Simon Rattle dirigiert Musik der Gegenwart

Das London Symphony Orchestra unter Simon Rattle mit Turnage, Birtwistle und Adams im Gasteig
| Robert Braunmüller
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Für die relativ neuen Töne erntet Simon Rattle viel Beifall.
Stefanie Loos Für die relativ neuen Töne erntet Simon Rattle viel Beifall.

Das London Symphony Orchestra gastiert unter Simon Rattle mit Turnage, Birtwistle und Adams

Neue Musik aus den letzten 40 Jahren finden die meisten Konzertbesucher zu anstrengend. Aber sie lässt sich durchaus an den Hörer bringen, wie das bestens besuchte „räsonanz“-Konzert der Siemens-Musikstiftung und der musica viva des Bayerischen Rundfunks im Gasteig zeigte – unabhängig von der Frage, wie viele der Karten wirklich verkauft wurden. Denn die Besucher blieben, und manch einer mag sich entschließen, ein anderes Mal zahlend zu kommen.

Der Grund für den Erfolg dieses Konzerts ist nicht schwer zu erklären. Denn es dirigierte ein Chefdirigent, dem Neue Musik wichtig ist – ein Schwachpunkt von Valery Gergiev wie Mariss Jansons. Simon Rattle nimmt dagegen regelmäßig Musik der Gegenwart in seine Programme, und auch nicht nur prestigeträchtige Uraufführungen. Daran hält er auch nach seinem Wechsel von den Berliner Philharmonikern zum London Symphony Orchestra fest, mit dem er britische und amerikanischer Musik der letzten 40 Jahre in den Gasteig brachte.

Gefährlich brodelnd

Der zornige Neu-Expressionismus von Mark-Anthony Turnage macht es dem Hörer nicht schwer. „Dispelling the fears“ beginnt mit einem finsteren Euphonium-Solo, in dem ein wenig der Anfang von Mahlers Siebter nachklingt. Das schafft Anknüpfungspunkte. Das 1995 fertiggestellte Konzert schämt sich auch nicht, die beiden Trompeten ganz altmodisch miteinander in einen Dialog treten zu lassen.

Unterhalb der ruhig dahinfließenden Oberfläche des Orchesterstücks „The Shadow of Night“ von Harrison Birtwistle brodelte gleichsam etwas Gefährliches unter einem gewaltsam heruntergedrückten Deckel, das sich in extrem schrillen, gepressten Holzbläserklängen manifestierte. Leider wollte das groß besetzte Stück lange kein Ende finden, ehe es dann ganz überraschend mit einem Schlagzeug-Blubbern verschwand.

Spezielle Energie

Nach der Pause dann die „Harmonielehre“ von John Adams, ein minimalistisch grundiertes, sehr frisch gebliebenes Stück mit langen Kantilenen in den Streichern, das nach zwischenzeitlicher „Parsifal“-Düsternis mit einer „Flutwelle aus Blech und Schlagzeug in Es-Dur“ kulminiert, wie der Komponist gesagt hat. Keines dieser Stücke würde einzeln im normalen Abokonzert der Münchner Philharmoniker oder des BR-Symphonieorchesters auch nur einen Besucher verschrecken.

Das London Symphony Orchestra fügte außerdem noch eine handwerkliche Perfektion hinzu, die auch bei den Musikern in München selbstverständlich ist. Aber heikle Tutti-Einsätzen und Schlüsse schienen um ein paar Prozent näher an der Perfektion. Und die ganze spezielle Energie, die es nur bei Chefdirigenten-Konzerten im ersten Vertragsjahr gibt, setzte dem noch eins drauf.

Beim „räsonanz“-Stifterkonzert 2020 gastiert das Orchester Les Siècles unter François-Xavier Roth u. a. mit „Déserts“ von Edgard Varèse

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