Simon Rattle: Hartnäckig charmant

Simon Rattle stellt sich per Video als kommender Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks vor.
| Marco Frei
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Simon Rattle dirigiert Karlheinz Stockhausens "Gruppen für drei Orchester" in der Tate Modern's Turbine Hall in London.
Simon Rattle dirigiert Karlheinz Stockhausens "Gruppen für drei Orchester" in der Tate Modern's Turbine Hall in London. © Doug Peters/PA Wire/dpa

Die Erleichterung ist allen anzumerken. Endlich hat die Hängepartie ein Ende und mit ihr die wilden Spekulation rund um die Nachfolge von Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Auch Simon Rattle wirkt auf einer virtuellen Pressekonferenz recht gelöst. Dabei war ihm die Entscheidung, dem London Symphony Orchestra 2023 den Rück zu kehren, um Chefdirigent von Chor und Symphonieorchester des BR zu werden, nicht leicht gefallen.


Mit Politik habe sein Weggang aus London nichts zu tun, unterstreicht Rattle wiederholt. Es habe vor allem persönliche Gründe gegeben: Seine Familie wohne in Berlin, und er habe ihr näher rücken wollen. Genau das berührt aber die Politik, denn: Der vollzogene Brexit lässt das Vereinte Königreich faktisch weiter weg von Kontinental-Europa rücken. Tatsächlich betont Rattle im Verlauf des Gesprächs, dass der Brexit das Tournee-Geschäft für die britischen Orchester nicht einfacher macht.

Einen ähnlichen Spagat vollzieht Rattle in der Frage des neuen Konzertaals. Die Tatsache, dass in London vorerst kein neuer Spielort gebaut wird, sei ebenfalls nicht ausschlaggebend gewesen für seinen Wechsel, aber: "Die Vorstellung, dass das Orchester eine eigene Heimat haben wird, ist natürlich extrem attraktiv." Er hoffe, dass sich auf diesem Gebiet in London noch etwas tut - in den nächsten Jahren.

Was es für den neuen Konzertsaal in München noch zu tun gebe? "Viel Gespräche und Ermutigung", erwidert Rattle. Er wolle hier auf den Spuren von Mariss Jansons wandeln. "Er hat es geschafft, hartnäckig zu bleiben und gleichzeitig charmant." Im Repertoire aber wird Rattle, wie erwartet, ganz eigene Akzente setzen.
Für eine Pressekonferenz sickerte erstaunlich viel Konkretes durch. Als Dirigent, der von der Alten bis zur Neuen Musik ein breites Repertoire pflegt, möchte Rattle aus dem BR-Symphonieorchester heraus zusätzlich ein Originalklang-Ensemble etablieren. Es soll auf historischen Instrumenten musizieren. Für die benachbarte Staatsoper hat Vladimir Jurowski, ab Herbst neuer GMD, ein ähnliches, zusätzliches Originalklang-Ensemble angekündigt. Er wolle die Flexibilität erweitern, so Rattle.

Ob die "Matthäus-Passion" von Bach, die Neunte von Gustav Mahler, ein neues Stück von Ondøej Adámek, ein Purcell-Projekt oder die Viola-Serenade von Johannes Brahms: Rattle strebt eine "riesige Vielfalt" an, und das hat man von ihm auch nicht anders erwartet. Als Interpret der Moderne und des Zeitgenössischen möchte Rattle auch die BR-Reihe "musica viva" befruchten, und auch die Musikvermittlung steht ganz oben auf der Liste.

Zwar betont Rattle, wie gut diese beim BR-Symphonieorchester bereits aufgestellt sei, aber: Im Vergleich zu den Münchner Philharmonikern oder dem Münchner Rundfunkorchester hinkt hier der Klangkörper hinterher. Auch hier soll der neue Konzertsaal im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof Abhilfe schaffen: als eine Art "Spielwiese". Auf Nachfrage ist Noch-BR-Intendant Ulrich Wilhelm "sehr zuversichtlich", dass der neue Saal kommt - trotz Corona-Pandemie.

Gleichzeitig betont Wilhelm, dass seiner Nachfolgerin Katja Wildermuth, ab Februar im Amt, die traditionelle Klassik-Kompetenz beim BR bewusst sei. "Das gehört zur DNA des Bayerischen Rundfunks", so Wilhelm. Diese Kontinuität werde Wildermuth fortsetzen: ein "nahtloser Schutz der Klassik". Dazu zählt Wilhelm explizit ebenso das Münchner Rundfunkorchester. Auch dieser Klangkörper stehe nicht zur Disposition, zumal es ein eigenes, unverwechselbares Profil in der Programmatik verfolge.

Ob das alles eine nachhaltige Garantie ist, wird sich freilich erst noch zeigen müssen. Für Wilhelm steht jedenfalls fest, dass sich die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für die Klangkörper im Rahmen halten. Zwar seien Einnahmen durch Konzertabsagen und Besucher-Reduktionen weggebrochen, gleichzeitig jedoch auch Ausgaben wie Tourneen oder größer besetzte Projekte nicht realisiert worden. Was bleibt, ist schließlich die Hoffnung, dass Rattle generell Synergieeffekte im Münchner Musikleben schärft.

Während nämlich in Berlin zwischen den Orchestern auch programmatisch ein reger Austausch herrscht, samt gemeinsamen Reihen und Festivals, kocht in München noch immer alle eher ihr eigenes Süppchen. Es gibt also für Rattle zu tun an der Isar. Wird er dafür mit seiner Familie nach München ziehen? "Berlin ist Zuhause", bekennt er. Sein deutscher Pass sei aber bereits "unterwegs", sagt Rattle. Die britische Staatsbürgerschaft werde er freilich behalten. Ob es jemals eine Pressekonferenz mit ihm auf Deutsch gäbe? "Das hängt davon ab, wie geduldig man ist - und nachsichtig", witzelt Rattle. Er ist eben ganz der Brite.

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