Kritik

Rolling Stones: Höchst lebendiges Alterswerk

Die Rolling Stones bringen mit „Foreign Tongues“ ein neues Album heraus - und es ist bemerkenswert gut
von  Dominik Petzold
Ronnie Wood (links) Mick Jagger und Keith Richards kommen zur Vorstellung des Rolling Stones-Albums „Foreign Tongues“ in New York.
Ronnie Wood (links) Mick Jagger und Keith Richards kommen zur Vorstellung des Rolling Stones-Albums „Foreign Tongues“ in New York. © picture alliance/dpa/Invision

Am Ende des Albums schließt sich der Kreis - schon wieder. Als die Rolling Stones 2023 das Album „Hackney Diamonds“ mit einer Nummer von Muddy Waters beschlossen, ging ihre große Geschichte scheinbar stimmig zu Ende: Denn vor 65 Jahren waren die Teenager Mick Jagger und Keith Richards auf dem Bahnhof von Dartford ins Gespräch gekommen, weil Jagger Platten von Chuck Berry und besagtem Muddy Waters unterm Arm trug.

Nur: „Hackney Diamonds“ war zum Glück nicht ihr letztes Album. Heute veröffentlichen die unverwüstlichen Jagger (82), Richards (82) und Ronnie Wood (79) ihr neues Werk „Foreign Tongues“. Und schließen am Ende den Kreis einfach nochmal: Diesmal huldigen sie auf dem 14. und letzten Song Chuck Berry. Auf dessen „Beautiful Delilah“ wird Jagger von einer akustischen Gitarre begleitet, dazu erklingen ein paar geisterhafte Slide-Töne, und Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers, einer der vielen Gast-Stars, klopft stoisch auf eine Bass Drum.

Die Aufnahme klingt, als ob ein Kassettenrekorder alles aufgezeichnet hätte und erinnert aufs Beste an den Sound von „Beggars Banquet“, dem Großwerk der Stones von 1968. Am Ende lacht Jagger, sagt zufrieden „Yeah“, dann endet der Mitschnitt abrupt, als ob ein Band durchgeschnitten worden wäre, ähnlich wie beim letzten Beatles-Track „Her Majesty“. Stimmiger könnte diese Karriere also nicht zu Ende gehen.

Das Album klingt nicht nach Abschied 

Nur klingt der Rest des Albums rein gar nicht nach Abschied, nach Platten-Testament oder auch nur nach Altherren-Rock - sondern höchst lebendig und richtig gut. Einen Monat waren Jagger, Richards und Wood dafür in einem Londoner Studio, und Produzent Andrew Watt hat die bewährten Stones-Zutaten zu einem satten Sound vermischt.

Mick Jagger (Mitte), Keith Richards und Ronnie Wood von den Rolling Stones wiollen im Jahr 2027 wieder Konzerte geben.
Mick Jagger (Mitte), Keith Richards und Ronnie Wood von den Rolling Stones wiollen im Jahr 2027 wieder Konzerte geben. © picture alliance/dpa/San Francisco Chronicle/AP

Die Gitarren von Keith Richards und Ronnie Wood sind bestens verwoben, bleiben manchmal eher im Hintergrund, drängen aber immer wieder mit seelenvollen Licks nach vorn. Für die nötigen Sound-Muskeln sorgen die üblichen Könner aus der Stones-Live-Band wie Bassist Darryl Jones und Keyboarder Matt Clifford. Vor allem aber das kraftvolle Schlagzeugspiel von Steve Jordan gibt der Band eine neue Energie.

Mitunter wird sie um die Meister-Keyboarder Benmont Tench und Steve Winwood ergänzt, auf „Covered In You“ spielt Paul McCartney druckvoll Bass, auf „Never Wanna Lose You“ Robert Smith von „The Cure“ Synthesizer. Am charakteristischsten aber sind die Schlagzeug-Fills des 2021 verstorbenen Charlie Watts, der bei „Hit Me In The Head“ dank einer alten Aufnahme zu hören ist. Im Zentrum von „Foreign Tongues“ aber steht Mick Jagger. Der 82-Jährige singt höchst vital, seine Stimme klingt wie eh und je. Und als Songwriter hält er die Sache mit einem Kniff interessant: Bei mehreren Songs wie der sehr guten ersten Single „In The Stars“ stampfen die Stones bluesig und mit zünftigen Gitarren-Licks durch die Strophe. Das könnte sich schnell abnutzen - doch im Refrain ändert sich die Richtung: Statt Bluesrock gibt es eine poppige, süffige Melodie in Dur.

Am besten funktioniert das bei der Klasse-Nummer „Divine Intervention“, die die Stones bei Konzerten problemlos zwischen ihre Klassiker platzieren könnten. „Never Wanna Lose You“ klingt ebenfalls Stadion-kompatibel. Produzent Andrew Watt hat eingeräumt, dass man bei den Songs auch an die großen Arenen dachte - was alle Fans gern hören werden, die die Hoffnung auf eine weitere Tour nicht aufgegeben haben.

Songs gegen Musk und die Autokraten

Die Rocker „Mr Charm“ und „Hit Me In The Head“ haben ansteckende Energie. Der milde Disco-Funk von „Jealous Lover“ erinnert an die Stones von „Black And Blue“ oder „Emotional Rescue“. Und eine schöne Überraschung ist die Cover-Version von Amy Winehouse‘ „You Know I’m No Good“: Die Stones spielen etwas schneller als auf der Originalversion - und der Song funktioniert bestens. Nur einige Songs wie „Side Effects“ sind weniger originell, Ausfälle gibt es aber keine, hingegen ein paar echte Perlen: Die mit Country-Sentiment aufgeladene Ballade „Back In Your Life“ nimmt immer mehr an Fahrt auf, Ronnie Wood zeigt in seinem Solo mit wenig Noten viel Seele, und am Ende hebt - wie bei vielen der besten Stones-Aufnahmen - ein Bläsersatz alles auf ein höheres Niveau. Ein Übermaß an Soul hat auch „Some Of Us“: Das von Keith Richards gesungene Stück zählt zu den besten des Albums - wie immer. Und „Ringing Hollow“ zeigt einmal mehr, was oft übersehen wird: Die Stones sind eine großartige Country-Band.

In diesem uramerikanischen Genre blickt Jagger traurig in Richtung USA: „Well, I was madly in love with you before we ever met“, singt er über die Jahre, bevor die jungen Briten erstmals den Atlantik überquerten. Und jetzt? „Lady Liberty don’t look so good when she is wearing a frown”, mit Stirnrunzeln sehe die Freiheitsstatue nicht so gut aus. Namentlich erwähnt er Trump nicht, anders als „mad mogul Mr. Musk“. Aber der US-Präsident ist sicherlich auch gemeint, wenn Jagger in „Covered In You“ singt: „I wake up sick and tired of all these autocrats“.

Immerhin bleibt die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren gewendet haben, wenn die ewig jungen Rolling Stones ihr nächstes Album herausbringen. Mit „Foreign Tongues“ schließen sie den Kreis ihrer einmaligen Karriere zwar aufs Beste, aber das können sie ja gern noch weitere Male tun.

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