Ron Williams präsentiert Superhits, leicht gebleicht

"The Sound of classic Motown": Ron Williams über die Show im Prinzregententheater und die schwarzen Stars der 60er, von den Supremes über die Temptations und Stivie Wonder.
| Adrian Prechtel
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Diana Ross (Mitte) mit ihren „Supremes“ (Cindy Birdsong (li.) und Mary Wilson) nach ihrem Auftritt in London im Januar 1968 mit Paul McCartney.
dpa Diana Ross (Mitte) mit ihren „Supremes“ (Cindy Birdsong (li.) und Mary Wilson) nach ihrem Auftritt in London im Januar 1968 mit Paul McCartney.

"The Sound of classic Motown": Ron Williams über die Show im Prinzregententheater und die schwarzen Stars der 60er, von den Supremes über die Temptations und Stivie Wonder.

Wenn ab Dienstag der Wahlmünchner Ron Williams fünf mal die „Motown“-Show im Prinzregententheater moderiert, weiß er, wovon er spricht: Williams hat viele der Soulgrößen persönlich gekannt – auch als Moderator vieler Musiksendungen im Fernsehen und Radio.

AZ: Mr. Williams, da gründet ein Typ 1959 ein Platten-Label in Detroit und es wird eine einzige Hitmaschine für die kommenden zehn Jahre. Warum?

RON WILLIAMS: Zuvor waren schon R’n’B und Soul in Memphis beim Stax-Label sehr erfolgreich. Nur: Diese Musik haben „weiße“ Radiosender nicht gespielt. Aber Berry Gordy, ein Automechaniker und Boxer, hatte in Detroit, dieser damals boomenden Autostadt mit ihrer vibrierenden schwarzen Arbeiterkultur, eine zündende Idee: Er wollte raus aus dem musikalischen Schwarzen-Ghetto und Musik produzieren, die auch die Weißen hören würden: Motown war also das erste „Crossover“-Soul-Label, das durch „Bleichen“ der schwarzen Musik – einfacherer Groove, poliertere Texte – die ganze US-Gesellschaft erreicht hat. Typen wie Joe Tex oder James Brown waren dafür zu schwarz, zu südstaatig, verschwitzt – kurz: zu echt!

Gibt es eine Definition von Soul?

Nicht richtig, weil zur Musik eben noch eine innerer Zustand hinzutritt: ein Soul-Element, das aus dem Glauben, den Spirituals der Südstaaten kommt. Ray Charles Hit „I’ve got a woman“, aufgenommen in Atlanta, ist die Umtextung von „It must be Jesus“. Es gibt den Test: Wenn einem bei einem Song ein Schauer über den Rücken läuft, dann ist es Soul! Etta James war eine Queen des Soul, die ihre Musik nicht hat steril machen lassen – ähnlich wie Nina Simone. Das waren Frauen, die eben keine Kompromisse gemacht haben. Aber Etta James kennt heute kaum noch jemand in Deutschland.

Ist das Kompromissemachen der Unterschied zwischen Blues, Gospel, Jazz einerseits und Soul und Pop anderseits?

Soul ist da in einer interessanten Zwischenposition, weil man volle Häuser haben wollte. Dennoch hat Marvin Gay zum Beispiel Songs wie „What’s going on“ über die Rassenkrawalle gemacht. Und wenn er heute noch Trump im Weißen Haus erleben könnte, bliebe er auch nicht still. Selbst Michael Jackson hat ja eine gesellschaftspolitische Ebene in seine Songtexte eingebaut.

Wie hat Berry Gordy damals denn seine Talente gefunden?

Fast alle kamen aus Kirchen-Chören – wie Aretha Franklin. Und das weit über die Motown-Zeit hinaus: Meine Freundin Donna Summer zum Beispiel war ein Church-Girl. Whitney Huston ist eine Soul-Sängerin gewesen, natürlich mit starker Tendenz zum Pop. Und damals, Anfang der 60er, hat Gordy seinen Sängern erst einmal ein saubereres Englisch beigebracht. Dann wurden die Frauen hochhackig in schöne Kostüme gesteckt, bei den Herren gab es klassische Anzüge, wenn auch manchmal glitzernd. Weg vom Ghetto-Look, hin zum cleanen Bürgerlichen.

Das nimmt dann den Slogan „Black is beautiful“ vorweg.

Und es ist auch kein Zufall, dass Gordy bei den Supremes plötzlich Diana Ross nach vorne schob, weil sie die am wenigsten „dreckige“ Stimme hatte und am hübschesten aussah. Als sie dann in den 70ern ein bisschen auf Black Power gemacht hat, hat man ihr das dann auch nicht richtig abgenommen.

War der gesellschaftliche Wandel bei der Rassenpolitik die Voraussetzung dafür, dass diese Musik von 1960 an auch bei Weißen ankam?

Nein, denn als Motown 1959 begann, hatte Martin Luther King noch gar nicht seine Protestmärsche begonnen. Man könnte eher umgekehrt sagen: Die Motownmusik hat die Weißen lockerer gemacht. Die haben zum ersten mal zugehört, wenn ein Schwarzer gesungen hat. Die Schwarzen wurden über die Popkultur wahrgenommen, wie zuvor schon ansatzweise über den Jazz. So wurde dann später der Motown-Sound zum Soundtrack der Bürgerrechtsbewegung, die ja auch aufgeklärte, liberale Weiße einschloss. Aber man darf nicht vergessen: Berry Gordy musste anfangs noch weiße Radiosender bestechen, damit sie seine Musik spielten.

Es gibt den Dokumentarfilm „Standing in the Shadow of Motown“, der den Hit-Komponisten, -Textern und Studiomusikern gewidmet ist, die nie offiziell auftauchen.

Ja, weil das Berry Gordy nicht wichtig war. Die Musiker bekamen die Sänger vorgestellt und dann musste innerhalb weniger Tage eine neue Scheibe produziert werden. Die waren schlecht bezahlt und dabei nur für ihre Studiotage. Marvin Gay war der erste, der durchgesetzt hat, dass die Musiker auf der Platte überhaupt miterwähnt wurden.

Und wie haben Sie die Show „The Sound of classic Motown“ konzipiert?

Klaus Gassmann, ein ehemaliger SAP-Manager, war so von der Soulmusik fasziniert, dass er 2006 begonnen hat, die erste Show zu produzieren. Und jetzt bringen wir mit „The Sound of classic Motown“ vor allem die Hits und Gruppen, die auch in Deutschland extrem populär waren: „Dancing in the Streets“, „Papa was a Rolling Stone“, „Let’s Stay Together“ oder „Stop! In the Name of Love“. Aber dabei darf das alles nicht glatt werden.

 

„The Sound of classic Motown“, bis Samstag, 15. April, Prinzregententheater, 20 Uhr, 46 – 81 Euro, Tel. 93 60 93

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