plattenfirma zu machen, aber das Angebot war zu schlecht. Ich wäre nicht mal mehr auf meine Kosten gekommen. Da habe ich gesagt: Ich probiere das mal selbst. Und so behält man auch die Rechte an den Aufnahmen.

Wieso ist das so wichtig?
Die Rechte sind Dein Hab und Gut. Ein Beispiel: Im Film "Parasite", der vier Oscars gewonnen hat, war eine Händel-Arie zu hören. Mir haben dann Leute gesagt: Das ist doch Deine Stimme! Ich wusste das gar nicht und sagte: Das ist ja Wahnsinn! Aber was nützt mir das? Ich habe das damals für die Deutsche Grammophon/Universal aufgenommen, und sie haben die Rechte.

Sie bekamen keinen Cent?
Nein.

Jetzt veröffentlichen Sie über Spotify, und da verdienen Künstler grundsätzlich so gut wie nichts.
Ja, ich weiß gar nicht, wie viel ich pro Klick bekomme.

Im Schnitt 0,0031 Euro!
Aber es macht einen weiter bekannt. Bei Spotify bin ich mit dem vorab ausgekoppelten Stück "An die Einsamkeit" in die Playlist "New Releases" gekommen. Da hatte der Song gleich 15 000 Klicks.

Sie haben damit knapp 50 Euro verdient.
Man muss versuchen, das jetzt auf die Plattform Bandcamp umzuleiten, damit Geld reinkommt. Aber Bandcamp ist noch nicht so bekannt.

Wieso kommt man um Spotify nicht herum?
Spotify ist nötig, damit man im Gespräch bleibt. Es ist auch eine Gelegenheit zur Marktforschung. In meinem Artist-Account sehe ich Geschlecht und Alter der Hörer, die sich "An die Einsamkeit" anhören. Und nach Ländern und Städten ist aufgelistet, wo die Hörer sitzen.

Und?
Die meisten in den USA. Auf Platz zwei: Deutschland. Dann kommen Spanien oder Frankreich. Bei den Städten ist Istanbul ganz groß. Das ist nicht schlecht, da weiß man: Da sollte ich eigentlich mal ein Konzert machen.

Streaming hin, Downloads her: Haben Sie nicht auch Fans, die "Eternity" lieber auf CD oder LP hören würden?
Ja, und wenn es gut läuft, machen wir vielleicht noch eine LP oder CD daraus. Es wäre schon gut, eine CD bei Konzerten zu verkaufen. Für das nächste Album bin ich in Verhandlungen mit einer Plattenfirma: Man kann ja ein Label gründen und eine Plattenfirma macht nur den Vertrieb der CDs. Dann behält man auch die Rechte.


Michael Bastian Weiß über das neue Album "Eternity" von Simone Kermes

Dirigenten und Ensembleleiter haben einen Trick, wenn sie eine Solo-Partie besetzen müssen, sich aber bei einer Sängerin oder einem Sänger nicht ganz sicher sind: Sie lassen den Kandidaten ein Volkslied vortragen. Daran zeigt sich unfehlbar, ob ein Musiker Geschmack hat. Diesen Test kann der Hörer des neuen Albums "Eternity" der Sopranistin Simone Kermes selbst machen. Dazu höre man einmal "Der Mond ist aufgegangen", das von Johann Abraham Peter Schulz komponiert wurde, also erst zum Volkslied wurde.

Die Kunst ist nicht nur, wie Simone Kermes die weiten Bögen der langsam ausgebreiteten Melodie auf einen Atem nimmt und wie jede Strophe noch leiser zu werden scheint, sondern vor allem, wie diese Kunstfertigkeit so wunderbar natürlich gebracht wird, dass man sie zunächst gar nicht bemerkt. In normalen Zeiten bedeutet ein neues Album von Simone Kermes vor allem: ganz großes Kino. Doch die Zeiten sind eben nicht normal, und so kommt "Eternity" betont bescheiden daher.

Statt von einem bunten Barockorchester wie bei ihren Händel-Platten wird Simone Kermes hier nur von einer Theorbe, also einer Laute, begleitet, die Gianluca Geremia wunderbar schlicht und selbstvergessen spielt, als ob kein Publikum anwesend wäre. Statt halsbrecherischer Koloraturen herrschen ruhige Linien vor wie in dem englischen Song "I will Give my Love an Apple" oder in "A Chloris" von Reynaldo Hahn. Phänomenal, wie kontrolliert die Stimme geführt wird und trotz der Anspannung ganz intim bleibt: Die Diva gibt sich "unplugged", sozusagen. Vor Erfindung der Elektrizität war das der Normalzustand. Gerade die frühbarocken Stücke wie das zärtliche "Partenza" aus den "Affetti amorosi" des italienischen Meisters Giovanni Stefani oder das schön melancholische "Einsamkeit, du Qual der Hertzen" aus "Die ausgesöhnte Eifersucht oder Cephalus und Procris" von Johann Philipp Krieger wirken denn auch besonders authentisch, selbst, wenn sie ursprünglich von größeren Ensembles begleitet werden wie die Arie "Dite, oimè!" aus der Oper "La Fida Ninfa" von Vivaldi.

Im Theater wäre diese Form der Intimität so gar nicht möglich, wenn Simone Kermes etwa ihren opulenten Sopran ganz klein macht, sodass er leicht schwebt und dennoch seinen Materialreichtum verschenken kann. Es empfiehlt sich, den Liedern dieses kleinen, kurzen, auf jeden Fall sehr besonderen Albums auch einmal mit Kopfhörern zu lauschen, damit man wirklich alle Nuancen des Gesangs und des Lautenspiels mitbekommt.

Simone Kermes: "Eternity" (Das Album kann man kostenpflichtig auf simonekermes.bandcamp.com anhören und herunterladen)

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