Sein Rock'n'Roll-Herz schlägt noch immer

Huey Lewis über seine lange Karriere, sein neues Album und sein Leben in Montana
| Alex Gernandt
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Huey Lewis.
dpa 3 Huey Lewis.
Huey Lewis (3.v.l.) mit seiner Band Huey Lewis And the News.
picture alliance/Deanne Fitzmaurice/BMG/Warner/dpa 3 Huey Lewis (3.v.l.) mit seiner Band Huey Lewis And the News.
Rocker Huey Lewis im Jahr 2000 in Hannover.
dpa 3 Rocker Huey Lewis im Jahr 2000 in Hannover.

Die 80er ohne Huey Lewis? Schwer vorstellbar! Mit Gute-Laune-Hits wie “Heart And Soul“, “Hip To Be Square“, “The Heart Of Rock’n’Roll“ oder “Stuck With You“ gehört er zu jenem Jahrzehnt wie Walkman, Zauberwürfel und Rollerskates. Die Nummer “The Power Of Love“ komponierte Lewis, geboren am 5. Juli 1950 als Hugh Anthony Cregg III. in New York und in Marin County bei San Francisco aufgewachsen, 1985 eigens für das Leinwand-Abenteuer “Zurück in die Zukunft“, mit Michael J. Fox in der Hauptrolle. Kürzlich erschien mit “Weather“ ein Album mit neuen Songs von Huey Lewis und seiner musikalisch versierten Band, die von Kritikern nie wirklich beachtet wurde. Nur sieben Titel, etwa “While We’re Young“ oder “Her Love Is Killing Me“ sind auf “Weather“ zu hören. Dahinter steckt eine düstere Diagnose – und das zu seinem 70. Geburtstag. Mit der AZ sprach Huey Lewis darüber.

AZ: Mr. Lewis, alles Gute zum 70.! Das Wichtigste vorab: Wie steht es um Ihre Gesundheit? Man hörte von einer Ohrenkrankheit. 
HUEY LEWIS: Ja, und die nervt! Nachdem bei mir bereits vor 33 Jahren auf einem Ohr die Menière-Krankheit, eine Erkrankung des Innenohrs, mit Schwindel-Anfällen, Hörverlust und Tinnitus diagnostiert wurde, war nun plötzlich das andere dran. Ein Ohr ist konstant bei nur 20 Prozent Hörvermögen, das andere variiert zwischen 40 und null Prozent. Man muss mit mir also laut und deutlich sprechen.

Was genau ist passiert?
Es war im Januar 2018 in Dallas. Ich war mit meiner Band für ein Privatkonzert gebucht. Auf dem Weg zum Showroom des Hotel hörte ich urplötzlich wahnsinnige Geräusche in meinem Ohr, eine Mischung aus MG-Salve und Betonbohrer. Ich zuckte zusammen: “Was ist das für ein Lärm?“ Man sah mich entgeistert an und sagte mir, das sei der Sound der Vorgruppe. Aber der Lärm war infernalisch, zumindest in meinen Ohren. Ich bin dann trotzdem auf die Bühne und habe die Show hinter mich gebracht, aber gleichzeitig gespürt, dass etwas nicht stimmte. Sofort danach bin ich zum HNO-Arzt. Seitdem konnte ich kein Konzert mehr spielen. 

Wie lautete die Diagnose?
Morbus Menière – aber man fand weder Ursache noch irgendeine Heilungsmöglichkeit. Die Krankheit ist mit Schwindelgefühl, Gleichgewichtsstörungen und Hörverlust verbunden. Soviel steht fest. Das Schwindelgefühl kann man medikamentös reduzieren, aber gegen den Hörverlust gibt’s kein Mittel, selbst ein Hörgerät hilft nur bedingt. Man sagte mir, ich müsse damit leben. Das war ein Schock. 

Waren Sie zuvor je ernsthaft krank?
Ich habe drei Herz-Operationen hinter mir. Vorhof-flimmern hatte bei mir das Risiko auf einen Schlaganfall erhöht. Das wurde behoben. Heute geht’s mir wieder ziemlich gut – bis auf die Ohren. 

Wie meistern Sie die Situation? 
Die ersten zwei Monate waren furchtbar. Ich verfiel ich in Selbstmitleid, lag den ganzen Tag im Bett, nahm starke Medikamente und bekam Steroidspritzen in mein Trommelfell. Danach habe ich es mit Akupunktur versucht, eine Diät gemacht, auf Salz, Schokolade und Koffein verzichtet, war beim Chiropraktiker am Stanford Institut, in der Mayo-Klinik und an der Harvard Medical School – aber niemand konnte mir helfen. Mittlerweile lerne ich, mit der Situation umzugehen, jeden Tag etwas besser.

Wird “Weather“ nun Ihr letztes Album sein?
Ich hoffe nicht, aber wer weiß? Ich bin sehr stolz auf die neuen Stücke. Als Songwriter und Storyteller bin ich froh, nochmal was Neues erzählen zu können. Aber im Studio sind nach der Aufnahme des siebten Songs meine Ohren kollabiert. Nichts ging mehr.

In den Achtzigern hatten Sie das Image des netten All-American-Boy, immer adrett im Anzug, aufgeräumte Frisur, keine Tattoos. Heute tragen junge, hippe Musiker wie Post Malone gar Gesichtstattoos...
Als wir Ende der Siebziger mit The News anfingen, gab’s noch kein Musikfernsehen und erst recht kein Youtube. Image und Optik spielten keine große Rolle, es ging nur um Musik. MTV startete 1981, hätte ich also etwas später mit der Musik angefangen, wäre ich heute sicher auch von Kopf bis Fuß tätowiert. Wenn es der Karriere hilft, warum nicht. Ich habe Verständnis für die neuen Künstler. 

1985 hievte der Kino-Blockbuster “Zurück in die Zukunft“ und eine Oscar-Nominierung Ihre Karriere auf ein neues Level. Wie kam es dazu?
Ein Glücksfall. Produzent Steven Spielberg und Regisseur Bob Zemeckis luden mich zu einem Meeting in Hollywood ein, bei dem auch Hauptdarsteller Michael J. Fox dabei war. Sie verrieten mir, dass Michael im Film einen Typen namens Marty McFly spiele, dessen Lieblingsband laut Drehbuch Huey Lewis & The News sei. Deshalb baten Sie mich, einen Song für den Film komponieren. Ich fühlte mich geschmeichelt und lieferte “The Power of Love“. Dann bekam ich auch noch einen Cameo-Auftritt, als Jurymitglied eines Schülerband-wettbewerbs, bei dem McFly “The Power of Love“ performt. Das war ein großer Spaß.

Vor Ihrer Musikkarriere suchten Sie aber erstmal Abenteuer in weiter Ferne.
Mit 17 trampte quer durch Europa, reiste durch Deutschland – “ein Frankfurter Wurst mit Senf und ein Bier, bitte“ –, Jugoslawien, Griechenland, Spanien bis nach Nordafrika. Ich verbrachte einige Zeit in Marokko. Mit Mundharmonikaspielen habe ich Geld verdient, um über die Runden zu kommen. 

Auf der Reise soll Ihnen die Idee zum professionellen Musikmachen gekommen sein!
Ja. Irre Story. Auf dem Weg nach London verlor ich irgendwo bei Sevilla in Spanien meinen Reisepass. Für einen neuen Ausweis fehlte mir Kohle, also organisierten Leute, die ich kennengelernt hatte, spontan einen Auftritt im dortigen Theater für mich, um so an das nötige Kleingeld zu kommen. Ich hatte bei den Leuten einen Stein im Brett, weil ich aus San Francisco kam. Sie löcherten mich mit Fragen über die Hippieszene, es war 1968, der “Summer of Love“. Ich war plötzlich der Held, erzählte von Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jefferson Airplane. Ich war selbst Hippie, mit langen Haaren und bunten Hemden. In Spanien herrschte das Franco-Regime. Beim Trampen haben mich meist nur deutsche Touristen mitgenommen, weil sie mich mit meinen blonden Haaren für einen Deutschen hielten. Bei dem Auftritt in Sevilla wurde mir jedenfalls klar, was ich wollte: Auf einer Bühne stehen und Musik machen!

Zurück in den USA legten Sie sofort los?
Zunächst begann ich, auch meinem Vater zuliebe, ein Studium an der Cornell University in Ithaca, New York. Zu jener Zeit spielte ich bereits in Amateurbands, und das war mir bald wichtiger als das Mathematikstudium. Im zweiten Semester offenbarte ich meinem alten Herrn, dass ich hinschmeiße und mich als “Bluesy Huey Lewis“ einer Band namens Clover anschließe. Dad war alles andere als begeistert. 

Die Entscheidung bereuten Sie aber nicht...
Nein, obwohl wir zunächst keinen Erfolg hatten. Wir sind nach London gezogen, weil wir uns dort bessere Möglichkeiten erhofften. Von wegen! Mit unserem Folkrock lagen wir da Ende der Siebziger, zu Hochzeiten des Punk, völlig falsch. Ein Highlight war jedoch eine Tour im Vorprogramm von Thin Lizzy. Mit Bandboss Phil Lynott habe ich mich angefreundet und durfte ab und an bei denen mitspielen. Er wurde mein Mentor und hat mir viel beigebracht. Von da an ging es langsam aufwärts. Aber der große Erfolg kam erst mit meiner eigenen Band, The News.

1985 sangen Sie neben Michael Jackson, Lionel Richie, Tina Turner, Bob Dylan u.a. beim Benefiz-Song “We Are The World“ mit, beim dazu gehörenden “Live Aid“-Festival vor 1,5 Milliarden Zuschauern in aller Welt waren Sie aber nicht dabei. Warum nicht?
Mir war zu Ohren gekommen, dass ein Großteil der Spendengelder in Afrika von den jeweiligen Regierungen veruntreut wurden. Der Skandal wurde nie richtig aufgeklärt. Fakt ist, dass vielen Hungernden, etwa in Äthiopien nicht geholfen werden konnte. Aus diesem Grund habe ich die Veranstaltung boykottiert. Bob Geldof, der Organisator, und Bill Graham, mein Tourpromoter, versuchten, mich umzustimmen: “Junge, lass dir die größte Rockshow aller Zeiten nicht entgehen...“ – aber keine Chance. Nicht mit mir. Ich bekam sogar Ärger mit Harry Belafonte, der sich über mich, “the little white kid“, beschwerte, weil ich nicht mitmachte. Aber am Ende habe ich das Richtige getan.

Heute sollen Sie in Montana leben, weitab vom Showbiz! 
Stimmt. Vor einigen Jahren habe ich mir ein Grundstück in der Nähe von Hamilton gekauft, eine Ranch gebaut und die zunächst nur als Feriendomizil genutzt. Nach der Scheidung von meiner Frau bin ich dort ganz hingezogen. Ich halte Vieh, Pferde, all das. Ich liebe die Natur, reite aus, spiele Golf. Nur mein Studio in San Francisco habe ich behalten. 

Was haben Sie für die Zukunft geplant?
Ich konzentriere mich zur Zeit auf mein Musical “The Heart Of Rock’n’Roll“, das am Broadway an den Start gehen soll, sobald dies wieder möglich ist. Es basiert auf meinen Songs, ist aber keine Show über mein Leben. Wir haben es vor einiger Zeit in San Diego uraufgeführt und Standing Ovations bekommen. Jetzt habe ich noch den renommierten Produzenten Hunter Arnold ins Boot geholt. Das Musical soll zeigen: Mein Rock’n’Roll-Herz schlägt noch.

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