Schuberts "Die schöne Müllerin" - neu aufgenommen

Christian Gerhaher hat mit seinem ständigen Begleiter Gerold Huber die „Schöne Müllerin“ von Franz Schubert neu aufgenommen
| Michael Bastian Weiß
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Christian Gerhaher ist nicht nur ein herausragender Liedinterpret: Derzeit probt er in der Bayerischen Staatsoper Mozarts Oper „Le nozze di Figaro“. In der Neuinszenierung von Christoph Loy singt er den Grafen Almaviva. Premiere ist am 26. Oktober, die zweite Vorstellung am 26. Oktober wird live ins Internet übertragen.
Wilfried Hösl Christian Gerhaher ist nicht nur ein herausragender Liedinterpret: Derzeit probt er in der Bayerischen Staatsoper Mozarts Oper „Le nozze di Figaro“. In der Neuinszenierung von Christoph Loy singt er den Grafen Almaviva. Premiere ist am 26. Oktober, die zweite Vorstellung am 26. Oktober wird live ins Internet übertragen.

Christian Gerhaher hat mit seinem ständigen Begleiter Gerold Huber die „Schöne Müllerin“ von Franz Schubert neu aufgenommen

Der Clou dieser neuen Version der „Schönen Müllerin“ ist, dass sie weder mit Musik beginnt noch endet. Denn Christian Gerhaher rezitiert nicht nur im Verlauf der Liedfolge die von Franz Schubert unvertont gelassenen Gedichte, sondern auch einrahmend Prolog und Epilog, zwei längere Texte, die der Komponist ebenfalls ausgespart hat.

Damit wird nicht nur der literarische Anteil des Dichters Wilhelm Müller auf seltene Weise aufgewertet, sondern das ganze Werk gleichsam desillusionierend eingeklammert. Denn Müller hatte in der Erstausgabe der Gedichte, welche 1821 in einem Band mit dem skurrilen Titel „Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten“ erschienen, die eigentliche Lyrik in einen von Ironie geradezu triefenden Rahmen gestellt: Er sprach nicht nur die Hörer direkt an, sondern äußerte sich sogar distanzierend über das tragische Ende der Handlung – das er ja selbst verfasst hatte.

Die Stimme hat an Biegsamkeit gewonnen

Gerhaher ist zwar nicht der erste, der die Gedichte, wohlgemerkt gegen den Willen des Komponisten, wieder mit hineinnimmt, aber er ist sicherlich derjenige Sänger, der die somit entstehende Ironie am feinsten zum Schweben bringt.

Die gelesenen Texte betont er mit seinem hübschen niederbayerischen Zungenschlag eher spitzbübisch als bissig gestimmt; er spricht sogar für einen Sänger überraschend unauffällig, weniger eindrucksvoll als ein professioneller Rezitator wie etwa der Schauspieler Ulrich Tukur, der im Sommer erst mit Gerhaher und Huber auf der Bühne stand.

Wenngleich so ein gewollter Bruch zwischen Rezitation und Musik entsteht, ist doch Gerhahers reines Sprechen nicht von der Textgestaltung seines Gesangs unterschieden: Auch in diesem seinem eigentlichen Metier erscheint der Text wie von selbst, ohne jede Forcierung, und doch in einer solchen glasklaren Präsenz, dass man ohne Mühe jede Silbe versteht.

Mit seinem festen Pianisten Gerold Huber hat Christian Gerhaher die „Schöne Müllerin“ bereits vor fast 15 Jahren eingespielt, seinerzeit für Arte Nova. Der naheliegende Vergleich fördert keine krassen Unterschiede zutage, weder in der Wahl der eher gemäßigten Tempi, noch in der nach wie vor geradezu verwirrend reinen Intonation. Dass aber die Stimme nichts an Material verloren hat, dass ihre sanften Farben keinen Hauch verblasst sind, ihre oft tenoral anmutende Biegsamkeit eher zugenommen hat, ist an sich schon eine Nachricht wert.

Gereifte Interpretation

Und doch haben sich Gerhaher und Huber in der Zwischenzeit verändert, allerdings eher subtil. Gewachsen ist das Ausmaß an Freiheit des gemeinsamen Musizierens. Hört man etwa den „Morgengruß“ oder „Des Baches Wiegenlied“ in beiden Versionen gegeneinander, fällt auf, dass Huber am Klavier heute noch plastischer, atmender agiert, eher weniger selbstverständlich als früher.

Gerhaher lässt in seiner ausgesprochen leichten Deklamation Musik und Text wechselseitig in vollkommener Harmonie ineinander aufgehen; vielleicht würde sich sogar mancher Hörer ab und an ein gewisses Übergewicht an Melodik, eine Verbreiterung des Klangs wünschen. Die meisterliche Balance von Wort und Ton bringt jedoch die gedankliche Komplexität dieser Stücke auf eine Weise zum Schweben, wie es die Musik Schuberts allein nicht vermag – besaß der Komponist doch, wie Gerhaher in seinem hochintelligenten Begleithefttext treffend anmerkt, „keinen besonderen Sinn für Ironie“. Michael Bastian Weiß

Franz Schubert: „Die schöne Müllerin“, Christian Gerhaher, Gerold Huber (Sony)

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren