Interview

Schiller: „Ein Konzert ist keine Demo“

Er zählt zu den erfolgreichsten Electro-Künstlern Deutschlands. Aber auch politisch geht Christopher von Deylen alias Schiller ungewöhnliche Wege
Florian Koch |
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Der große Auftritt liegt Schiller mittlerweile mehr als früher.
Thomas Rabsch 3 Der große Auftritt liegt Schiller mittlerweile mehr als früher.
Schiller ist bekannt für seine perfektionistischen Shows
Thomas Rabsch 3 Schiller ist bekannt für seine perfektionistischen Shows
Schiller. Foto: Annemone Takee
3 Schiller. Foto: Annemone Takee

Ein Weltreisender in Sachen elektronischer Musik. So versteht Christopher von Deylen seinen Auftrag - und hat damit seit 25 Jahren Erfolg. Die Verbindung mit dem Künstlernamen Schiller erklärt sich auch mit von Deylens erster Single „Das Glockenspiel“. Seitdem folgten Hits und Kollaborationen mit so unterschiedlichen Künstlern wie Lang Lang, Unheilig oder Xavier Naidoo. Auf dem Tollwood präsentiert Schiller sein neues Album „Euphoria“.

AZ: Herr von Deylen, die Musikbranche wird immer schnelllebiger. Wie konnten Sie den Erfolg über eine so lange Zeit konservieren?
CHRISTOPHER VON DEYLEN: Eine Formel dafür kann ich leider nicht liefern. Hilfreich war bei mir aber sicher, dass ich in dem, was ich mache, authentisch bleibe. Eine musikalische Weiterentwicklung ist hoffentlich erkennbar, dem Publikum und mir versuche ich aber immer treu zu bleiben. Diese Maxime wurde früher, als ich angefangen habe, aber auch mehr belohnt als heute. Wer heute wahrgenommen werden will, muss das zu 90 Prozent über seine Persönlichkeit, seine Haltung zu verschiedenen Themen und seine Darstellung in den digitalen Kanälen tun. Ich versuche, das Erleben von Musik in den Mittelpunkt zu stellen.

Ihr aktuelles Album „Euphoria“ ist ein bisschen Back To The Roots. Mehr Loveparade als Chillout. Woher kommt die Neupositionierung?
Das hat zwei Gründe. Zum einen drücke ich mich seit ein paar Jahren musikalisch auch als DJ aus. Ich spiele auf arrivierten Elektronik-Festivals wie dem Parookaville. Hier habe ich diese Stilistik, dieses Lebensgefühl des zeitlich begrenzten Loslassens wiederentdeckt. Man kann es auch eine Art Rückführungs-Therapie nennen. Zum anderen habe ich immer versucht den Zeitgeist, den gesellschaftlichen Vibe, in Musik zu kondensieren. Wenn ich das aber heute tun würde, müsste mein Album wahrscheinlich „Dystopia“ heißen. Deswegen habe ich mich für meine Verhältnisse fast provokativ dazu entschlossen, das Gegenteil vom Zeitgeist zu bieten, nämlich „Euphoria“.

Schiller ist bekannt für seine perfektionistischen Shows
Schiller ist bekannt für seine perfektionistischen Shows © Thomas Rabsch

Sie gelten als Perfektionist in Sachen Sound und Lichtregie. Wie schwierig gestaltet sich für Sie dann ein Auftritt im Tollwood Musikzelt?
Vor zehn Jahren hätte ich zu viele Bedenken vor einem solchen Auftritt gehabt. In meinen Anfängen habe ich mich als scheuer Mensch hinter meinen Synthesizers auf der Bühne versteckt. Mittlerweile habe ich aber eine andere Haltung entwickelt, ein „Jetzt erst Recht“-Gefühl und ein gewisses Vertrauen in das eigene Werk.

Es ist nicht ihr erster Auftritt auf dem Tollwood.
Wir haben hier schon einmal, 2008, gespielt. Eine Zeit, in der ich mich noch nicht so frei auf der Bühne ausdrücken konnte, wie es eigentlich gut gewesen wäre. Ich war zu gefangen in musikalischen Laborbedingungen und noch nicht bereit genug, den Moment zu leben und auf das Publikum einzugehen. Ich habe seitdem aber sehr viel gelernt und vertraue der Kraft von Musik viel mehr als früher.

"Eine Schwäche für die Ukraine" 

Auf „Euphoria“ haben Sie mit ukrainischen Künstlerinnen wie Julia Sanina zusammengearbeitet. Steckt dahinter auch ein politisches Statement?
Ich hatte schon immer eine Schwäche für die Ukraine. Wenn ich hier vor Ort bin, beeindruckt mich immer wieder diese Willensstärke, die auch unter widrigsten Umständen sichtbar wird. Ganz plakativ gesagt: Ich fühle mich in Kiew mit Krieg wohler als in Berlin ohne, weil man sich dort entschlossen hat, nicht einfach aufzugeben. Ich bin auch der Meinung, dass die Ukraine in dieser Form gar nicht mehr existieren würde, wenn die Menschen nicht ihre kulturelle Identität lieben würden und der unbedingten Entschlossenheit nachgehen, sie auch verteidigen zu wollen.

Schiller. Foto: Annemone Takee
Schiller. Foto: Annemone Takee

Wie gefährlich ist es aktuell als Künstler in der Ukraine aufzutreten?
Es kommt darauf an, wie man der Situation vor Ort begegnet. Ich bin kein Mensch mit großen Ängsten, bin aber auch nicht unvorsichtig. Und es gibt glücklicherweise auch Apps und andere digitale Netzwerke, die dich genau und zeitnah darüber informieren, ob mit Drohnenangriffen oder Raketen zu rechnen ist.

"Das Miteinander nach dem Luftalarm"

Wann sind Sie unter diesen Bedingungen in der Ukraine zuletzt aufgetreten?
Mitte Januar, als die Angriffe wieder heftiger wurden. Wir haben mit „Interstellar“ ein aufwendiges Konzertformat kreiert, bei dem das Publikum ganz in Weiß erschien. Als die Hälfte meiner Performance ohne Luftalarm vorbei war, stellte sich ein einzigartiges Miteinander zwischen dem Publikum und mir ein. Dieses Gefühl werde ich so schnell nicht vergessen.

Die Ukraine ist nicht der einzige Krisenherd, den sie aus nächster Nähe kennen. Die iranische Künstlerin Yalda Abbasi, mit der Sie häufig auftraten, wurde kürzlich sogar verhaftet.
Um weitere Komplikationen zu vermeiden, werde ich mich dazu an dieser Stelle nicht äußern. 2017 bin ich erstmals im Iran aufgetreten und habe zu meiner Überraschung damit ein internationales Medienecho losgetreten. Angeblich war ich der erste westliche Künstler, der nach der Revolution im Iran aufgetreten ist. Später habe ich auch mit persischen Künstlern zusammengearbeitet. Das Album „Morgenstund“ ist überwiegend im Iran entstanden. Ich empfinde es so, dass die Ukraine ihre Freiheit gegen eine Invasion verteidigt, die von außen kommt. Wohingegen die Iraner ihre Freiheit wieder erlangen wollen, sich aber einem Feind stellen müssen, der von innen kommt. Die ganze Absurdität der Situation fasst für mich zusammen, wenn über mir Drohnen aus dem Iran kreisen, während ich gerade in Kiew auftrete.

Hat das politische Engagement auch einen Einfluss auf den Austausch mit den Fans?
Ich versuche, keine politischen Sonntagsreden zu halten. Trotzdem nehme ich mich mir die Freiheit, in die Ukraine zu fahren, um dort zu spielen. Frei nach Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Alleine dafür gibt es natürlich immer wieder Kritik, mit der ich aber sehr gut leben kann. Ansonsten finde ich, dass ein Konzert keine Demo ist. Für mich sind die Klima-Gaza-Gegen-Rechts-Evergreens der selbsternannten „Kulturschaffenden“ ebenso langweilig wie vorhersehbar. Man kann sich wohltuenden Zuspruch abholen, denn wir wollen ja alle nur geliebt werden. Ich versuche, das überwiegend mit Klang und Musik zu erreichen. Wann und wo auch immer.

Schiller & Parov Stelar spielen am  10. Juli 2026 bei  Tollwood

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
Noch keine Kommentare vorhanden.
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.