"Sexistential" von Robyn: Das glückliche Leben als Milf ohne Mann

Es sind die großen Fragen der (weiblichen) Menschheit, die Robyn (46) sich zuletzt stellte. Wie überlebe ich Liebeskummer? Wie gründe ich eine Familie, wenn Männer Vollidioten sind? Wie beende ich eine Beziehung, während wir noch Sex haben? Bedeutet Verliebtsein überhaupt irgendetwas? Und ist die "eine" Liebe wirklich das große Ziel? Nach sieben Jahren Pause kehrt die furchtlose Schwedin mit in Musik übersetzten Erkenntnissen zurück.
Schnappschüsse aus dem Intimleben
Viel hat sich getan, seit Robyn der Welt ihren Hit "Dancing On My Own" geschenkt hat. Sie hat einige Trennungen durchstehen müssen, ist mit Ansage (also durch künstliche Befruchtung) alleinerziehende Mutter geworden und lebt nun ein Leben als glückliche Milf, die zwar deutlich weniger Zeit als früher für die Musik hat, aber etwas Kunst kann zwischendurch schon noch gemacht werden. Die Inspiration für die neuen Songs stammte offenbar hauptsächlich aus Bett-Situationen: "Die Songs auf dem Album sind alle Schnappschüsse meines Intimlebens, von Gedanken, die ich tatsächlich hatte, während ich mit jemandem geschlafen habe oder schlafen wollte", erklärt Robyn dem "Zeit Magazin". Und zeigt damit mal wieder, dass sie eine Frau ist, die sich nicht weniger um Tabus kümmern könnte.
Während sich gerade jetzt viele Frauen auf den Weg machen, sich von der romantischen Liebe zu emanzipieren, sitzt Robyn schon im Ziel und winkt der nahenden Girlgang fröhlich mit dem eigenen Baby auf dem Arm zu. Zwar geht es in jedem Song um Liebe, Sex, Verliebtsein, aber die damit einhergehenden Gefühle behandelt Robyn eher wie eine Droge, wie in der Single "Dopamine". Verliebtsein und Liebeskummer als Trip: "I know it's just dopamine / But it feels so real to me / I'm tripping on our chemistry".
Ein Lovesong für ihr Kind
Klanglich knüpft "Sexistential" dabei eher an die kantigere Phase von "Body Talk" an: hektische Drumcomputer, zersplitterte Synths, wenig Raum für Nostalgie. Das hat Energie, manchmal sogar Wucht - wirkt stellenweise aber auch bewusst unfertig, fast skizzenhaft. Nicht jeder Gedanke wird hier zu Ende geführt, nicht jede Idee trägt über einen ganzen Song. Interessant ist auch der Blick zurück. "Blow My Mind", früher ein klassischer Lovesong, ist nun keine Liebeserklärung mehr an einen Mann, sondern an ihr Kind.
Überhaupt wirkt Robyn auf "Sexistential" weniger wie jemand, der Antworten sucht, sondern wie jemand, der Muster erkannt hat. Verliebtsein als Rausch, Beziehungen als wiederkehrende Dynamiken, Nähe als etwas, das man will - und gleichzeitig auf Distanz hält. Diese Ambivalenz zieht sich durch das ganze Album. Denn vielleicht ist die große Liebe ja gar nicht das Ziel? Denn: "Was, wenn das dann das letzte Mal ist, dass ich mich verliebe? Hoffentlich nicht!"