Richard Blackford über sein "Great Animal Orchestra"

Richard Blackford hat „The Great Animal Orchestra“ komponiert – eine Symphonie mit Tiergeräuschen. Am Dienstag ist sie im Herkulessaal zu hören
| Robert Braunmüller
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Nimbus Records

Richard Blackford hat „The Great Animal Orchestra“ komponiert – eine Symphonie mit Tiergeräuschen. Am Dienstag ist sie im Herkulessaal zu hören

Von Schubert gibt es ein „Forellenquintett“ und das Lied „Die Krähe“. Haydn hat eine Symphonie mit dem Beinamen „Der Bär“ komponiert. Und Tschaikowsky das Ballett „Schwanensee“. Tiere waren und sind eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für Komponisten. Den Briten Richard Blackford inspirierten sie zum fünfsätzigen „The Great Animal Orchestra“. Am Dienstag spielen die Münchner Symphoniker dieses Stück als deutsche Erstaufführung im Herkulessaal, gefolgt von Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ und Beethovens ebenfalls tierhaltiger Symphonie Nr. 6, der „Pastorale“.

AZ: Mr. Blackford, warum treten Sie in die Fußstapfen von Beethoven, Schubert und Tschaikowsky?
RICHARD BLACKFORD: Ich habe in der BBC die Aufnahmen von Bernie Krause gehört. Er besitzt die größte Sammlung von Tierlauten in der Welt – 15 000 Stunden, zusammengetragen in über 40 Jahren. Diese Klänge haben mich fasziniert, vor allem die Laute der Gibbons aus Borneo.

Und wie wird aus solchen Klängen eine Partitur?
Krause hat seine Aufnahmen aus dem Regenwald in Spektrogrammen sichtbar gemacht. Zu seiner Überraschung organisiert sich die natürliche Welt in Klangschichten: von den für uns unhörbaren, sehr hohen Frequenzen der Fledermäuse, über die Insekten in der mittleren Lage bis hinunter zum tiefen Knurren der Pumas. Das sieht aus wie eine Partitur – von den Flöten bis hinunter zum Kontrabass. Was mich darauf brachte, mit Krause über eine Symphonie zu reden.

Mag er Klassik?
Er ist mehr im Pop zu Hause. Krause hat sich mit Synthesizern beschäftigt und arbeitete an den Soundtracks von Filmen wie Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ oder „Apocalypse Now“ von Francis Ford Coppola mit. Wir sind gemeinsam seine Sammlung durchgegangen. Ich habe 80 davon ausgewählt und dann eine fünfsätzige Symphonie konzipiert.

Ist es wirklich eine Symphonie mit Themen und Verarbeitung nach dem Sonaten-Prinzip?
Im Sinn des 18. Jahrhunderts – der letzte Satz ist ein Rondo. Im Unterschied zu einer Symphonie von Haydn werden die Tierstimmen aber nicht von Instrumenten nachgeahmt. Sie kommen aus dem Sampler. Das Überraschende daran wird für viele Hörer sein, dass sie oft nicht entscheiden können, ob ein Instrument oder eine Tierstimme zu hören ist. Im ersten Satz kann man zum Beispiel nicht entscheiden, ob die Noten von der Flöte kommen oder vom Wal. Das hat es vorher nicht gegeben.

Und warum haben Sie fünf Sätze komponiert und nicht vier wie die Klassiker?
Ich wollte zwei Scherzi haben. Außerdem dachte ich an Béla Bartóks „Konzert für Orchester“. Jedes Instrument ist solistisch bedacht - am Ende des zweiten Satzes gibt es eine lange Kadenz für Schlagzeug. In der Mitte des Stücks gibt es eine Elegie für Fagott.

Was wird da betrauert?
Dieser Satz basiert auf dem klagenden Schrei eines verletzten Bibers, dessen Familie durch eine Sprengung ausgelöscht wurde. Krause hat mir diese Laute vorgespielt – es ist die traurigste Musik, die ich in meinem Leben gehört habe.

Verstehen Sie sich als Umwelt- oder Tierschützer?
„The Great Animal Orchestra“ hat durchaus eine Botschaft: Ich sehe mit Sorge die Zerstörung der natürlichen Lebensumstände vieler Tiere.

Tierstimmen haben in der Klassik eine lange Tradition – von Vivaldi bis Olivier Messiaen. Wie ordnen Sie sich da ein?
Messiaen habe ich als Student in London getroffen. Er hat seinen Werken Vogelstimmen zugrunde gelegt. Er war mit der Umsetzung der Rhythmen und Frequenzen durch Musikinstrumente nie wirklich zufrieden. Niemand kann so schnell spielen wie Vögel singen. In „The Great Animal Orchestra“ habe ich mich daher für Sampler entschieden.

Sie waren Assistent von Hans Werner Henze. Was haben Sie für ihn gemacht?
Ich habe mit ihm beim Festival von Montepulciano gearbeitet und dort dirigiert. In dieser Zeit komponierte er für Covent Garden „Wir erreichen den Fluss“. In dieser Oper spielen drei Orchester. Während er am frühen Nachmittag seine Siesta hielt, versuchte ich die am Vormittag entstandene Musik für diese drei Gruppen zu synchronisieren.

Komponieren Sie für Experten für Gegenwartsmusik?
The Great Animal Orchestra“ wurde bisher elfmal in den USA und England gespielt. Es ist ziemlich populär. Mein Stück ist für die Musiker nicht einfach, aber für den Hörer zugänglich. Ich glaube, es sind wirklich sehr gute Melodien drin.

Aufführung am Dienstag, 20.12., 20 Uhr im Herkulessaal. Um 19.30 Uhr spricht Richard Blackford auf der Gelben Couch mit Annette Josef und dem Dirigenten Kevin John Edusei über seine Komposition, Karten 35 bis 85 Euro bei Münchenticket und an der Abendkasse

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